„#MeToo“ heißt auf Hebräisch „Gam Ani“

Die Debatte um sexuelle Übergriffe hat nun auch Israel erfasst. Immer mehr Frauen machen Vorfälle publik…

Von Ralf Balke

Nicht jeder hat die Courage und das Glück von Sylvie Keshet. „Als er seinen Reißverschluss zu öffnen versuchte, habe ich ihn mit dem Knie dahin getreten, wo es besonders weh tut“, berichtete vor wenigen Tagen die heute 87-jährige frühere Kolumnistin von Yedioth Ahronoth auf Facebook. Der Vorfall liegt zwar schon mehr als 50 Jahre zurück, aber sie erinnert sich daran, als wäre es erst gestern passiert. 1963 war ihr nach einer Party in London der damalige Journalist und spätere Politiker Josef „Tommy“ Lapid, Vater des Jesh-Atid-Partei-Vorsitzenden Yair Lapid, im wahrsten Sinne des Wortes auf die Pelle gerückt. Und das gewaltsam: „Plötzlich hatte er mich zu Boden gedrückt, wobei ich mir den Kopf gestoßen habe. Dann zerriss er mein Kleid.“ Doch nach ihrem beherzten Tritt in den Schritt konnte sich Sylvie Keshet befreien, kippte noch einen Eimer Wasser auf den verdutzten Lapid, schmiss seinen Mantel aus dem Fenster und ihn aus der Wohnung. „Am nächsten Tag habe ich ihm geschrieben, dass er gefälligst mein Kleid ersetzen solle – anderenfalls würde ich seine Frau über den Vorfall informieren.“ Ihn anzuzeigen, auf diese Idee war Sylvie Keshet nicht gekommen. Sehr wahrscheinlich auch deswegen, weil es damals noch sehr viel schwieriger als heute war, einen Mann für seine Übergriffigkeit vor Gericht zu bringen. Wenn eine Frau dann doch einmal den Mut dazu besaß, hieß es nur allzu oft, dass sie selbst Schuld daran sei, wenn ihr jemand zu nahe gekommen ist – schließlich habe sie ihn mit ihrem Outfit oder Gesten gereizt und womöglich dazu provoziert. Das wollten sich die meisten ersparen.

Aber dass Sylvie Keshet nach so langer Zeit ausgerechnet jetzt mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit ging, hat einen guten Grund: Nach den Vorwürfen gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein ist unter dem Hashtag „#MeToo“ eine neue Debatte über sexuelle Belästigung und Nötigung in Gang gebracht worden, die immer mehr Vorfälle ans Tageslicht bringt – selbst wenn sie wie im Fall von Josef „Tommy“ Lapid, der 2008 verstarb, schon Jahrzehnte zurückliegen. „#MeToo“ ist zu einem Kampfbegriff im Netz geworden, der sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Ins Leben gerufen hatte das Ganze vor einigen Wochen in den Vereinigten Staaten die Schauspielerin Alyssa Milano. Sie schrieb: „Wenn alle Frauen, die bereits sexuell belästigt oder angegriffen worden sind, >Me Too< in ihren Status posten, schaffen wir es vielleicht, den Menschen ein Gefühl für das Ausmaß des Problems zu vermitteln.“ Die Resonanz war gewaltig. Innerhalb weniger Stunden antworteten zehntausende Frauen, manche berichteten von den eigenen unangenehmen bis hin zu traumatisierenden Erfahrungen, die sie machen mussten. So auch in Israel, wo das Ganze unter der hebräischen Bezeichnung „Gam Ani“, zu deutsch „Auch ich“ zum Thema wurde.

Dabei ist das nicht das erste Mal, dass das Thema in Israel auf breiter Basis diskutiert wird. Unvergessen der Fall des Ex-Staatspräsidenten Mosche Katzav, der vor sieben Jahren wegen Vergewaltigung einer Mitarbeiterin in den Knast wanderte. Und seit 2013 gibt es eine von den feministischen Aktivistinnen Shlomit Havron und Gal Shargill gegründete Facebook-Gruppe mit über 40.000 Followers, die betroffenen Frauen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ebenso die Association of Rape Crisis Centers in Israel, deren Direktorin Orit Sulitzeanu die „#MeToo“-Kampagnie ausdrücklich begrüßt. „Erfahrungen dieser Art zu teilen, war auf Facebook zuvor kaum üblich. Dadurch konnte es endlich möglich gemacht werden.“ Sie attestiert zudem der israelischen Gesellschaft eine höheren Grad an Sensibilität für diese Problematik als noch vor wenigen Jahren. „Dazu haben auch die Medien beigetragen.“

In Yedioth Ahronoth kamen vor wenigen Tagen gleich sechs prominente israelische Frauen zu Worte und berichteten, was ihnen im Laufe ihres Lebens bereits geschehen ist. Das Modell Maayan Keret erklärte, dass sie im Alter von zwölf vergewaltigt worden sei und mittlerweile aufgehört habe, die vielen sexuellen Übergriffe, die sie erleiden musste, zu zählen. Yael Arad, 1992 Judo-Silbermedaillengewinnerin bei den Olympischen Sommerspielen, erinnerte sich an drei Fälle von Übergriffigkeit und das „trotz meiner Expertise als Kampfsportlerin“, was ja potenzielle Sex-Täter eigentlich eher abschrecken müsste. Und Merav Ben Ari, Knesset-Abgeordnete der zentristischen Kulanu-Partei, machte während ihres Militärdiensts einige unangenehme Erfahrungen. Gleich mehrfach sei sie verbal belästigt oder begrabscht worden. Damit berührte sie einen für die israelische Gesellschaft besonders sensiblen Bereich. Denn das Thema sexuelle Belästigung bei Zahal ist weder neu und hat aufgrund des zentralen Stellenwerts der Armee im jüdischen Staat eine hohe Brisanz. Schließlich unterliegen auch Frauen der Wehrpflicht. In zahlreichen Einheiten dienen beide Geschlechter gemeinsam, so dass es unzählige Berührungspunkte gibt.

Um zu verhindern, dass der Korpsgeist innerhalb der Streitkräfte dazu führen könnte, dass sexuelle Übergriffe verschwiegen werden oder Opfer sich nicht zu wehren trauen, werden regelmäßig interne Untersuchungen durchgeführt. Alle zwei Jahre verschicken die Gender-Beauftragten des Generalstabschefs an tausende Soldatinnen Fragebögen, in denen sie anonymisiert Vorfälle melden können. Auf diese Weise kann sich die Armeeführung einen Überblick über die Situation machen. Und die sieht nicht wirklich rosig aus, wie der aktuelle Bericht zeigt: 20 Prozent der Soldatinnen berichten von entsprechenden Erfahrungen, sechs Prozent davon nannten zwei bis drei Vorkommnisse, drei Prozent sogar vier und mehr. Die Gesamtzahl der Opfer ist im Vergleich zu den Umfragen der Vorjahre relativ konstant, nur der Anteil derer, die gleich mehrfach unter Übergriffen zu leiden hatten, stieg beachtlich: Viermal so viel wie noch im Jahr 2004. Darüber hinaus gaben sechzig Prozent der befragten Frauen an, dass sie den Eindruck hatten, dass oft eine verbal sexuell aufgeladene Atmosphäre vorherrsche, die frauenfeindlich sei und Grenzen überschreitet.

Erst im August wurde ein Soldat für die mehrfache Vergewaltigung einer Soldatin zu fast drei Jahren Haft sowie Entschädigungszahlungen an sein Opfer verurteilt. Problematisch wird die Aufarbeitung von Fällen immer dann, wenn der Täter einen besonders hohen militärischen Rang hat. Dann kommt oft ans Tageslicht, dass dieser seine Macht gleich seriell ausgenutzt hat. So wie Brigadegeneral Ofek Buchris, dem gleich 16 Fälle nachgewiesen wurden, darunter drei Vergewaltigungen. Was von vielen Frauen als Skandal bewertet wurde: Buchris kam mit einer Degradierung davon, weil er in einem Deal mit dem Gericht die weniger relevanten Übergriffe sowie die verbotene sexuelle Beziehung mit einer ihm unterstellten Soldatin zugab, woraufhin die Vergewaltigungsvorwürfe fallen gelassen wurden. Buchris Karriere beim Militär – er galt als bis dahin als Hoffnungsträger mit Ambitionen für höchste Ämter – war damit beendet. „Ich werde auch in Zukunft keinerlei Toleranz für Übergriffe oder sexuelle Nötigung bei Zahal zeigen“, erklärte Generalstabschef Gadi Eisenkot. Doch ein bitterer Nachgeschmack bleibt, weil niedrigere Ränge in für weniger im Regelfall zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. Die Kritik an dem Urteil lässt Brigadegeneral Sharon Afek, Staatsanwalt der Armee und unter anderem mit dem Fall Ofek Buchri vertraut, nicht gelten. „Zahlreiche Frauen, die gleichfalls Opfer sexueller Übergriffe waren, haben sich danach getraut, ihre Leidensgeschichten öffentlich zu machen“, behauptete er. Konkrete Beweise dafür führte er aber nicht an.

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