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Einseitigkeiten gegen andere Einseitigkeiten

Der Psychologe Rolf Verleger, früher Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, kritisiert in seinem Buch „Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus“ eine angeblich unkritische Sicht auf die Politik des israelischen Staates. Das Buch selbst wirkt etwas fragmentarisch und unstrukturiert, sowohl in Form und Inhalt, und setzt der Einseitigkeit einer kritiklosen Sicht auf die Politik der israelischen Regierung seine eigene Einseitigkeit der Ignoranz gegenüber den politischen Kontexten entgegen…

Von Armin Pfahl-Traughber

„Die von der nationalreligiösen Ideologie Verblendeten werden dieses Buch ‚antisemitisch‘ nennen. Hoffentlich! Wenn nicht, wird es mir nicht gut gelungen sein. Getroffen fühlen sollen sich diejenigen – Juden wie Nichtjuden -, die in Wort oder Tat dagegen verstoßen, dass alle Menschen gleich erschaffen sind und dass alle Menschen unveräußerliche Rechte haben (S. 8). Diese Sätze finden sich gleich auf der zweiten Seite des Buchs „Hundert Jahre Heimaltland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus“, das der Psychologe Rolf Verleger veröffentlicht hat. Es handelt sich dabei um eine merkwürdige Ankündigung, die Antisemitismus-Vorwürfe mit Nonkonformismus-Pathos in Verbindung bringen will. Um es gleich vorwegzuschicken: Das Buch ist nicht antisemitisch, aber auch nicht gelungen. Beide Einschätzungen sind auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Der Autor war zwischen 2005 und 2009 Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland und verlor seine dortige Funktion aufgrund seiner öffentlichen Kritik an Israels Politik.

Darauf geht Verleger auch in dem Buch ein. Aber der Reihe nach: Es geht los mit einer Laudatio auf Daniel Barenboim und einem Lob auf Uri Avnery, beides Israelis, die sich für den Ausgleich mit den Palästinenser engagiert haben. Dann wird es autobiographisch, wenn der Autor auf Vater und Mutter eingeht. Und schließlich schildert er seine Erfahrungen im Zentralrat. Abgedruckt ist auch sein Brief an deren damalige Spitze, worin die kritiklose Verteidigung israelischer Militäraktionen durch ihn kritisiert wird. Anschließend will der Autor darlegen, „dass es durchaus eine universalistische, die Menschenrechte hochhaltende Tradition im Judentum gibt und dass diese Tradition ganz selbstverständlich auch im Mainstream der jüdischen Orthodoxie verankert ist“ (S. 74). Demgemäß gab und gibt es immer wieder kritische jüdische Stimmen zur israelischen Politik gegenüber den Palästinensern. In dieser Tradition verortet sich Verleger selbst, setzt dabei der kritisierten Einseitigkeit des Zentralrats aber häufig genug seine eigene Einseitigkeit gegenüber.

Dann springt der Autor plötzlich in die Geschichte, was auch für die fehlende inhaltliche Struktur des Werks steht. Er geht auf die Entwicklung des Judentums in Osteuropa seit Ende des 19. Jahrhunderts ein, beschreibt das Aufkommen des Zionismus in seinen Spielarten und fragt nach Alternativen zu ihm von Amerika bis zum Sozialismus. Der letzte größere Teil erinnert dann an Edwin Montagu, den einzigen Juden im britischen Kabinett von 1917, dem Jahr der Balfour-Deklaration, welche dieser leidenschaftlich ablehnte. Verleger erörtert dessen Gründe dafür, wobei er auch auf das Verhältnis von Antisemitismus und Zionismus sowie auf eine angebliche doppelte Loyalität eingeht. Hier wirken manche Ausführungen schief: Es gab im ersten Fall eine „Interessenüberschneidung“ (S. 193), aber doch bitte schön aus ganz unterschiedlichen Gründen heraus motiviert. Und im zweiten Punkt heißt es zur Erläuterung: „Einerseits Loyalität zu Menschenrechten, andererseits zu Israel und dies bedeutet Solidarität mit Vertreibung und Landraub“ (S. 208).

Bezogen auf den letztgenannten Aspekt lässt sich wieder sagen, dass das Gemeinte auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt ist und es hier gar nicht einen Widerspruch geben muss. Um diesen aber handhaben zu können, meint Verleger, „wird nun behauptet, Kritik an Israel könnte antisemitisch motiviert sein“ (S. 208). Es gibt aber genügend empirische Belege dafür, dass Antisemitismus nicht selten über Israelfeindlichkeit als „Umwegstrategie“ vermittelt wird.  Dies bedeutet umgekehrt nicht, dass alle Einwände gegen Israels Politik ein judenfeindliches Motiv haben. Doch wer behauptet dies ernsthaft? Hier wird ein „Strohmann“-Argument aufgebaut, welches man dann umso einfacher verdammen kann. Die Erfahrungen anderslautender Einseitigkeiten führten wohl bei Verleger zur Bejahung eigener Einseitigkeiten. Leider durchziehen sie sein Buch. Dann gibt es für ihn auch keinen israelfeindlichen Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft, sondern nur „Antisemitismusvorwurf als politische Waffe“ (S. 203).

Rolf Verleger, Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus, Frankfurt/M. 2017 (Westend-Verlag), 255 S., 22 Euro