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„Schießen Sie mich nieder!“

Mit dem Überlebensbericht von Käte Frieß, geb. Solms (1921-1997), ist ein Shoa-Überlebendenbericht besonderer Größe erschienen. Christin Sandow, derzeit wissenschaftliche Volontärin an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, hat das ursprünglich 136-seitige Typoskript der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht – ergänzt um ein kurzes Kapitel zur Familiengeschichte, eine historische Einordnung und eine kommunikative Analyse…

Rezension von Riccardo Altieri

Es mag Zufall sein, aber die Tatsache, dass die gebürtige Stettinerin Käte Frieß von Beruf Stenotypistin war (S. 118), könnte dazu beigetragen haben, dass sie ihre fürchterlichen Erlebnisse aus den Jahren 1941 bis 1945 in einem solchen Umfang maschinenschriftlich zu Papier brachte. Doch genau darin liegt der unermessliche Wert dieses Typoskripts. In unzähligen Details öffnet der Bericht den Lesenden ein Fenster in die grausame Zeit des Konzentrationslagersystems; nicht – wie so oft – aus der Perspektive der Täter, sondern aus der Sicht eines Opfers. Keine andere unterfränkische Quelle benennt so zahlreich und zuverlässig auch das Schicksal der sonstigen deportierten Jüdinnen und Juden in Riga-Jungfernhof. Zwar wurden die Namen der genannten Personen im Bericht, der in der Wiener Library in London archiviert wird, ursprünglich abgekürzt, doch in den meisten Fällen gelang es der Herausgeberin, diese wieder aufzulösen.[1]

Sandow wählt einen lesefreundlichen Aufbau ihres Buches. Nach einem Vorwort und der Einleitung folgt zunächst nur der Abdruck des Berichts mit dem Titel „Meinem Gori gewidmet“ mit seinen ursprünglichen Vorbemerkungen (S. 13-135). Lediglich einige Fußnoten ergänzen biographische Informationen zu genannten Tätern und Opfern sowie gelegentliche Unklarheiten. Auf störende Hinweise zum jeweiligen Forschungsstand wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet. Auch den Moment, in dem Käte Frieß während des Schreibens erfährt, dass ihr Ehemann in Bergen-Belsen an Typhus verstorben ist, lässt sie unkommentiert – der Bericht spricht stets für sich.

Mit knapp 19 Jahren war Käthe Frieß noch sehr jung, als sie sich 1940 mit dem etwa sieben Jahre älteren Lehrer Georg „Gori“ Frieß (1913-1945) vermählte. Elf Monate nach der Hochzeit wurde das Ehepaar deportiert. Sie hatten sich bereit erklärt, die Kinder, die mit ihren Familien auf den Listen der Gestapo standen, auf diesen ersten unterfränkischen Transport zu begleiten, um sie am Ziel weiter unterrichten zu können. Nach den Rassegesetzen waren Georg, selbst in Nürnberg geboren, und Käte Frieß beide lediglich „Geltungsjuden“, da je ein Elternteil nichtjüdisch war, sie wären also regulär noch nicht deportiert worden. Am 27. November 1941 fuhr der Zug mit insgesamt 202 unterfränkischen Jüdinnen und Juden nach Nürnberg und von dort zwei Tage später mit fünfmal so vielen Insassen in die Ungewissheit. „Unsere dick belegten Brote […] haben wir aus unseren Taschen hervorgekramt und vergnügt vertilgt“ (S. 25).

Spätestens nach der Ankunft am Bahnhof Riga-Skirotava wurde Käte Frieß’ sicherlich der Jugend zuzuschreibende arglose Unbeschwertheit endgültig zerstreut. Sie beschreibt detailliert, wie den Opfern des NS-Terrors sämtliche der wenigen noch verbliebenen Besitztümer entwendet wurden, unter welchen Bedingungen die Frauen, Männer und Kinder in den Baracken hausten, wie sie die unsagbar kalten lettischen Winter zu überstehen versuchten, was nicht allen gelang, und wo ihnen die SS ein ums andere Mal die Hoffnung raubte, jemals befreit zu werden. Das nachdrücklich schlimmste Ereignis dürften die Massenerschießungen all der Menschen im März 1942 gewesen sein, die sie bereits von zu Hause kannten und/oder mit denen sie in den letzten Monaten zusammengelebt hatten.

Ohne eine gehörige Portion Glück und ohne die Unterstützung durch ihren Mann wäre Käte Frieß niemals aus der Hölle Riga herausgekommen. In ihren Berichten über das Ghetto, das KZ Kaiserwald, die Zwangsarbeit in Libau und die Haftzeit in Hamburg liefert sie schaurig-anschauliche Beispiele für die alltäglichen Grausamkeiten des NS-Terrors. Auf dem Todesmarsch nach Kiel kurz vor Kriegsende war sie kurz davor, aufzugeben und äußerte den Satz, der dem Buch den Titel gab. Von ihrem Mann war sie kurze Zeit vorher getrennt worden, er starb wenig später in Bergen-Belsen. Doch sie hatte einmal mehr Glück: Das schwedische Rote Kreuz befreite Käte Frieß und brachte sie in die Sicherheit des neutralen Nachbarlandes. Dort, in Holsbybrunn, beendete Käte Frieß am 12. Juli 1945 „morgens um 6 Uhr im schon warmen und hellen Sonnenschein“ (S. 135) ihren Überlebensbericht.

Der Mehrwert des Buches von Christin Sandow liegt ohne Zweifel in diesem ersten Teil des Buches, dem Bericht von Käte Frieß. Er liefert einen Zugang aus Opferperspektive für die weitere, leider meist sehr täterbezogene Forschung zur Shoa im Baltikum und zu Riga im Speziellen. Dabei gelang es der Herausgeberin, erste im Bericht genannte Personen zuzuordnen und ihre Hintergrundgeschichte zu rekonstruieren. Beachtlich ist das im Anschluss an den Bericht präsentierte Material zur Familiengeschichte von Käte Frieß, denn gerade die Abbildungen sind eine wahre Bereicherung.

Christin Sandow (Hg.), „Schießen Sie mich nieder!“ Käte Frieß’ Aufzeichnungen über KZ und Zwangsarbeit von 1941 bis 1945, Berlin: Lukas Verlag 2017, 234 S., 19,80 €, Bestellen?

[1] Leider wurde hierbei nicht auf Reiner Strätz’ reichhaltiges „Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945“ (Würzburg 1989) zurückgegriffen. Gleiches gilt in den wissenschaftlichen Kapiteln für die Aufsätze von Elmar Schwinger. Vgl. statt vieler Elmar Schwinger, Deportation und Vernichtung – das Ende der mainfränkischen Juden 1941-1944, in: Rotraud Ries/Elmar Schwinger (Hgg.), Deportationen und Erinnerungsprozesse in Unterfranken und an den Zielorten der Transporte (Schriften des Johanna-Stahl-Zentrums für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken, Bd. 1), Würzburg 2015, S. 11-50.