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Sukkot

Der vorliegende Beitrag wurde 1925 in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung veröffentlicht. Autor ist der unter dem Pseudonym Amitai schreibende Journalist und Zionist Leo Herrmann…

Herrmann, der 1888 in Böhmen geboren wurde, gehörte in Prag der zionistischen Bar Kochba Vereinigung an. Als deren Vorsitzender lud er Martin Buber ein, der in Prag seine berühmten „Drei Reden über das Judentum“ hielt. Herrmann war u.a. Redakteur der zionistischen Wochenzeitschrift Selbstwehr, bevor er 1913 nach Berlin zog und dort die Chefredaktion der Jüdischen Rundschau übernahm. 1920 gehörte er mit Berthold Feiwel zu den Gründern des Keren haYesod. 1926 zog Herrmann nach Jerusalem, wo er die Ideen des Brit Shalom für einen binationalen Staat von Juden und Araber vertrat. Leo Herrmann starb 1951 in Jerusalem.

In diesem kurzen Beitrag zu Sukkot mahnt Herrmann besonders, dass im Judentum „jeder wahrhaft Gerechte Teil hat an der künftigen Seligkeit“, egal welcher Nation er angehört – ein Gedanke, der heute aktueller denn je scheint.

 

סוכות

Der große Tage der Sühne, welcher die schwere Last der Sünde, welche Herz und Gemüt bedrücken, auslöst, seht hinter uns; ihm folgt ein Fest, das in der Schrift als ein Fest der Freude bezeichnet wird. Doppelte Freude bringt es uns: Neben dem Segen der vorangegangenen Versöhnung die Befriedigung über den Ertrag der Ernte. Mehrere Verordnungen sind es, welche die heilige Schrift an diesem Feste und auferlegt. Wir sollen in Hütten unser Heim aufschlagen, mit der Begründung: „Damit es eure Geschlechter erfahren, daß ich in Hütten habe wohnen lassen die Kinder Israels, wo ich sie herausführte aus Mizrajim.“ Was uns hier vor Augen geführt wird ist so klar zum Ausdruck gebracht, daß wir nicht näher darauf einzugehen nötig haben.

Dagegen scheint es angebracht, die anderes Festesgebräuche eingehender zu würdigen. Vier Fruchtarten sind es, welche unseren Festestrauß bilden. Esrog, Myrte, Palme und Bachweide; eine Zusammenstellung, welche uns ein treffliches Bild als Mahnung bietet. Die schöne hohe Palme und die mindere einfache Bachweide, eine Lehre für Jeden, möge er noch so hoch im Leben dastehen, den weniger beglückten Bruder nicht hochmütig zu behandeln.

Zu ihnen gesellt sich das Liebliche Esrog und die sanfte Myrte, welche beide durch ihren wohltuenden Duft ein Symbol der Milde und des Wohlwollens darstellen. Gibt es ein herrlicheres Bild, als diese Zusammenstellung? Einigkeit im Volke, gegenseitiges Verstehen ist die Deutung des Feststraußes; die Forderung und Lehre, welche wir daraus ziehen sollen. Ein weiteres herrliches Symbol führte uns eine Festesvorschrift vor Augen, eine Vorschrift, welche jedoch nur zur Zeit, als der Tempel bestand, zur Geltung kommen konnte. Am Hüttenfeste wurden siebzig Stiere als Opfer der gesamten Gemeinde auf dem Altar des Heiligtums dargebracht. Diese siebzig Stiere wurden geopfert für das Wohlergehen, das zeitliche Glück und ewige Heil aller Nationen, wie unsere Weisen erklären.

Bei allen Verfolgungen, unter allen Bedrückungen hat Israel immer dem Wohle des Landes, das seine Heimat war, gedient. Im Gegensatz zu anderen Relgionen bekennen wir, daß jeder wahrhaft Gerechte Teil hat an der künftigen Seligkeit. Sehr schön drückt dies Jehuda ha-Levi im Kusari aus: „Wir sind nicht so grausam irgend einen Menschen, von welcher Nation er auch sei, den himmlischen Lohn für seine guten Taten abzuspprechen.“

Mit solchen Gedanken beschließen wir die Reihe unserer Feste im Tischri. Möge ein fruchtbarer Regen, um welchen wir am Schlußfest bitten, der Menschheit zum Segen gereichen und als Symbol einer glücklichen Zukunft gelten.

Amitai

Bayerische israelitische Gemeindezeitung, Heft 9, 7.10.1925