Kibbuzim am Ammersee

Eine vergessene bayerisch-israelische Geschichte…

Eine Spurensuche von Thies Marsen
Nachzuhören in der Reihe „Zeit für Bayern“ auf Bayern2 am Sonntag, 19. November 2017, um 12.05 Uhr

Bild oben: Gruppenbild von Bewohnern des Kibbuz Greifenberg, Greifenberg ca. 1946, Fotografie; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Die Nationalsozialisten ermordeten rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden und vernichteten damit einen Großteil des europäischen Judentums. Doch ausgerechnet in Bayern, dort, wo ein Vierteljahrhundert zuvor die Nazibewegung entstanden war, formierte sich nach 1945 die jüdische Gemeinschaft neu und bereitete sich auf die Gründung Israels vor: In großen Lagern für sogenannte Displaced Persons, aber auch in kleinen Kibbuzim, die in zahlreichen bayerischen Städten und Dörfern eingerichtet wurden – insbesondere am Westufer des Ammersees. „Zeit für Bayern“ widmet sich einer fast vergessenen bayerisch-israelischen Geschichte.

Am Ortsrand von Greifenberg an der Nordspitze des Ammersees liegt Theresienbad – ursprünglich ein Heilbad mit Mineralwasserquelle. Nach dem Ersten Weltkrieg verfiel das Gebäudeensemble bis die Nazis darin 1935 eine Obergauführerinnenschule einrichteten, wo die Führungsebene des Bundes Deutscher Mädel (BDM) ausgebildet wurde. Heute ist hier das Kreisseniorenheim des Landkreises Landsberg untergebracht. Doch nach 1945 war Theresienbad einige Monate lang Heimstatt für Überlebende des Holocaust. Hier residierte der Kibbuz Nocham mit bis zu 200 meist jungen Frauen und Männern. Sie erlernten in Werkstätten diverse Handwerke, beschäftigten sich mit Landwirtschaft, hatten sogar einen eigenen Sportverein: „Ichud Greifenberg“. Doch der Kibbuz Nocham ist so gut wie vergessen.

„Also, dass hier ein Kibbuz war ist mir vollkommen neu“, sagt der heutige Leiter des Kreisseniorenheims Thomas Söldner. „Das Einzige, was uns bekannt ist aus der Geschichte des Theresienbades, ist, dass in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieges Flüchtlinge und Deportierte hier Unterkunft gefunden haben.“

Einige Spuren aber gibt es noch: Zum Beispiel im Landsberger Stadtarchiv, wo Ausgaben einer ganz besonderen Zeitung aufbewahrt werden. Der „Landsberger Lager-Cajtung“. Das Blatt erschien damals im großen Landsberger Lager für sogenannte Displaced Persons. Und zwar auf Jiddisch, das eng mit dem Deutschen verwandt ist, und auch für unsereins ganz gut verständlich ist, wenn man es laut vorliest. Am 31. Dezember 1945 vermeldete die Lager-Cajtung die feierliche Eröffnung des Kubbiz Nocham in Greifenberg:

„Szabes, dem 22. december iz in Greifenberg derefnt geworn der kubic „NOCHAM“. Di fajerung hot zich ongehojbn mit a impozanter manifestacje. 5 azejger ownt hobn di chawejrim fun kibuc ojfgesztelt in militeriszer ordnung, aroifgecojgn af a mast in hoif fun kibuc di bloj-wajse fon.“

Eine Bewohnerin des Kibbuz Greifenberg beim Hissen der Flagge Israels, Greifenberg ca. 1946, Fotografie; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Die blaue-weiße Fahne die die Chawjerim, die Bewohner des Kibbuz, bei feierlichen Anlässen im Hof von Theresienbad am Fahnenmast hochzogen, war natürlich nicht die weiß-blaue bayerische Fahne, sondern die blau-weiße mit dem Davidstern, heute die Staatsflagge Israels, schon damals das Symbol der zionistisch gesinnten Juden.

Es existiert sogar ein Foto einer dieser Zeremonien – aufgenommen von einem einstigen Bewohner des Greifenberger Kibbuz Nocham: Walter Frankenstein, heute 93 Jahre alt. Frankenstein ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Weil er zu den wenigen Deutschen jüdischer Herkunft zählt, die die Nazizeit in Deutschland überlebt haben. Und weil er weder im KZ war, noch im Exil. Die letzten Jahre des Dritten Reichs überstand er als sogenanntes U-Boot, also als Illegaler in wechselnden Verstecken in Leipzig und Berlin – gemeinsam mit seiner Frau Leonie und zwei Kleinkindern. Es grenzt an ein Wunder, dass die Familie Frankenstein nicht verhaftet, nicht deportiert, nicht erschossen, nicht in die Gaskammern geschickt worden ist, während die meisten ihrer Freunde und Verwandten ermordet wurden.

Die Befreiung erlebten die Frankensteins in Berlin. Deutschland wollten sie danach so schnell wie möglich verlassen mit dem Ziel Palästina, wo ein jüdischer Staat errichtet werden sollte. Sie wandten sich deshalb an die Bricha, die jüdische Flüchtlingsorganisation. Und tatsächlich konnten Leonie und die beiden Kinder schon am 15. November 1945 über Paris und Marseille nach Haifa reisen. Walter aber musste vorerst in Deutschland bleiben. Denn die Bricha hatte eine Aufgabe für ihn.

„Man schickte mich nach Greifenberg“, erzählt Walter Frankenstein. „Ich kam so am 16./17. Dezember 1945 dort an. Ich sollte die Jungs und Mädchen physisch und psychisch ein bisschen aufbauen. Die kamen aus den KZ, die kamen von den Partisanen, die kamen aus Verstecken – junge Menschen, die viel durchgemacht haben.“

Frankenstein übernahm in Greifenberg zunächst die Küche, kochte regelmäßig für die mehr als 150 Frauen und Männer, die dort lebten. Auch Hochzeitsfeiern richtete er aus. Außerdem bereitete er die Bewohner auf die gefährliche Fahrt nach Palästina vor, indem er mit ihnen Sport trieb, ihnen Schwimmen im Ammersee beibrachte und auch Schießübungen abhielt.

Bewohner des Kibbuz Greifenberg bei einer Sportübungen, Greifenberg ca. 1946, Fotografie; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Leonie und Walter Frankenstein

Zur einheimischen Bevölkerung von Greifenberg bestand wenig Kontakt. Und auch nicht zu den anderen Kibbuzim am Ammersee. Dabei gab es zur selben Zeit nur sechs Kilometer südlich, in Utting, einen weiteren Kibbuz mit zeitweise über 100 Bewohnern und einem eigenen Fußballverein. Auch über diesen Kibbuz ist praktisch nichts bekannt. „Ich weiß nur, dass oben an der Schulstraße Juden untergebracht waren. In dem Haus war vorher der Kindergarten“, erzählt der Dorfchronist von Utting Werner Weidacher. Weidacher wohnte damals allerdings nicht in Utting, sondern ein paar Kilometer weiter südlich in Dießen. An den dortigen Kibbuz erinnert er sich genau:

„In Dießen waren die Juden in der ,Neuen Post‘. Ich bin täglich dran vorbei gegangen. An einen Bewohner erinnere mich gut, der hat beim Automechaniker Buchfellner Autoschlosser gelernt. Er hatte einen Haufen Werkzeug und hat immer gesagt: ,Geh ich nach Amerika, ich verkaufe alles. Gehe ich nach Israel, ich kaufe zu.‘ Er hat dann alles verkauft. Ich habe heute noch das Werkzeug von ihm, das er mir verkauft hat.“

Auch im Dießener Kibbuz im früheren Gasthof „Neue Post“ waren zeitweise über 100 Überlebende des Holocaust einquartiert. Es gab einen Kindergarten, eine Bibliothek, die Kibbuz-Bewohner ließen sich von den örtlichen Fischern das Fischen im Ammersee beibringen. Und es gab – typisch für den Keramikort Dießen – eine Töpferschule.

Am 25. März 1947 vermeldete die Jidisze Cajtung sogar die feierliche Eröffnung eines jüdischen Lokals in Dießen („Grandjeze dereinigung-fajerung fun a jidiszn lokal in Diessen“), in den Räumlichkeiten der heutigen Konditorei „Café Vogel“. Senior-Chef Hermann Busch war damals vier Jahre alt: „Da waren bei uns oft Versammlungen. Ich weiß nur, dass man nicht reinschauen durfte und meine Mutter hat erzählt, der Rabbiner war so dick, dass er zwei Stühle gebraucht hat. Aber selbst gesehen habe ich den nie.“

Schon im Sommer 1947, nur wenige Monate nach der Eröffnung des jüdischen Lokals im Café Vogel wurde der Dießener Kibbuz aufgelöst, die Einrichtungen in Utting und Greifenberg folgten etwa ein halbes Jahr später. Wobei das Ende des Kibbuz Nocham im Greifenberger Theresienbad ziemlich abrupt kam: Ein Hausbrand richtete am 24. Februar 1948 schwere Schäden an, mehrere Personen wurden dabei verletzt.

Walter Frankenstein

Walter Frankenstein hatte Greifenberg zu diesem Zeitpunkt längst verlassen und Israel erreicht – nach einer abenteuerlichen Mittelmeerüberfahrt und einer monatelangen Internierung durch die Briten auf Zypern. Als am 14. Mai 1948 Ben Gurion den Staat Israel ausrief und schon am nächsten Tag die arabischen Nachbarländer die neue Nation überfielen, wurde Frankenstein sofort zur Armee eingezogen, kämpfte im Unabhängigkeitskrieg und wurde schwer verletzt. Aber er überlebte. Anders als viele seiner einstigen Mitbewohner im Greifenberger Kibbuz Nocham, die im Krieg mit den Arabern ihr Leben ließen –  nachdem sie erst kurz zuvor den deutschen Vernichtungsfeldzug und die Lager der Nazis überlebt hatten.

Heute lebt Walter Frankenstein in Stockholm. Nach Greifenberg ist er nur noch ein Mal zurückgekehrt, vor ein paar Jahrzehnten – ein kurzer Stopp auf der Durchreise. Der Kibbuz Nocham war für Walter Frankenstein nur eine kurze Episode in seinem langen, ereignisreichen Leben. So wie die Kibbuzim am Ammersee auch nur eine kurze Episode der bayerischen und der jüdischen Geschichte waren, aber eine prägende und spannende – als sich die Überlebenden der deutschen Verbrechen im Land der Täter zusammenfanden, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

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BR – Kibbuzim am Ammersee

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