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Wo denn und wie?

Lesung von Gertrud Seehaus-Finkelgruen aus ihrem neuen Gedichtband…

 Von Roland Kaufhold

„Die Frau spricht

 Ich habe einen Sternenhimmel gesehen
letztes Jahr
und immerhin Kamele und Beduinen (…)

Ich habe die Nacht belauscht
wenn sie sich anschlich
harzigen Wein getrunken
und frische Pita zerbissen

Und Liebe war da
und Lust“

Gertrud Seehaus (2017a, S. 16)

 

Die in Köln lebende Schriftstellerin und Lyrikerin Gertrud Seehaus-Finkelgruen blickt auf eine lange literarische wie auch gesellschaftspolitische Erfahrung zurück: 1934 in der saarländischen Kleinstadt Merzig geboren erlebt sie als Kind noch die Nazizeit. Diese Erfahrung prägt sie, immer wieder setzt sie sich in ihren Werken mit diesen maßgebenden Jahren auseinander. Für sie war dies, ausgehend von Adornos Credo, dass nie wieder Auschwitz sein dürfe, die Frage, wie die Ursachen und gesellschaftlichen Folgeerscheinungen der organisierten deutschen Barbarei bekämpft werden können.

Gertrud Seehaus macht in den 1950er Jahren eine Ausbildung als Schauspielerin, arbeitet als Hörfunksprecherin sowie als Lektorin für den WDR.

Von der Lehrerin zur Schriftstellerin

Dann arbeitet Gertrud Seehaus in Köln als Lehrerin an einer Hauptschule. Für sie ist das für Jahre eine inspirierende Tätigkeit. Schwerpunktmäßig arbeitet sie mit migrantischen, benachteiligten Jugendlichen. Jahrzehnte später sollte sie diese Erfahrungen in ihrem gemeinsam mit ihrem Ehemann Peter Finkelgruen verfassten Kinderbuch Oma und Opa hatten kein Fahrrad wieder aufgreifen.

Ende der 1970er Jahre verfolgt Gertrud Seehaus gemeinsam mit Peter Finkelgruen den Kölner Lischka-Prozess. Ermöglicht hatten diesen vor allem Serge und Beate Klarsfeld – gemeinsam mit dem in Israel aufgewachsenen, aber in den 1950er Jahren nach Köln übergesiedelten Kameramann Harry Zwi Dreifuss– , dank ihres außergewöhnlichen Mutes und Beharrungsvermögens. Angeklagt war neben Kurt Lischka und Ernst Heinrichsohn auch der Kölner SS-Sturmbannführer Herbert Hagen, einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung von über 70.000 französischen Juden.

Dessen Sohn Jens Hagen gehörte in Köln seinerzeit zu dem kleinen linken, von der APO geprägten Schriftstellerkreis. Der 1944 geborene Sohn eines NS-Täters gehörte zum Freundeskreis von Seehaus und Finkelgruen. Der Kölner NS-Prozess dauerte nur vier Monate, – für NS-Prozesse eine erstaunlich kurze Dauer, wie insbesondere Finkelgruens elf Jahre andauernder Prozess gegen den NS-Täter Anton Malloth, den Mörder seines Großvaters, auf bedrückende Weise demonstriert hat. Am 11.2.1980 wurden Lischka, Hagen und Heinrichsohn zu acht, zehn und zwölf Jahren Haft wegen „Beihilfe zum 73.000-fachen Mord“ verurteilt. Der linke Schriftsteller und Sohn eines Nazis suchte bereits in jenen Jahren Schutz beim doktrinären, in seinem Kern antisemitischen DKP-Spektrum. Jens Hagen war nicht in der Lage, dem Prozess gegen seinen Vater gemeinsam mit Seehaus, Finkelgruen und Henryk M. Broder beizuwohnen. Er wartete vor dem Gerichtsgebäude, bis die Verhandlung vorbei war und seine Freunde wieder heraus kamen. Danach suchte er gemeinsam mit Henryk M. Broder und Peter Finkelgruen Cafes auf, suchte Zuspruch bei ihnen.

Gertrud Seehaus besucht jeden Verhandlungstag. Für sie ist dies eine zutiefst beunruhigende, verstörende Erfahrung. Sie fertigt während des Prozesses – da Fotografieren verboten war – handschriftliche Portraits der drei Angeklagten an. Und sie schreibt in eruptiver Weise zahlreiche Gedichte zu NS-Themen nieder, in denen sich ihre tiefe Verstörung und Verunsicherung niederschlagen. Einen Teil dieser Gedichte veröffentlicht sie seinerzeit in der von Finkelgruen und Broder 1979/1980 in Köln im Eigenverlag herausgegebenen Zeitschrift Freie Jüdische Stimme.[i] Diese Gedichte und Zeichnungen sind soeben in Gertrud Seehaus´  Gedichtband Vatersprache (2017b) erstmals in gesammelter Form publiziert worden.[ii]

Die 1980er Jahre: Gertrud Seehaus und Peter Finkelgruen in Israel

1981 dann eine biografisch-berufliche Zäsur, die Gertrud Seehaus unerwartet neue Freiräume und Erfahrungen eröffnen: Als Peter Finkelgruen – er wuchs in Shanghai, Prag und Israel auf – 1981 als Rundfunkkorrespondent und Vertreter der Friedrich Naumann Stiftung für sieben Jahre nach Israel geht möchte sie sich als verbeamtete Lehrerin für einige Jahre freistellen lassen. Dies wird abgelehnt. Die 47-Jährige kündigt ihren Beamtenstatus, zum ungläubigen Erstaunen der Behörde – und empfindet dies bis heute als einen Akt der Befreiung.

In diesen von großen Hoffnungen erfüllten Jahren in Israel setzt Gertrud Seehaus ihr literarisches Werk fort. Sie verfasst zahlreiche Gedicht, in denen sie ihre Erfahrungen im Israel der 1980er Jahre verarbeitet.

Diese Gedichte sind soeben in Gertrud Seehaus´ kleinem, berührenden Gedichtband Wo denn und wie? erstmals in gesammelter Form publiziert worden. Der Band wurde von der Schriftstellerin und Publizistin Nadine Englhart lektoriert und in Buchform gebracht.

Aus diesem Gedichtband wird Gertrud Seehaus gemeinsam mit Susanne Flury am 8.10.2017 (11 Uhr, Kunstsalon FREIRAUM, Gottesweg 116a, 50939 Köln) lesen.

Wo denn und wie?

Einige Anmerkungen zum Gedichtband Wo denn und wie?: 27 Gedichte aus ihren Jahren in Israel hat Gertrud Seehaus-Finkelgruen hierin versammelt. Eröffnet wird die Wiederbegegnung mit den 1980er Jahren mit dem Gedicht Wie es beginnt:

„So ist das nicht
Da wird nicht geschossen
und gesprungen
etwas löst sich
und etwas fällt

So ist das
wo das Gras brennt
und Eisen auf Fleisch trifft
und der eine nicht weiß
was den anderen vor seine Füße wirft“

Der Ort, an dem dies alles geschieht:

„ – unter dem Schaukeln grüner Baumwipfel
neben dem Versteck der Eidechsen“

Das Stück Die Angst und die Wörter handelt von der Angst, die uns als Menschen begleitet und der wir auch durch eine Flucht etwa nach Wien, dem Sinai oder dem roten Meer nicht zu entfliehen vermögen:

„Die Angst ist wie ein lahmes Bein
ist wie ein Brot aus schwerem Stein
ist wie die Zecke in der Haut
ist wie ein Haus aus Mist gebaut
ist Eiternebel
Giftsubstanz“

Ein Gedicht handelt von Ir atika – Der Altstadt von Jerusalem, dem Ort, in dem Finkelgruen und Seehaus sieben Jahre lang lebten – und an dem sie ihr gemeinsamer Freund Henryk M. Broder, nach seinem wortreich verkündeten, zornigen, „endgültigen“ Abschied aus Deutschland häufig besuchte. Das politisch heftig umstrittene, religiös aufgeladene Jerusalem, Hauptstadt Israels, war in den 1980er Jahren noch ein Ort zahlreicher Begegnungen zwischen Israelis und Araber. Es waren die Jahre der Hoffnung, in denen alles als möglich erschien. Der Friede zwischen diesen beiden Völkern schien so nahe – wie sich etwa in den Schriften Uri Avnerys, des palästinensischen Philosophen Sari Nusseibeh sowie in Amos Oz Werken dokumentiert – und erwies sich doch als trügerische Illusion.

In Gertrud Seehaus´ Gedicht Ir atika finden sich die Zeilen:

„Die Straßen am Abend wie Mausefallen
der Haß wispert sein Lied darin
läßt es wie die Welle zum Kotel rollen
Die unerlösten Seelen flüstern ihre Legenden
die Jahrhunderte fallen wie Regen
in die Tasse mit Sahlab
Zimt Nüsse und Orchideen

Das Gluckern der Wasserpfeife
die Hand auf der Frauenbrust
in einem Hinterzimmer
voll Männergestank
voll Weihrauch“

Mehr am Sonntag 8.10.2017 um 11.00 Uhr im

FREIRAUM e.V., Gottesweg 116a, 50939 Köln

Einladung zur Lesung von Gedichten Gertrud Seehaus

Gertrud Seehaus hat mehrmals, auch zusammen mit Susanne Flury, Texte im Freiraum gelesen. Diesmal liest sie eigene Gedichte, gesammelt in mehreren Jahrzehnten und bislang nie zusammen veröffentlicht. Bunt und ungeordnet, wie sie in Schubladen überdauert haben, sollen sie Ihnen zu Gehör gebracht werden.

Susanne Flury wird eine kurze biographische Einführung geben und Karin Clark wird eine Ausführung zu den gelesenen Gedichten vortragen

Eintritt 8,– Euro

Gertrud Seehaus (2017a): Wo denn und wie?, 60 S., gebunden,  Books on Demand, ISBN: 978-3-7448-9864-5 (18 Euro).

Gertrud Seehaus (2017b): Vatersprache, 76 S., gebunden Books on Demand, ISBN: 978-3744835497 (20 Euro).

Links:

Karin Clark (2014): Für Gertrud Seehaus-Finkelgruen. Zum 80. Geburtstag: http://www.hagalil.com/2014/12/gertrud-seehaus/

Wibke Bruhns: Grüße an Gertrud Seehaus-Finkelgruen: http://www.hagalil.com/2014/12/gertrud-seehaus-finkelgruen/

Gertrud Seehaus (2002): Ist die Literatur ein Männerschlachtfeld? Über Günter Grass und seinen Roman „Tod eines Kritikers“: http://www.hagalil.com/antisemitismus/deutschland/seehaus.htm

Nadine Englhart (2014): Zum 80. Geburtstag von Gertrud Seehaus: http://www.hagalil.com/2014/12/gertrud-seehaus-2/

[i] Vom Autor dieser Besprechung erscheint im Herbst 2018 ein Buch über Leben und Wirken Peter Finkelgruens; darunter auch eine umfangreiche Studie über die Freie Jüdische Stimme (Psychosozial Verlag).

[ii] Dieser Gedichtband wird demnächst auf haGalil besprochen.