Tiefe Wurzeln im Entstehungsort

Zu den Gedichten von Getrud Seehaus…

Von Karin Clark
Einführung bei der Lesung am 8. Oktober 2017 im Kölner Freiraum

Liebe Gertrud, meine sehr verehrten Damen und Herren.

Auf die Veröffentlichung dieser Gedichte von Gertrud Seehaus habe ich mich seit langem gefreut und habe sie beim Lesen als Einheit wieder ganz neu für mich entdeckt. Dass Lyrik die intimste und dichteste Form der Literatur darstellt packte einer meiner amerikanischen Studenten in die Formel „Wenn ich einen Roman lese, ist es als ginge ich durch die Straßen einer Stadt und schaute durch die Fenster den Menschen zu. Beim Lesen von Gedichten aber sehe ich direkt in ihre Herzen.“

Diese Nähe zwischen Leser und Lyrik, liebe Gertrud, erlauben Deine Gedichte nicht nur, sie erzwingen und festigen sie, denn in Deiner Lyrik hat das Ich den sicheren emotionalen Abstand zur Außenwelt, zu Ort, Menschen, Umständen zumeist aufgegeben. Deine Gedichte schlagen tiefe Wurzeln im ihrem Entstehungsort. Fast seismographisch verbinden sich in ihnen untergründiges Wissen um vergangene und gegenwärtige Bedrohungen dort, wo die Verse ihre Wurzeln haben, mit der ganz persönlichen Erfahrung von Unsicherheit und Ängsten, eine Symbiose, die den ganz eigenen Sprachbildern ihre Eindringlichkeit und Stärke verleiht, die in ihrer Intensität überzeugen und den Leser /Zuhörer emotional einbeziehen.

Es beginnt kaum merklich und wird mit jedem Gedicht deutlicher: Das Dunkle und Bedrohliche in Deinen Versen liegt kaum versteckt auf der Lauer genährt von Ängsten und Traumata aus Erinnerung und böser Ahnung  und wartet „wie ein pelziger Wurm, ein gefiederter Drache auf das Erwachen.“ Verbunden  mit den individuellen Versehrtheiten und Unsicherheiten des lyrischen Ichs formieren sich die atmosphärischen Gefährdungen zu kleinen Höllen, in denen Träume „wie Spinnen an Zimmerwänden klettern,“ es sind Gefahren, vor denen es kaum Entrinnen gibt, nicht nach Ithaka, nach Wien,  nicht zum Sinai, nicht zum roten Meer, nicht durch Flucht aus der Gewalt religiöser Vorschriften und Überlieferungen, männlicher Machtansprüche und Übergriffe.

Daher in den Gedichten die zahlreichen Erscheinungsformen der Angst, der Farbe schwarz, die verstörenden Bilder von Raben, die erschreckenden Geräusche, feindlichen Naturgewalten, die „wie böse Engel auf Motorrädern über die Insel“ rasen. Am machtvollsten  und destruktivsten erscheinen diese Gewalten und Gestalten aber, wenn es ihnen zu gelingen scheint,  Gedanken zu zerstören, und die rettenden Worte, Sätze, Zusammenhänge, Sinnsuche und Sinngebung im Gedicht zu zerfetzen, kein Lied mehr  zu zulassen. Denn Gedichte, so  deutet sich an z.B. in „Verlassene Räume“ an, sind die eigentlichen Rettungsanker im Kampf gegen die Bedrohungen, denen das lyrische Ich ausgesetzt ist.

Nur manchmal hellt wie im „Lied vom Sinai“ oder der „Oase Nuweiba“  die Perspektive auf, wenn „die Erinnerung in die  Malvenfarbe springt“, so dass die Wörter im Takt „in den Fangarmen der Polypen“ zärtlich gewiegt werden können. Dann ist „die Luft nicht eng“ und Natur und Kreatur sind auf Zeit wieder in friedlichem Einklang. (auch mit dem lyr. Ich und uns, den Lesern.)

Die emotionale und atmosphärische Nähe der Lyrik zum jeweiligen Ort ihres Entstehens ist eine intuitive, gefundene, keine gesuchte. Was in der engen Verbindung schwindet, ist das individuelle Ich, das sich selten,  wie im “Autistischen Lied“, den Abstand zum anderen bewusst suchend, nach Kräften seiner selbst zu vergewissern scheint: „ich schaukle, weil ich bin.“ Meist aber ist das lyrische Ich unsicher seiner selbst, im Spiegel ist es sich fremd, und es begegnet beim Gang über den Markt seinem Abbild  mit einer Spiegelscherbe in der Hand, die zertrümmert ist, damit es keine Erinnerung gibt“.

Aber ganz widerstandslos gibt das lyrische Ich nicht auf. Der Kampf um die Rettung des Selbst im Gedicht , der eigenen Identität, muss weitergehen: „schutzlos muss ich hausen  Und Lieder singen gegen den Tod“  – und der Widerstand findet ein Echo im Aufruf zum Aufbegehren der Frauen gegen die Missachtung ihrer Würde und ihres Lebens in „Die Frau spricht“. In „Ir artika“ wird zur Flucht gedrängt durch Tunnel, aus Labyrinth, Mäusefalle, Riten und Gesängen, und zum Aufstand gegen jeglichen religiös begründeten Machtanspruch der Männer.

Die kurz erwähnten wiederkehrend  beschriebenen Emotionen, Bilder und Anliegen, die uns die Gedichte nahe bringen, werden dargestellt mit Hilfe einer Fülle von Wortschöpfungen und Wortverbindungen – entstanden aus einer melodisch rhythmischen Zusammenführung ganz eigener innerer und äußerer Bildwelten. Entstanden sind Gedichte die ihren eigenen Atem haben, ihre eigene Tonalität, Gedichte von überzeugender Menschlichkeit; entstanden ist ein Bildteppich, der trägt, dem wir uns getrost und mit Genuss anvertrauen können.

Gertrud Seehaus (2017a): Wo denn und wie?60 S., gebunden,  Books on Demand, ISBN: 978-3-7448-9864-5 (18 Euro).

Gertrud Seehaus (2017b): Vatersprache76 S., gebunden Books on Demand, ISBN: 978-3744835497 (20 Euro).

Links:

Karin Clark: Für Gertrud Seehaus-Finkelgruen. Zum 80. Geburtstag: http://www.hagalil.com/2014/12/gertrud-seehaus/

Nadine Englhart: Zum 80. Geburtstag von Gertrud Seehaus:http://www.hagalil.com/2014/12/gertrud-seehaus-2/

Roland Kaufhold: Vatersprache: http://www.hagalil.com/2017/11/vatersprache/

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