Codename „Walnuß“

Münchens größter Bunker ist die alte BMW-Fabrik im Nordwesten der Stadt. Nick Hope (94) arbeitete und litt dort als KZ-Häftling. Jetzt hat er den „mörderischen Bau“ besucht…

Von Eva von Steinburg
Erschienen in: Abendzeitung München v. 18.10.2017

„Am Boden waren Gleise“, sagt Nick Hope (94) – und fixiert den grauen Beton. Der weißhaarige Herr trägt Hörgerät – und den Hut, den er sich als junger Mann in München gekauft hat. Im Allacher BMW-Bunker von 1943 spricht der betagte Kalifornier plötzlich Deutsch: „Es ist, als wäre alles gestern passiert“. Nick Hope meint damit seine Jugend – als KZ-Häftling beim Bau des BMW-Bunkers an der Dachauer Straße.

Der Mann ist hier drin der erste Zeitzeuge überhaupt. Mit seinem Freund, dem Historiker Klaus Mai, tastet er sich tiefer die massive Bunkerhalle hinein. Der größte Bunker der Stadt ist ein Beton-Monster: 17 Meter hoch, 160 Meter lang mit 3, 50 Meter starken Wänden. Der Bau liegt an der Dachauer Straße, verborgen vor den Blicken der meisten Münchner.

Nicht zum Schutz von Menschen, sondern zum Schutz der Rüstungsproduktion hat BMW den riesigen Klotz ab 1943 von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen bauen lassen. Das Projekt hatte den Codenamen „Walnuß“  (im Deutsch vor der Rechtschreibreform).

Nick war damals Kriegsverschleppter aus der Ukraine. Als 20-Jähriger war er im Münchner Konzentrationslager Dachau-Allach interniert – gleich auf der anderen Seite der Dachauer Straße. Dort wo heute die Wohnsiedlung Ludwigsfeld steht.

26 Monate Zwangsarbeit hat er in München durchgehalten: „Zwölf Stunden am Tag habe ich Säcke mit Zement geschleppt.“ Nick Hope war Teil eines Trupps von 800 bis 1000 Häftlingen, die Beton gemischt und schubkarrenweise gossen haben. „Für den Bunkerbau waren überwiegend Juden eingeteilt“, weiß Historiker Klaus Mai: „Viele starben. Die wogen nur 40 Kilo und brachen einfach zusammen“.

Später wird Nick für die Montage am Flugzeugmotor angelernt. Er schraubt den legendären BMW 801 für die NS-Jagdflieger zusammen. Die Miene des Seniors hellt sich auf, als er „seinen“ Motor im MTU-Museum wieder besehen und befühlen kann. Dabei fällt ihm seine Strafe wegen Sabotage ein: „Eine Schraube war schief. Der Kapo hat mich geschimpft. Es gab 25 Stockhiebe.“

Der robuste BMW-Flugmotor 801 war für das Dritte Reich kriegswichtig. Nachdem ein Luftangriff im März 1943 das BMW Werk in Milbertshofen lahmgelegt hatte, verlagerte man die Motoren-Fabrikation an die Dachauer Straße – und beschloss, sie mit einem Mega-Bunker zu ummanteln.

„Das ist ein mörderischer Bau. Er steht für das frühere Firmen-KZ von BMW, in dem insgesamt 14 000 Häftlinge arbeiten mussten“, belegt Stadtteilhistoriker Klaus Mai mit seiner Forschung. Warum wissen die Münchner aber nichts über ihren größten Bunker? „Er lag im Sperrgebiet, in einem Wäldchen. Deshalb war er von der Dachauer Straße nicht zu sehen. Heute wird er von den Hallen der Firma MTU verdeckt“, sagt Klaus Mai.

Außen grau und abweisend, innen getünchte Wände, hohe Metalltüren, Neonlicht – Der Münchner Mega-Bunker ist nicht öffentlich zugänglich. Denn er liegt auf dem Gelände der Rüstungsfirma MTU Aero Engines, dem Nachfolger von BMW am Standort. An der Dachauer Straße 665 produziert das Unternehmen Turbinen für die zivile und militärische Luftfahrt, wie die Triebwerke für den „Eurofighter“, vormals schon für den „Tornado“.

MTU hat in München 4700 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat sich, wie auch BMW, zwar seiner Vergangenheit gestellt (2010 hat es die NS-Historie wissenschaftlich aufarbeiten lassen). Doch längst nicht alle Arbeiter und Angestellten wissen um die brutale Geschichte ihres Standortes: Schwerste Arbeit, Prügel durch die Kapos und ein ständiges Sterben waren im Zweiten Weltkrieg auf diesem Firmengelände Alltag.

Ein Fortschritt: Noch vor drei Jahren ist Zeitzeuge Nick Hope bei MTU vor verschlossenen Türen gestanden – jetzt bedankt er sich überschwänglich für die Kooperation. „Nick hat es gutgetan, dass man ihn so ernst nimmt. Im Bunker hat er scherzen können. Es scheint, als habe er etwas Schmerzvolles friedlich abgeschlossen“, kommentiert das Klaus Mai.

George Hope (l.) mit seinem Vater Nick in der heutigen Lagerhalle, (c) Gerlinde Dunzinger

Hope selbst hat die Reise in seine düstere Vergangenheit elektrisiert: „Mensch, dass ich diesen Bunker noch einmal sehen durfte. Es sind schlimme Erinnerungen, aber es war auch meine Jugend!“, sagt er.

Eine Gedenktafel am alten BMW-Bunker für die vielen Opfer würde auch Nicks Sohn George freuen, der seinen Vater liebevoll „Pap“ nennt. Doch soweit ist man bei MTU noch nicht: Sprecherin Martina Vollmuth erklärt: „Meines Wissens ist derzeit keine Gedenktafel geplant.“

In Amerika tauschte Nick seinen ukrainischen Nachnamen „Choprenko“ absichtlich gegen „Hope“. Und  München verlässt er  – mit Hoffnung.

Bild oben: Im Dienst des Bombenkrieges: Nick Hope (94) sieht im MTU-Museum den Flug-Motor BMW 801 wieder, an dem er im Bunker mitschrauben musste, (c) George Hope

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