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Theodor Mommsen zum 200. Geburtstag

Der Althistoriker und Antisemitismus-Kritiker Theodor Mommsen wurde vor 200 Jahren geboren. Ein Lesebuch präsentiert wichtige Texte von ihm…

Von Armin Pfahl-Traughber

Am 30. November 1817 wurde Theodor Mommsen geboren. Anlässlich seines 200. Geburtstags erschien eine Sammlung von Texten, um an den auch heute noch bekannten Althistoriker zu erinnern. 1902 hatte er den zweiten Literaturnobelpreis verliehen bekommen, eben nicht für ein literarisches, sondern ein wissenschaftliches Werk. Gewürdigt wurde damit die Sprachgewalt seiner „Römischen Geschichte“. Mommsen ist aber auch noch aus anderen Gründen in Erinnerung, gehörte er doch zu den vehementen Gegnern des Antisemitismus im akademischen Umfeld während des Wilhelminischen Kaiserreichs. An all dies und noch viel mehr erinnert die Auswahl verschiedener Publikationen, die der Historiker Wilfried Nippel unter dem Titel „Wenn Toren aus der Geschichte falsche Schlüsse ziehen. Ein Theodor-Mommsen-Lesebuch“ herausgegeben hat. Bei dem Motto handelt es sich indessen nicht um ein Zitat. Es spielt darauf an, dass der Historiker immer wieder die Instrumentalisierung historischer Beispiele für politische Positionen kritisiert hatte.

Theodor Mommsen. Aufnahme: Loescher & Petsch, aus: Margot Klee: Der Limes zwischen Rhein und Main. Theiss, Stuttgart 1989, wikipedia

Am Beginn der Edition steht eine längere Einführung mit einem Portrait Mommsens, der hinsichtlich seines Lebenswegs, seiner historischen Arbeiten, seinem politischen Engagement und seinem wissenschaftlichen Selbstverständnis vorgestellt wird. Dabei geht Nippel auch auf Kontroversen ein. So durchzieht Mommsens „Römische Geschichte“ auch ein Lobgesang auf Julius Cäsar, was als eine Bejahung des seinerzeitigen Cäsarismus falsch verstanden wurde. Indessen lag eine solche Fehldeutung durchaus nahe. Nippel geht auch auf Mommsens Kritik am damaligen Antisemitismus ein und macht hierbei die Ambivalenz des Althistorikers deutlich: „Mommsen hielt seinem Kontrahenten“ – gemeint ist der antisemitisch agierende bekannte und einflussreiche Historiker Henrich von Treitschke – „vor, ein Klima der Intoleranz und des Hasses zu fördern, in dem sich Juden als Bürger zweiter Klasse fühlen müssten.“ Aber: „Auch Mommsen plädierte dafür, dass Juden ihre religiöse Identität aufgeben sollten, am besten durch formalen Übertritt zum Christentum“ (S. 57).

Die danach folgenden Texte sind in sechs große Kapitel eingeteilt: Bei „Römische Geschichte“ stehen zwei Auszüge aus der voluminösen Veröffentlichung – einen zu „Die alte Republik und die neue Monarchie“, bei „Staatsrecht“ gibt es die einzelnen Vorworte zum „Römischen Staatsrecht“ und die „Akademischen Reden“ dokumentieren Antrittsreden an Universitäten und eine Rede zur Feier des Geburtstages des Kaisers. Auch zu Mommsens Auffassungen zur „Hochschulpolitik“ findet man zwei kurze Texte. Besonderes Interesse verdienen die diversen Abhandlungen zur „Politischen Publizistik“. Dazu gehört „Auch ein Wort über unser Judentum“, worin Mommsen Treitschke energisch widersprach, aber auch Grenzen seiner Einschätzung des Judentums deutlich wurden. Und schließlich gibt es als „Politische Selbstzeugnisse“ noch die Dokumentation eines Briefes und einer Stellungnahme. Darin steht: „ … politischen Einfluss habe ich nie gehabt … mit dem besten was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte, ein Bürger zu sein“ (S. 329).

Mit der Edition hat Nippel eine gute Sammlung zusammengestellt. So kann man sich in das Denken und Wirken des Althistorikers gut einlesen. Es versteht sich von selbst, dass seine „Römische Geschichte“ schon längst von der Forschung überholt ist und auch die Debatten über Cäsar anders und differenzierter verlaufen. Gleichwohl hat Mommsen damit einen „Klassiker“ der Geschichtsbetrachtung geliefert, welcher durchaus nachvollziehbar seinerzeit den Literaturnobelpreis erhielt. Nippel neigt in seiner Einleitung nicht zur unkritischen Stilisierung. Er hebt auch bei heute gesellschaftlich sehr wichtigen Fragen wie der Ablehnung des Antisemitismus durch den Historiker dessen Ambivalenzen hervor. Hinsichtlich seiner allgemeinen politischen Positionen bleibt der Herausgeber aber etwas im Vagen. Er benennt zwar Auffassungen und hebt auch die Denkrichtung der Realpolitik hervor. Gleichwohl ist das Bild hier doch ein wenig diffus. In der Gesamtschau liegt aber ein Lesebuch vor, was als würdige Erinnerung an Theodor Mommsen angesehen werden kann.

Theodor Mommsen, Wenn Toren aus der Geschichte falsche Schlüsse ziehen, herausgegeben von Wilfried Nippel, München 2017 (Deutscher Taschenbuch-Verlag), 350 S., Euro 20,00, Bestellen?