Mit 62 zum Studium

Eine israelische Biografie…

Von Anita Haviv-Horiner

Mein Nachbar ist vor 62 Jahren als Sohn armer Einwanderer aus Tunesien in Jerusalem geboren und aufgewachsen. Seine Mutter hatte er nie gekannt, da sie sehr früh verstorben war. Seinem Vater wuchs die kinderreiche Familie nach dem Tod seiner Frau über den Kopf. So kam es, dass David in Waisenhäusern aufwuchs. An diese Zeit hat er keine schönen Erinnerungen. „Ich hätte so leicht in die Kriminalität abrutschen können wie viele meiner damaligen Freunde. Aber ich habe immer gewusst, dass ich es schaffen werde.“

In der Schule war er sehr begabt, besonders fiel er durch sein zeichnerisches  Talent auf.

Mit Tränen in den Augen erzählte er mir, dass der Schuldirektor ihn physisch an der Hand genommen und – auf der Suche nach Finanzierung seines Studiums an der Bezalel Akademie – unzählige Behörden mit ihm abgeklappert hatte. Damals fand sich kein Stipendium.

David heiratete sehr jung und blieb nach dem Pflichtdienst in der Armee. Er erreichte einen hohen militärischen Rang. In dieser Zeit studierte er auf Kosten der IDF Politikwissenschaften.

Als seine Tochter schwer erkrankte, und es klar war, dass sie nur in den USA behandelt werden konnte, wurde er fünf Jahre nach New York versetzt.

Seine Vorgesetzten gewährten ihm ihre volle Unterstützung, damit er sich gleichzeitig der Pflege seines Kindes widmen konnte. Es war kein Entweder Oder.

Als die Familie wieder nach Israel zurückkam, kehrte er in die Armee zurück, nach einigen Jahren nahm er seinen Abschied. 

Da er zu diesem Zeitpunkt seinen Traum eines Architekturstudiums nicht verwirklicht hatte, aber dennoch von Gestaltung träumte, baute er sich ein erfolgreiches Business im Bereich der Hausrenovierungen auf. In unserem Viertel hat er die kleine Synagoge liebevoll restauriert und ist auch einer ihrer häufigsten Besucher.

Dann brach die Krankheit seiner Tochter erneut aus. Der Vater verbrachte ein Jahr mit ihr in Kanada, wo sie sich schmerzhaften Behandlungen unterziehen musste.

Als auch diese schwierige Phase vorbei war, beschloss er, dass die Zeit gekommen war, sich seinen Traum zu erfüllen. 

Letzte Woche hat er die Zusage von der Bezalel Kunstakademie bekommen. Am ersten November beginnt David sein Architekturstudium. „Mit Bezalel schließt sich für mich der Kreis. Ich wäre an keine andere Akademie gegangen“, stellte er mit einem strahlenden Lächeln fest.

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