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Islamisierung der Radikalität?

Olivier Roy zu einem Deutungsversuch des Dschiahdsismus…

Von Armin Pfahl-Traughber

Der bekannte französische Islamismus-Experte Olivier Roy legt in seinem Buch „‘Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod‘. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors“ eine komprimierte Deutung zum Thema vor, welche in der Islamisierung der Radikalität die zentrale Ursache sieht. Man kann hier in komprimierter Form die Position eines bekannten Forschers zum Thema kennenlernen, wobei sie doch sehr stark in diese einseitige Richtung gehalten ist und den Ideologiebezug doch allzu sehr als austauschbaren Platzhalter versteht.

Wie kann man erklären, dass sich in Europa aufgewachsene junge Muslime dem islamistischen Terrorismus zuwenden? Als Antworten auf diese Frage haben sich zwei konkurrierende Interpretationen herausgebildet: die Auffassung von einer Islamisierung der Radikalität und die Deutung von einer Radikalisierung des Islam. Bei der Debatte darüber geht es um die Kernursache, die einmal in einer Grundneigung der Akteure und einmal in einer Interpretation einer Denkungsart gesehen wird. Der bekannteste Repräsentant der erstgenannten „Schule“ ist Olivier Roy, der bekannteste Vertreter der letztgenannten „Schule“ Gilles Kepel. In Deutschland sind beide durch Buchpublikationen mittlerweile fast ebenso bekannt wie in Frankreich, wo sie ihre Differenzen indessen härter und polemischer austragen. Der als Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique arbeitende Roy legt jetzt noch einmal seine Deutung in komprimierter Form vor.

Der Haupttitel, der auf eine Propagandaformel aus dem terroristischen Islamismus zurückgeht, stellt auf ein neues Phänomen in dieser Form von Gewalthandlungen ab: den Todeswunsch. Dieser bildet für Roy den Ausgangspunkt seiner Argumentation, spricht er doch sogar vom suizidalen Terrorismus. Nach seiner Auffassung sei ein „Schlüssel für die derzeitige Radikalisierung deren systematische Verbindung mit dem Tod; diese nihilistische Dimension ist von zentraler Bedeutung. Ihre Faszination besteht in der Revolte an sich, nicht in irgendeinem utopischen Konstrukt. Gewalt ist kein Mittel, sondern Zweck“ (S. 16). Die damit einhergehende Einstellung habe im Islam eine inhaltliche Orientierung gefunden. Roy will diesen damit nicht aus seiner Schuld entlassen, sieht aber andere Gesichtspunkte als entscheidender an. Denn als zentrale Deutung formuliert Roy, „dass gewalttätige Radikalisierung keineswegs eine Folge religiöser Radikalisierung ist, auch wenn sich erstere häufig die Wege und Vorbilder der letzteren zu eigen macht …“ (S. 20).

Diese Auffassung soll dann in den folgenden Kapiteln begründet werden. Dazu verweist der Autor auf einige Forschungsergebnisse, die auf der Auswertung von Daten zu den Tätern beruhen. Er betont dabei Faktoren wie den hohen Grad an „Born again“-Muslimen und Konvertiten, aber auch die fehlenden Gemeinsamkeiten bei sozialen Merkmalen. Ebenso würden postulierte „objektive“ Gründe wie etwa individuelle Diskriminierungserfahrungen oder persönliche Wahrnehmungen des Nahost-Konfliktes fehlen. Zugespitzt heißt es: „Sie sind radikal, weil sie radikal sein wollen, weil sie die schiere Radikalität verlockend finden. Egal welche Daten man auch heranzieht, die mangelhafte religiöse Bildung der Dschihadisten ist immer offensichtlich“ (S. 70). Danach geht Roy noch auf andere Aspekte ein, wozu etwa die Frage gehört, inwieweit der „Islamische Staat“ tatsächlich auch salafistisch sei oder welche Strategie er mit welcher Zielsetzung anwende. Das letzte Kapitel weicht demnach vom eigentlichen Themenschwerpunkt des Werkes ab.

Roys Buch ist ein erneutes Plädoyer für seine Sichtweise, die man hier in knapper und zugespitzter Form ausformuliert findet. Er kann dabei durchaus überzeugende Argumentationsmuster aufbieten, welche aber auch immer selektiv zur Begründung der eigenen Deutung herangezogen werden. Erkennbar geht es ihm nicht um eine differenzierte Aufarbeitung von vorhandenem Datenmaterial, sondern mehr um eben die Bestätigung seiner Grundpositionen. Diese lässt sich auch nicht so einfach von der Hand weisen, ob sie aber als primäre Interpretation gänzlich ausreicht, kann doch bezweifelt werden. Es bleiben bei dem Autor denn auch einige Fragen offen: Warum ist es denn gerade der Islam, der dann auf Radikale so attraktiv wirkt? Ist die Ideologie wirklich nur ein letztendlich austauschbarer und willkürlich gewählter Platzhalter für die Rechtfertigung des Terrorismus? Und: Muss wirklich ein grundlegender Gegensatz zwischen den einleitend erwähnten Interpretationen bestehen, handelt es sich dabei doch um Aussagen zu verschiedenen Ebenen?

Olivier Roy, „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors, München 2017 (Siedler-Verlag), 173 S., 20 Euro, Bestellen?