Faszination Judentum

Ein von Philipp Theisohn und Georg Braungart herausgegebener Sammelband schreibt die literarische Geschichte des Philosemitismus…

Von Galina Hristeva
Zuerst erschienen bei: literaturkritik.de, 10.10.2017

„Gepriesner Jude“ – einer, dem „sein Gott von allen Gütern dieser Welt das Kleinst’ und Größte so in vollem Maß erteilet habe“, der also Reichtum und Weisheit in einer Person vereinige. Das ist das Bild von Nathan, das im Gespräch zwischen Königin Sittah und Nathans Freund Al-Hafi im zweiten Aufzug von Gotthold Ephraim Lessings Drama Nathan der Weise evoziert wird. Bezeichnenderweise sträubt sich Al-Hafi aber eine Weile gegen Sittahs Wiedergabe seiner eigenen Worte: „Wie? Von einem Juden? Von einem Juden hätt ich das gesagt?“ und markiert hiermit die Freundschaft mit einem Juden als ein Minenfeld. „Judenfreunde“ hatten es nie leicht, wie man spätestens seit den judenfeindlichen Pamphleten eines Autors wie Carl Wilhelm Friedrich Grattenauer weiß, der sie um 1800 verächtlich „Advokaten der Judenschaft“ nannte.

Das „Gefahrenpotential“, das die Freundschaft zu Juden in sich birgt, aber auch die vom Philosemitismus selbst ausgehenden Gefahren werden im Band Philosemitismus. Rhetorik, Poetik, Diskursgeschichte, herausgegeben von Philipp Theisohn und Georg Braungart, umrissen, doch noch mehr und in erster Linie geht es hier um die „philosemitische Rede“ – die Art und Weise, wie Philosemiten ihre Judenfreundschaft artikulieren. Mit dieser neuartigen, philologischen Ausrichtung entreißen die Herausgeber des Bandes und die Autoren der Beiträge das Thema „Philosemitismus“ der reinen Polemik und wollen es für die wissenschaftliche Erforschung weiter öffnen und fruchtbar machen, die seitens der Geschichtswissenschaft bereits in Angriff genommen wurde. Der Band enthält die Vorträge der 21. Jahrestagung der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft aus dem Jahre 2011.

Der Band spiegelt die große Bandbreite und Vielfalt des philosemitischen Diskurses und entfaltet in Ansätzen eine mehrere Jahrhunderte – von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart – umfassende Geschichte dieses Diskurses. Dass Moses Mendelssohn und Lessing als Zentralfiguren nicht fehlen und beispielsweise in den Beiträgen von Christian Kohlross, Stefan Knödler und Cornelia Ortlieb auftreten, ist zwar nicht überraschend, dank der neuen Lesart durch das Prisma des philosemitischen Diskurses mit all seinen Ambivalenzen jedoch interessant und innovativ. Es fällt schwer, die zahlreichen, auch überraschenden thematischen Akzente, die das Buch setzt, zu nennen. Herausgegriffen seien deshalb an dieser Stelle nur etwa Lutz-Henning Pietschs Beitrag über die Beurteilung des „Zweigestirns“ Ludwig Börne und Heinrich Heine im 19. Jahrhundert („Über die ‚falsche‘ und die ‚erhabene Mission‘ des Judentums. Anti- und philosemitische Diskursivierungen jüdischer Herkunft in der Heine- und Börne-Charakteristik des 19. Jahrhunderts“) oder Marc Seiffarths Beitrag „Ambivalentes Begehren. Der Begriff ,Philosemitismus‘ im antisemitischen Kontext bei Otto Weininger“.

Da zu den wichtigsten Prioritäten des Buches die Untersuchung der Rhetorik und Poetik des Philosemitismus gehört, arbeiten die Beiträge ein ganzes Arsenal rhetorischer und poetischer Mittel heraus, mit denen der Diskurs geführt wurde – beispielsweise den Topos von der Verwandtschaft zwischen Deutschen und Juden im Beitrag von Gunnar Och oder die „Topik und Rhetorik eines Dritten“ im Beitrag von Andreas Kilcher. Burkhard Meyer-Sickendieck untersucht den Philosemitismus als „subversive Strategie“, während ihn Bernhard Greiner anhand von Franz Grillparzers Dramen Die Jüdin von Toledo und Esther als Drama liest. Die Textverfahren, mit denen Romane am philosemitischen Diskurs teilhaben, profilieren im Band etwa Eva Edelmann-Ohler anhand von Börries von Münchhausens Juda (1900), Helmuth Kiesel anhand eines „Ensembles“ von Romanen der Weimarer Republik und Stefanie Leuenberger anhand von Ingeborg Bachmanns Malina. Auf die „Ökonomie“ des Philosemitismus in der westdeutschen Nachkriegsliteratur geht Stephan Braese ein.

Nicht zuletzt widmen sich die Autoren in diesem Band der Verschränkung des Philosemitismus mit anderen Diskursen wie dem Zionismus – im Beitrag von Eva Edelmann-Ohler – und noch mehr mit dem Antisemitismus. So kann Helmuth Kiesel zeigen, dass sich in den Romanen der Weimarer Republik „philo- und antisemitische Rede auf besonders intrikate Weise überlagern“. Kiesel entdeckt in Texten aus jener Zeit eine „extrem positive Gestaltung von Juden, die nicht selten dazu übergeht, den Juden eine mehr oder minder umfassende Superiorität zuzuschreiben: klüger, gebildeter, gewandter, welterfahrener, einfallsreicher, geschäftstüchtiger, erfolgreicher bei allem was sie betreiben.“ Die Frage nach der „jüdischen Differenz“ (Theisohn/Braungart) ist der Stein des Anstoßes, aber auch der Nährboden, dem sowohl der Antisemitismus als auch der Philosemitismus entsprossen sind. Sind die Juden anders, besser, schlechter oder sind sie wie alle anderen Menschen? Und ist Judenfreundschaft nur die Kehrseite der Judenfeindschaft, eine Judenfeindschaft mit verkehrtem Vorzeichen?

Wie die beiden Herausgeber in ihrem Vorwort setzen sich viele Autoren mit dem Begriff des Philosemitismus auseinander und bemühen sich um dessen Präzisierung, bleibt doch der von Heinrich von Treitschke 1880 geprägte Begriff noch unterbestimmt und aufgrund seiner „problematischen Genese“ (Theisohn/Braungart) prekär. Burkhard Meyer-Sickendieck demonstriert einige Unterschiede bei der Verwendung dieses Begriffes durch verschiedene Autoren und macht auf die Differenz zwischen Philosemitismus und Philojudaismus aufmerksam. Angesichts dieses Unterschieds schränkt er für seine eigenen Analysen den Begriff ein: „Insofern begreife ich den Begriff des Philosemitismus im Folgenden als wohlwollenden Umgang mit all jenen Kulturleistungen, wie sie in der deutsch-jüdischen Moderne entwickelt wurden.“

Faszination und Bedrohlichkeit durchdringen sich im philosemitischen Diskurs – so Jörg Marquardt in seiner Analyse von Grimmelshausens Vogel-Nest II. Trotz der Nähe zum Antisemitismus kann der Philosemitismus aber keineswegs auf eine „antisemitische Kippsemantik“ reduziert werden (Theisohn/Braungart): Er ist ernstzunehmen, er hat eine eigene Dynamik, eigene Strategien, Ausdrucksmittel und Darstellungsformen und hiermit eine eigene Dignität, die ihm der vorliegende Band zurückgibt. „Das Gravitationsfeld“ des Philosemitismus erweist sich als ein weites, komplexes, hochgradig dynamisches und brisantes Gebiet, das auch Brüche und Ambivalenzen nicht vermissen lässt. Der Band kann als ein Meilenstein auf dem Weg der Erforschung dieses schwierigen Feldes angesehen werden. Er überwindet die bisherige Vernachlässigung des Themas in der Literaturwissenschaft und erfasst die „philosemitische Literarizität“ (Theisohn/Braungart) in hohem Maße.

Das Zentraltheorem dabei ist dasjenige von der „überspringenden Rede“, wie es von den Herausgebern in ihrem hervorragenden Vorwort konturiert wird: Der Philosemitismus bezweckt nichts weniger als „die Transgression auf das Feld des Judentums“ und ist somit – diskursiv gesehen – „eine Rede, die auf ihren Gegenstand überzuspringen versucht“ (Theisohn/Braungart, Kursiv im Original). Dass die Literaturwissenschaft infolge dieser diskursiven Orientierung hier zu Hause ist, ist nachvollziehbar. Beeindruckend ist insbesondere die Begründung und Legitimierung dieses Vorgehens: „Das Judentum, wie es der philosemitische Diskurs imaginiert und inszeniert, ist ein Phantasma. Als phantasmatisches Objekt aber wird der Jude zu einem Träger der geheimen Wünsche seiner Umwelt“. Und noch deutlicher und zugespitzter: „Philosemitismus ist Begehren, und ganz gleich, wo man ihn antrifft – in Theologie, Politik, Kunst und nicht zuletzt auch in der Literatur- und Geschichtswissenschaft –, richtet sich seine rhetorische Energie weniger darauf, das Andere sich gleichzumachen, als vielmehr ein Anderer werden zu können, hinüberzugehen, geliebt und anerkannt zu werden.“

Abgesehen davon, dass in weiteren Untersuchungen zu überprüfen ist, ob man den Philosemitismus tatsächlich immer auf die Formel „Philosemitismus ist Begehren“ herunterbrechen kann, stellt sich die Frage, ob die philosemitische Rhetorik und Poetik – die „Begehrensstruktur“ (Jörg Marquardt) der Texte also – ohne eine größere Anbindung an die jeweilige Gesinnung, an die konkreten psychologischen Motive, an die religiösen, politischen oder pragmatischen Gründe, Bedürfnisse und Ziele ihrer Träger angemessen analysiert werden können. Diese relative Abkopplung von der „Gesinnung“ mindert den Wert des Bandes aber nicht. Im Gegenteil, die hier lediglich als philologische ,Rettung‘ des Philosemitismus vorgestellte Geschichte des Philosemitismus eröffnet die Aussicht auf weitere differenzierende Studien über Formen, Varianten und Spielarten des Philosemitismus, einschließlich ihrer (auch nicht-literarischen) Ausdrucksformen, sowie auf neue, interdisziplinäre Untersuchungen über den Philosemitismus im Spannungsfeld von Geschichte, Theologie, Psychologie, Politik und Kunst.

Ludwig Börne hat im 74. Brief seiner Briefe aus Paris wohl am treffendsten die vielen, noch zu erforschenden Aporien des Philosemitismus zum Ausdruck gebracht (im vorliegenden Band von Lutz-Henning Pietsch zitiert): „Es ist wie ein Wunder! Tausend Male habe ich es erfahren, und doch bleibt es mir ewig neu. Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude sei; die andern verzeihen mir es; der dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran. Sie sind wie gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann keiner hinaus.“

Philipp Theisohn / Georg Braungart (Hg.): Philosemitismus. Rhetorik, Poetik, Diskursgeschichte. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2017. 440 Seiten, 69,00 EUR, Bestellen?

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