Eine Jugend zwischen Graz und Tel Aviv

Die Zeitzeugin Gerda Eisler erzählt aus ihrem Leben…

Von Roland Kaufhold                  

„Im Jahr 2000 standen wir auf dem Balkon des Rathauses, von dem aus Hitler mehr als 60 Jahre zuvor das Volk begrüßt hat. Hitler würde sich im Grab umdrehen, wenn er diese Szene beobachtet hätte.“

Die Anspannung im voll besetzten Saal des Kölner Lern- und Gedenkortes Jawne wich einem Schmunzeln. Gerda Eisler, vor 90 Jahren in Graz geboren aber überwiegend in Tel Aviv aufgewachsen, vermochte den Saal mit ihrer energischen, humorvollen Art unmittelbar zu erreichen.

Verschiedentlich ist die seit 1969 bei Köln lebende Jüdin in Schulen aufgetreten. Soeben hat sie, mit Unterstützung der jungen Kölner Kunstwissenschaftlerin Inga Fischer, ihre Erinnerungen an ihre prägenden Jahre in Israel in ihrem Buch Alles, woran ich glaube, ist der Zufall. Eine Jugend in Graz und Tel Aviv (Clio Verlag) versammelt.

Autorin Inga Fischer und Wolfgang Richter vom Lern- und Gedenkort Jawne, (c) R. Kaufhold

Ein Filmportrait

Zur Enttäuschung vieler Zuhörer konnte Gerda Eisler krankheitsbedingt nicht zur Lesung kommen. Aber dennoch war sie vor Ort: Inga Fischer, Herausgeberin des Buches, präsentierte einen 19-minütigen Film, in dem sich die inspirierende Vitalität der Zeitzeugin zeigte. Aufgewachsen in Graz, geht die sechsjährige Gerda 1933 mit ihren Eltern nach Palästina. Es war wohl auch die Sehnsucht nach Abenteuern, die ihren Vater antrieb. Als sie mit dem Schiff in Haifa ankommt, nimmt ein mitreisender Araber ihrer Mutter alle Ängste: „Nicht alle Araber sind Wilde“, versichert er ihr. „Von dem Moment an war meine Mutter beruhigt“, fügt Gerda Eisler hinzu. Die Besorgnis weicht also einer Willensstärke, die die Mutter auch an ihre Tochter weitergibt.

Gerda Eisler erzählt ein Beispiel: „Auf dem Weg zur Grundschule habe ich mit meiner besten Freundin, Nomi, ein wunderbares Spiel entdeckt“, erinnert sich Eisler zur Belustigung des Publikums. Täglich kommen sie an einer Gruppe Kamele vorbei, die Sand zu einer Baustelle transportierten. Aus dieser Situation, diesem Hindernis entwickelt Gerda gemeinsam mit ihrer Freundin ein Spiel: Jeden Tag läuft Gerda zwischen den Beinen und unter dem Bauch der Kamele hindurch: „Die Kunst bestand darin, den richtigen Moment abzupassen dann blitzschnell unter dem Bauch hindurch zu schlüpfen, sich wieder aufzurichten und auf die andere Straßenseite zu rennen.“ 

Es folgen drei glückliche Jahre, trotz der auch in der Schule erlebten Angriffe von Arabern. „Ich war die meiste Zeit ein ausgesprochen glückliches Kind“, erinnert sie sich. „Was meine Eltern vermissten – Wohlstand und Besitz – bedeutete mir damals nichts. Ich besaß kein einziges Kleid“ – was ihr absolut nichts ausmachte. Als eines Tages die Sohlen ihres einzigen Paars Schuhe durchgelaufen waren hatten ihre Eltern kein Geld für ein neues Paar: Ihr lebenspraktischer Vater „nahm ein Stück Pappkarton, schnitt ihn zurecht und befestigte ihn mit ein paar Nägeln an den Schuhen. Darauf lief ich weiter.“ Das Problem war gelöst, es gab keinerlei Anlass für Gefühle des Unglücklichseins.

Gerdas Mutter eröffnet unter provisorischen Umständen ein Restaurant, sie kocht traditionelle österreichische Gerichte, während Gerda den Bauarbeitern das Essen serviert. Sie ist glücklich, macht neue Erfahrungen – und war grundsätzlich, so erinnert sich Gerda im Buch, „furchtbar neugierig“. Sie ist fast ständig auf der Straße und spielt mit Begeisterung Fußball.

Dem Glück stand einfach nichts im Wege. Ihr Vater hat ständig wechselnde Jobs, u.a. als Hilfspolizist und als Tischler.

1936 kehren ihre Eltern mit der nun neunjährigen Gerda und ihrem Bruder Alfred nach Graz zurück. Das Leben in dem damaligen britischen Mandatsgebiet erscheint ihnen als zu mühselig. Gerda muss wegen des Antisemitismus eine jüdische Grundschule besuchen, dennoch fühlt sie sich bis 1938 nicht als Außenseiterin. Nach einem brutalen antisemitischen Übergriff durch ihre Lehrerin, einer Ausstoßung – „weinend rannte ich nach Hause“ – , verlässt Gerda die Schule.

An Bord der Lisl

1939 gelingt der Familie auf abenteuerlichen Wegen an Bord der „Lisl“ gemeinsam mit 921 Passagieren die erneute Emigration nach Palästina. 200 Mitglieder der zionistischen Jugendorganisation Betar organisieren die rettende Flucht. Mehrere Nächte lang versucht das Flüchtlingsschiff, gegen den Willen der britischen Mandatsmacht im rettenden Palästina zu landen. Immer wieder müssen sie die Landungsversuche abbrechen. Die Ängste der knapp 1000 jüdischen Flüchtlinge wachsen: „ Über vier Wochen waren wir bereits unterwegs und fragten uns: Würden uns die Briten tatsächlich in das Land zurückschicken, aus dem man uns vertrieben hatte?“ Am 3. Juni 1939 wird die Lisl von den Briten aufgebracht und nach Haifa geschleppt. Sie lassen sie ans Land.

Eine Jugend in Palästina

Es folgen glückliche Jugendjahre, trotz aller massiven Schwierigkeiten, die sie bewältigen muss, einschließlich des Neulernens der Sprache. Gerda wächst in Haifa und Tel Aviv auf, für sie ihre schönsten Jahre. Von 1943 bis 1946 macht sie ihre Ausbildung, die Kriegsgeschehen verfolgt sie über den britischen Rundfunk sowie über die Lektüre der von Inge Blumenthal herausgegebenen deutschsprachigen Israel-Nachrichten; diese verschlingt sie geradezu.

1945, da ist Gerda 18, erfährt sie und ihre Familie Genaueres über die Shoah. Gerda Eisler ist zutiefst geschockt: „Das Kriegsende 1945 veränderte unser aller Leben. Vorher hatte es nur Gerüchte gegeben, jetzt gab es die Fakten. Ich hatte gewusst, dass Juden massenweise in Zügen abtransportiert worden waren, immer gegen Osten. Und ich hatte gewusst, dass nie einer von ihnen zurückgekehrt war. Aber jetzt kamen Details zutage, mit denen ich und niemand, den ich kannte, gerechnet hatte. Es war ein Schock, und es wird immer ein Schock bleiben.“ Auch ein Teil ihrer Familie wurde ermordet. Das letzte Lebenszeichen ihres Großvaters ist ein Brief, den dieser kurz vor Kriegsbeginn an sie geschickt hatte: „Er hatte alles verloren. Es erschüttert mich noch heute, wenn ich diese Zeilen lese.“

1948 heiratet Gerda – bis dahin trug sie noch den Nachnamen Engel – Hans Eisler. Kurz danach stirbt er als Soldat im Unabhängigkeitskrieg, für die 21-Jährige ein schwerer Schicksalsschlag. Die zahlreichen Fotos im Buch vermitteln ein Gefühl für die Schwere des Verlustes. Gerda Eisler bemerkt: „Das letzte Lebenszeichen von Hans war ein Brief gewesen, in dem er geschrieben hatte: „Ich liebe dich mehr als mein Leben.““

Zeit zum Trauern findet sie nicht: Sie wird selbst zum Militärdienst einberufen.
In den folgenden Monaten lernt Gerda Eisler auch Menachem Begin und Mosche Dajan kennen. Gerda erinnert sich: „… Zuweilen fanden auch Vorträge statt. Häufig hörte ich dort einen Mann sprechen, der sehr kluge Sachen sagte, mich aber mit seinem übersteigerten Patriotismus nervte. Ich kannte seinen Namen nicht und erfuhr ihn erst später, als er schon Minister war. Es war Menachem Begin.“

Ende 1949 heiratet sie Hans’ Bruder Kurt Eisler. Das Foto, auf dem sie inniglich am See Genezareth sitzen, ziert das Buchcover. 

Jahre in Köln

Gerda Eisler beherrscht mehrere Sprachen und arbeitet als Sekretärin. 1969 geht das Paar mehr aus Zufall beruflich nach Köln. Eigentlich ist nur ein kurzer Aufenthalt geplant: „Freiwillig hätte ich Tel Aviv nie verlassen“, betont sie. Ihrem auch deutschsprachig aufgewachsenen Sohn gefällt es jedoch hier, so bleiben sie in Köln – und verbringen ihre Urlaube in Tel Aviv. In Köln hat sie „durch meine Geselligkeit“ immer „einen großen Freundeskreis“ um sich. So war sie in den 1990er Jahren maßgeblich am Aufbau des Jüdischen Forums Köln beteiligt, welches sich über zehn Jahre lang einer großen Vitalität erfreute und im Aufbau der Jüdischen Liberalen Gemeinde Gescher LaMassoret mündete – der sich ein Teil ihrer Mitglieder anschlossen. Ich hatte zu Gerda wohl seit Anfang 2000 einen losen Kontakt. Ihr Besuch bei meiner Gartenparty vor einigen Jahren war eine ganz außerordentliche Freude für mich. 2003 hielt ich einen Vortrag über den äußerst linken israelischen Querkopf und „Friedenskämpfer“ Uri Avnery – der sich bei hiesigen „Antizionisten“ und Antisemiten einer ganz außerordentlichen Beliebtheit erfreut. Meine autobiografische Studie erschien im gleichen Jahr in Avnerys Buch „Ein Leben für den Frieden“ (2003) wie auch in der Zeitschrift psychosozial und, in einer noch ausführlicheren Version, auf haGalil.

Anlass für den Vortrag war die Verleihung des Lew Kopelew Friedenspreises an Avnery sowie Sari Nusseibeh im Herbst 2003 in Köln.

In meinem Vortrag merkte ich an, dass ich mir nicht sicher sei, ob heutigen jungen Menschen in Israel der Name Avnerys noch etwas sage. Darauf rief Gerda Eisler, die sich unter den Zuschauern befand und vier Jahre jünger als Avnery ist, voller Vitalität in den Saal: „Selbstverständlich ist das so. Jeder in Israel kennt Uri Avnery!“

Gerda Eisler ist Avnery wohl verschiedentlich begegnet und hat dessen publizistische und politische Entwicklung mit Interesse und Aufmerksamkeit verfolgt. Sie teilt mit ihm heute die Überzeugung, dass „Frieden“ in Nahost erst einkehren wird, wenn neben dem demokratischen Staat Israel ein (wie auch immer gearteter) palästinensischer Staat existieren wird.

Wohl im Jahr 1953 macht ein Fotograf – ohne dass die seinerzeit 26-jährige Gerda dies mitbekam – eine Portraitaufnahme von ihr am Strand von Tel Aviv. Das Foto dieser wunderhübschen Frau ziert 1953 das Titelbild von Avnerys legendärer Wochenzeitung HaOlam HaZeh (dt.: Diese Welt). Das Foto ist erhalten geblieben und konnte so auch in ihrem Buch publiziert werden.

Ein kleiner Exkurs: Uri Avnery – und ein wenig feines Plagiat von Prof. Julius H. Schoeps

Aus gegebenem Anlass sei eine kleine Anekdote zu Uri Avnery hinzu gefügt: Der Publizist und Direktor des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums, Julius H. Schoeps, publizierte 2016 ein Buch mit dem verheißungsvollen Titel: Begegnungen – Menschen, die meinen Lebensweg kreuzten beim Suhrkamp Verlag. Das von narzisstischen Ausführungen und Selbstdarstellungen angefüllte Werk enthält zahlreiche Biografien, darunter auch ein biografischer, 18 Seiten umfassender Beitrag über Avnery. Ich las diesen und war ziemlich verwundert: Dieser kam mir sehr vertraut vor. So kannte ich alle Zitate, die Schoeps aus Avnerys zahlreichen Büchern entnommen haben möchte. Ich machte mir die Mühe und verglich Schoeps Ausführungen mit meiner 2003 publizierten Biografie von Avnery: Professor Schoeps hat nachweislich alle Avnery-Zitate von mir übernommen. Neun der 18 Buchseiten hat hat er mehr oder weniger vollständig von mir übernommen; immerhin hat er einen Teil der Darstellungen etwas umformuliert. Ich schickte ihm eine Mail, in der ich ihn auf dieses offenkundige Plagiat ansprach. Er antwortete mir gutgelaunt, dass er dies, wenn überhaupt, nur unbewusst gemacht habe. Immerhin hat Schoeps in seinem Avnery-Beitrag über seine „Begegnungen“ in einem Nebensatz eingestreut, dass seine letzte Begegnung mit Avnery aus dem Jahr 1969 datiert… Ich möchte doch hoffen, dass zumindest dieses Treffen wirklich stattgefunden hat. Der Suhrkamp-Verlag preist das „Begegnungs“-Buch von Schoeps übrigens mit den edlen Worten an: „Jede dieser Begegnungen wirft ein Schlaglicht auf Wechselfälle, Episoden, Konflikte, auf Veränderungen, auf Wendungen zum Guten wie Schlechten im Zusammenleben von Juden und Deutschen in den letzten sechs Jahrzehnten, von damals bis heute.“ Amen.

Kommen wir zu den sehr viel gelungeneren und authentischeren Erinnerungen Gerda Eislers an ihre Jugend in Graz und Tel Aviv zurück.

Inga Fischer fügt in ihrem Vorwort hinzu, dass Gerda Eislers Biografie für sie „die Geschichte einer selbstbewussten Frau“ sei, die niemals „ihren Mut und ihre Neugierde verloren“ habe. Abgerundet wird das lesenswerte und sehr lebendige Werk durch eine von Heimo Halbrainer (Graz) verfasste umfangreichere Studie, in der er die Familiengeschichten von Gerda Eisler, den Engels und Silberers wissenschaftlich rekonstruiert.

Gerda Eisler (2017): Alles, woran ich glaube, ist der Zufall. Eine Jugend in Graz und Tel Aviv, Herausgegeben von Inga Fischer, 156 S., bebildert. Graz 2017: Clio Verlag, 18 Euro, Bestellen?

Eine kürzere Version ist in der Jüdischen Allgemeinen am 16.11.2017 erschienen.

Kommentar verfassen