Jahreswende – Vom Rosch-Haschanah zum Suckoth

Zu Rosch haSchana veröffentlichen wir aus den Schriften von Rabbiner Samson Raphael Hirsch, die unter dem Titel „Jahreswende“ erschienen. Rabbiner Hirsch, geboren 1808 in Hamburg, war Begründer der Neo-Orthodoxie…

Nach dem Besuch der Jeschiwah in Mannheim, begann Samson R. Hirsch 1829 das Studium der klassischen Sprachen, der Geschichte und der Philosophie in Bonn. Seit 1830 wirkte er als Rabbiner in Oldenburg. 1841 wurde er als Hannoverscher Landrabbiner für die Provinz Ostfriesland nach Emden berufen. 1847 übernahm er das Landrabbinat von Nikolsburg in Mähren.

1851 wurde Hirsch Rabbiner der orthodoxen „Israelitischen Religionsgesellschaft“ in Frankfurt, die er in den folgenden Jahren zu einer orthodoxen Modellgemeinde ausbaute.

1854 war Hirsch Herausgeber der Zeitschrift „Jeschurun“, eines „Monatsblatts zur Förderung jüdischen Geistes u. Lebens in Haus, Gemeinde u. Schule“.

Er begriff die Torah als Lebenszentrum des Judentums und sprach sich für die strenge Einhaltung der religiösen Gebote aus. Gleichwohl waren für ihn weltliche Kenntnisse und weltliche Kultur integrale Bestandteile der jüdischen Weltanschauung. Hirsch förderte die politische und kulturelle Integration in die deutsche Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund erkannte Hirsch die Notwendigkeit von Reformen an, wie z. B. das Predigen in deutscher Sprache und die Aufnahme säkularer Fächer an den jüdischen Schulen.

Hirsch vertrat die Idee einer radikalen und selbständigen „Austrittsorthodoxie“, d.h. er befürwortete die Eigenständigkeit orthodoxer Kreise durch Austritt aus den jüdischen „Einheitsgemeinden“, da diese meist zur jüdischen Reformbewegung tendierten. Das Judentum erhielt dadurch den Charakter einer „Konfession“, das Merkmal der nationalen Solidargemeinschaft trat in den Hintergrund.

Bei seinem Amtsantritt war die Israelitische Religionsgesellschaft Frankfurt eine Privatvereinigung im Rahmen der Jüdischen Gemeinde. 1876 gelang es ihm, im Preußischen Landtag das sogenannte Austrittsgesetz durchzusetzen, das es gesetzestreuen Juden ermöglichte jüdische Einheitgemeinden am Ort zu verlassen und sich in Separatgemeinden (Austrittsgemeinden) mit vollem öffentlich-rechtlichem Charakter zusammenzuschließen.

Quelle: Torah im Derekh Erez: Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Hirsch starb 1888. Seine Gemeinde bestand bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten.

Der vorliegende Text stammt aus dem 1924 erschienenen Buch „Jahreswende“, das ausgewählte Texte zu Rosch haSchana von Samson Raphael Hirsch enthält, die zuvor jeweils in Jeschurun erschienen sind.

Vom Rosch-Haschanah zum Suckoth

(Jeschurun, Jahrgang 1856)

Lasset uns jauchzen Dem Gotte unserer Macht!
Lasset uns jubeln Dem Gotte Jakobs!
Erhebt Gesang,
Gebt Paukenschall,
Liebliche Harfe und Psalter —

Aber am Neumond stoßt in den Schofar
Wenn der Mond noch verhüllt ist
Für den Tag unseres Festes;
Denn er ward Israel zum Gesetz:
„Gericht hält Jakobs Gott!“
Zum Zeugnis hat er in Jehosef schon damals ihn gesetzt
Als er auszog über Mizrajims Land,
Fortan sollt’ ich des. mir bis dahin Unbekannten Lippe ewig hören:

„Weß Schulter ich der Last enthob,
Deß Hände sollten von dem Kessel lassen!
Riefst in Not du einst und machte ich dich frei,
Erhör’ ich noch dich in Gewitter hülle,
Prüf’ dich nur an Haderwasser noch!“

Hör mein Volk — ich mahne dich!
Israel! Wirst du auf mich hören?“

„Nicht sei in dir unheiliger Gott
Nicht wirf dich hin dem Gott des Fremden —
Ich sei, Ich, dein Gott, der aus Mizrajims Land‘ dich hob —
Dann stelle weit deinen Wunsch — ich erfüll’ ihn ganz!“

„Aber mein Volk hörte meiner Stimme nicht,
Israel — fügte mir sich nicht,
Da ließ ich es fort im Dünkel seines Herzens,
Mögen sie einmal gehn in ihren selbstgeschaffenen Planen!“

„O, möcht’ mein Volk auch jetzt noch auf mich hören,
Israel mit Ernst in meinen Wegen fortan wandeln,
Wie bald beugt’ ich ihre Feinde nieder
Hielt über ihre Dränger wieder meine Macht!
Des Göttlichen Feinde würden die Feindschaft ihm verleugnen —
Und auch ihres Glückes Zeit würde ewig dauern.
Und während dieses es das Mark des Weizens mit genießen ließe,
Würd’ aus dem Fels — mit Honig ich dich sättigen!“

Nichts hat sich wohl dem Judentume — das heißt der Erkenntnis und Verwirklichung desselben in unserer Zeit — verderblicher erwiesen, als die halbe Bekannt­schaft, in welcher viele der jüdischen Zeitgenossen zu ihm stehen. Es gab eine Zeit, wo das Judentum das ganze Leben des Juden erfüllte, wo das Judentum er­kennen, das Judentum erfüllen die ganze Summe des jüdischen Lebens ausmachte. Da fand der Montag und Dienstag so gut seine Weihe und Heiligung aus der Hand der religiösen Institutionen, wie der Sabbat, das ganze Jahr so gut wie der Jahresanfang. Da bedurfte es nicht besonderer Ereignisse, Geburt, Hochzeit, Tod, um den Sterblichen zu den ewigen Gottesaltären zu leiten. Nicht bei solchen besondern Ereignissen machte sich das Bedürfnis fühlbar, den irdischen Verhältnissen eine höhere Weihe und Heiligung, Kräftigung und Trost zu verschaffen. Der ganze gewöhnliche Lebens­strom bewegte sich in dem Bette des göttlichen Wortes, das ganz gewöhnliche, ungefärbte Dasein nahm man nur aus den Händen des göttlichen Wortes hin, und wie der Luft zum Atmen bedurfte der Jude des Judentums, bedurfte er der Beziehungen zum Göttlichen, bedurfte er dessen, was man heutzutage „Religion“ nennt. Nur in diesem Bewußtsein lebte er, und bei jenen besonderen Zeiten und Ereignissen tat sich’s nur kund, was ihn sein Leben lang beseelte, oder erhielten die Bande nur neue Frische und neue Kraft, die ihn sein Leben lang trugen.

Es ist dies bei Vielen vielfach anders geworden. Es muß erst der Schofar am Jahresanfang tönen, um das jüdische Gefühl bei ihnen wachzurufen, oder das Pessachfest mit seinem Frühlingswehen weckt Weihegefühle jüdischer Jugenderinnerungen auf, oder das Leben mit seinen Freud- und Leidestagen, der Brautkranz oder das Trauergewand, der Gang zur Hochzeit oder — hinter der Bahre geliebter Eltern, der erste Schrei eines ihnen neugeborenen Kindes oder das letzte Zucken eines — gestorbenen, läßt sie die alten Institutionen der jüdischen Lehre und des jüdischen Lebens aufsuchen, läßt sie ihre Beziehungen zum Judentume fühlen. Das ganze übrige Leben weiß wenig oder nichts davon, der ganze übrige volle Strom des Lebens bewegt sich in andern Geleise, sucht seine Bedingungen und Begründungen in andern Motiven, seine Bedeutung und Vollendung in andern Zwecken. Das Judentum ist zu kostbar oder zu fremd, um es für’s alltägliche Leben zu gebrauchen. Ja, zumeist ist’s auch nur die eine Hälfte jener besondern Zeiten und Ereignisse, die Söhne und Töchter Israels in die Nähe des Judentums führt. Es sind zumeist nur die ernsten Tage und die ernsten Ereignisse, die ein jüdisches Bewußtsein wecken. Der Neujahrstag und der Tag der Versöhnung, der Ernst der Vergänglichkeit und — des Schuldbewußtseins, und im Leben — der Tod, bilden noch am meisten Momente jüdischer Anziehungskraft; das Licht und das Leben und die Freude kleiden sich in andere Farben.

Wir wollen nun nicht verkennen, daß selbst diese halbe Bekanntschaft noch ihr Erfreuliches hat. Wir freuen uns mit, wenn die jüdischen Zeitblätter diesseits und jenseits des Ozeans berichten werden, wie gefüllt an den ימים נוראים an den ernsten Tagen des jüdischen Jahresanfangs die Gotteshäuser gewesen, wie die ge­wöhnlichen Räume der Andacht für die Zahl der An­dächtigen nicht ausgereicht, wie man da so recht sehen konnte, welchen Boden das Judentum noch in den Herzen seiner Bekenner habe — — — Wir begreifen sehr wohl die Freude darüber, daß — noch wenigstens das da sei.

Allein wir glauben auch andererseits, daß diese Halb­heit — wie jedes halbe — auch ihre sehr ernsten, be­trübenden Seiten habe. Diese Halbheit hindert zuerst ganz besonders — daß wir so wenig ganze Juden haben. Man findet sich angenehm von sich selber überrascht, noch- so viel jüdischen Fonds bei sich vorzufinden, der — für den ganzen Vormittag eines Neujahrstages, für Nacht und Tag eines Versöhnungstages ausreicht, und der den be­sonders von trüben Ereignissen des Lebens angeregten ernsten Stimmungen eine entsprechende Befriedigung zu gewähren vermag. Man freut sich, das Judentum noch in einem verstohlenen Winkel des Herzens — für die Zeit des Gebrauches — vorhanden zu wissen, freut sich, daß die alten Bande doch noch nicht ganz gesprengt, daß man doch noch nicht ganz aufgehört habe, Jude . zu sein — und in dieser Freude, in dieser Selbst­zufriedenheit quittiert matt sich für alles Übrige, be­ruhigt sein Gewissen und erwacht nie mehr zu dem Bewußtsein, daß   Jude sein, etwas ganz anderes bedeute.

Einen ganz besonders betrübenden Einfluß hat jedoch diese halbe, sporadische, und nur bei bestimmten Ge­legenheiten und zu bestimmten Zeiten hervortretende Beziehung zum Judentum auf die Erkenntnis desselben, auf die Vorstellung, die von diesem Judentum in den Gemütern heimisch wird und sich so einbürgert, daß darauf gegründete Ansichten und Urteile wie sich von selbst verstehende Axiomata ausgesprochen und wie bare Münze hingenommen werden, ohne daß auch nur ein Zweifel mehr rege wird, ob denn nicht vielleicht — bewußtlose — Täuschung diese Urteile geprägt.

Wenn wir jahrelang nur am Neujahrs- und Ver­söhnungstage mit den jüdischen Institutionen in Kontakt geraten, wenn wir das Judentum so nur in dem weißen Sterbegewand erblicken, — ist ja selbst schon vor dem heitern Hütten- und Thorafreudenfeste unsere Bekannt­schaft mit dem Judentum meist verflogen! — wenn wir so nur im nächtlichen Neumondsdunkel das jüdische Leben auf suchen, aber der helle Vollmondsglanz uns schon nicht mehr in jüdischem Kreise grüßt — und wenn auch sonst im Leben uns die Andacht nur auf dem Totenacker, am Vater- und Muttergrabe, am Grabe der Gattin, Kinder und Geschwister überschleicht — was Wunder, daß für uns dann das ganze Judentum eine — Leichenbittermiene annimmt, wir unter Juden­tum nur Bußgedanken und Grabesmahnungen ver­stehen, uns die Poesie des Judentums zu nichts als Selichoth und Widdujim, zu Elegien und Sündenbekennt­nissen zusammenschrumpft, und alles Judentümliche uns mit solcher Unheimlichkeit anweht, daß wir im hellen, frischen, heiter pulsierenden Leben nichts damit anzufangen wissen und es wie eine grämliche Dissonanz aus dem Konzerte des Lebens — streichen!                                     *

Ach, das Judentum ist eine herrliche, fröhliche, heitere Lebenssymphonie der Schöpfung und Jahreszeiten, zu welcher Rosch Haschanah und Jom Kippur nur das introduzierende Adagio bilden. Allein die Söhne unserer Zeit nehmen die Introduktion für’s ganze, hören immer nur die Introduktion, und haben somit ganz das Ohr verloren, selbst in diesem introduzierenden Gedanken-Adagio das schon durchschimmernde Lebens-Allegretto herauszuhören.

Kommt noch hinzu, daß sie eben mit dieser ihrer Buß- und Sterbe-Religion sich immer mehr den herrschenden Anschauungen einer Kirche nähern, deren Ideale aller­dings meist nur den büßenden und sterbenden Menschen verherrlichen, so ist es ja ganz natürlich, daß sie das alles ganz in der Ordnung finden und daß eine Wissen­schaft, die bereits zu einer Küchenmagd für den Haut­gout des Zeitgeschmacks herabgewürdigt ist, für eine solche unjüdische Anschauung des Judentums hinterdrein die historische Begründung systematisch und genetisch nachzuweisen weiß. Ist ja das überlieferte Judentum nichts anders, als ein Erzeugnis des Mittelalters, der düstere, finstere Scheiterhaufen und Ghettikerker bauen- den Zeit! Was konnten auch die ghettigekerkerten, flammentodsterbenden Väter ihren Enkeln anders als Buß- und Grabesgedanken zum Vermächtnis hinterlassen! Daß aber vielmehr das Judentum, welches diese einge­kerkerten und gemordeten Väter begeisterte, einen um so großem, unerschöpflichen, unverwüstlichen Fonds von fröhlichem, heiterm, frischem Lebensmut müsse in sich getragen haben, weil sonst buchstäblich בתיהם קבריהם die Ghettihütten ihre Gräber geworden und sie unter der Wucht der gegen sie entfesselten mittelalterlichen Bar­barei bis zur Vernichtung zugrunde gegangen wären, und dieses frohe, heitere jüdische Lebenselement nun nur zu um so frischerer Entfaltung in einer freiern, sonnig- hellern Zeit kommen dürfte — das — wird nicht einmal geahnet.

Ja, der heutige Zeitbegriff vom Judentum scheint so sehr von diesen Buß- und Grabes-Anschauungen be­herrscht zu werden, daß selbst „Koryphäen“ jüdischer „Wissenschaft“ in einer mehr als zweitausendjährigen poetischen Literatur unseres Volkes fast nichts als Klag- und Jammertöne hören! Selichoth und Kinoth, Buß und Klage, tat’s all! Selbst die Psalmen fallen ihnen in diesen Jammerkreis. Selbst aus den Psalmen ist ihnen der Paukenschlag und Zymbelklang froher Gottesbe­geisterung geschwunden, Buß- und Klage-Elegien sind ihnen die, Psalmen — und sind sie in diese elegische Stimmung so festgerannt, es ist ihnen diese elegische Anschauung des Judentums zu einem solchen Axiom er­wachsen, daß sie durch diese elegische Brille alle Fakten der Geschichte auf den Kopf gestellt sehen. Die Schwer­mut bezwingende, fröhliche Davidsharfe kann ja un­möglich zu jenen Schwermutselegien geklungen haben! Was sollen überhaupt Elegien in glücklicher Davidischer Zeit! David, der Psalmdichter ist eine Mythe! Pro­pheten, nicht Psalmen erzeugt die Blütezeit eines Volkes! Psalmen wachsen auf dem Moderbeet trüber Verfalls­zeiten! Die Zeiten der Blüte erzeugen Propheten! War freilich eine Blütezeit, die Zeit des Jesajas, in welcher fünf Sechstel seines Volkes dem Schwerte Assyriens erlag und in’s Exil wanderte! Waren fröhliche, glückliche Zeiten, die Jeremias und Jecheskels Prophetenmund reden hörten! Sind lauter glückliche, heitere, blühende Zustände, die uns die Propheten aus ihrer Gegenwart berichten! Psalmen aber, Psalmen, diese klagenden, büßenden Töne sind daher das späteste Produkt im heiligen Kodex, und die drei, vier Jahre antiochäischer Verfolgung haben sie erzeugt! Wie uns dies alles der Altvater der neuesten jüdischen Literaturwissenschaft in seinem jüngsten Erzeugnis ganz treuherzig und als ob sich das alles von selbst verstände, erzählt.

Welch einen schreienden Gegensatz zu dieser ganzen trübseligen Passionsanschauung des Judentums bildet der Rosch Haschanah-Psalm, dessen Jubel- und Schofar- Töne wir in schwach nachhallenden Worten am Ein­gang dieser Betrachtung wiederzugeben versuchten! Welch eine ganz andere Stimmung spricht sich in ihm aus! In welch einem ganz andern Gedankenkreise be­wegt er sich! Und doch ist er nichts anders als durch und durch ein Rosch Haschanah-Psalm, ist ganz eigentlich nichts anders als ein Text zu den Thekioth, als in Worte übersetzte Thekiah, Theruah, Thekiah! Und dabei ist es keine Blütezeit Judas — wann war überhaupt eine solche Zeit? — ist es keine Blütezeit Judas, die ihm zum Hintergrunde dient. Israel ist schon nicht das durch und durch Gott treue Volk. Wann war’s überhaupt dies je? Es wandelt schon in eigenen Plänen. Es hat darum schon von Feinden und Hassern zu dulden. Es führt darum wiederholt seinen Galuth-Namen „Jakob“, der es ja immer und immer mahnt, daß es ohne Gott den Brüdervölkern die Ferse halten müsse, und den seltenen Namen „Josef“, den Namen jenes jüdischen Sprößlings, der zuerst in den Kreis der Fremden ge­worfen wurde und der Israel insbesondere in seiner Hin­neigung zu den Lebensgestaltungen der fremden Staaten und in seiner Gefahr bezeichnet, in diese Mischung auf- und unterzugehen. Aber wie Moses seinem Diener Josua beim Abschied einen Hauch vom Gottesnamen mitgab und ihn Jehoschua nannte, auf daß dieser Hauch als mahnender Talisman ihn vor dem verderblichen Bei­spiele seiner Gefährten schützen sollte, also weht dieser Hauch im „Jehoßef“ dieses Psalms und ist dem im Kontakte mit den Fremden sich bewegenden Josef Bürg­schaft und Mahnung, daß auch in dieser Ferne und Fremde Gott noch mit ihm und in ihm sei, der Gotteshauch noch in ihm webe und lebe und ihn nicht versinken lassen werde in das Grab der Vernichtung und Entartung —

Und dieser Gotteshauch, dieser Israel nie verlassende Gotteshauch ist es, der selbst einem Galuth-Rosch-haschanah die Pauken- und Harfen-Klänge bringt, der selbst im Galuth den Rosch Haschanah nur als Vor­bereitung und Einleitung zum freudigen Hüttenfest weist.

Nicht in der Rosch-Haschanah-Stimmung gipfelt ja die jüdische Gottesverehrung, הרנינו, den heiteren Klang der Gemüter, הריעו, den frohen Herzensjubel will Gott, תוף וכינור זמרה, Gesang und Pauk’ und Harfe warten unser — aber freilich: תקעו בחדששופר בכסה ליום חגנו am Neu­mond, wo der Mond noch verhüllt ist, der erst im Vollstrahl den Tag des heiteren Festes bringt — בכסה ליום חגנו בחדש שיש בו חג הסוכת פסיקאת — am Tischri-Neumond muß der ernste Schofar tönen. — Nur im Ernst wurzelt die selige Blüte der Freude, nur der Schofar führt zur Harfe hin!

Denn siehe, der Neumond כי חוק לישראל הוא ראש חדש ward ja Israels erstes Gesetz, ward ja die Grundlage aller Gesetze, ward ja ewiges Denkzeichen für den Grund­gedanken Israels, daß משפט לאלקי יעכב daß der Gott, der es aus dem Staube hob, nicht nur ein rettender Gott, sondern auch ein richtender sei, und Jakob nur solange als Israel leuchten werde, als es sich in den Rechts­bahnen seines Gottes führen werde.

עדות ביהוסף שמו בצאתו על ארץ מצרים Zu einem solchen Zeugnisse hat Gott ja den Neumond in Jehosef schon damals eingesetzt, als er über Mizrajim auszog, sein Gericht und sein Erlösungswerk zu vollbringen; hatte Israel in den Anblick des Neumonds hinausgerufen und hatte gesprochen: החדש הזה diese Mondserneuerung לכם bleibe euer Wahrzeichen und Mahnzeichen für immer. Nicht in eigenem Lichte werdet ihr strahlen, nur in meinem Lichte findet ihr Licht. Neumond gleich lieget ihr im Dunkel, glanzlos, lichtlos. Und ich wende mich zu euch und erleuchte euch mit meinem Lichte, und umkleide euch mit meinem Glanze, und ihr stehet auf und leuchtet und — lebt, — seht, so werdet ihr leuchten und leben, solange ihr euch meinem Lichte zuwendet. Aber auch wenn ihr nicht ausharrt im Lichte, wenn ihr meinem Lichte und damit auch meinem Heile den Rücken zukehrt und zurückgesunken wäret ins Dunkel — immer neu ringt euch empor zum Lichte, immer neu empor zum Heile, wie der Neumond aus nächtlichem Dunkel zu neuem Licht ersteht. Das ward das עדות das Neumondszeugnis für Jehosef, für Jakob-Jsrael! Und allmonatlich, so oft der Neumond sich aus seinem Dunkel wieder lichtig hebt, kehrt eine Zeit der Sühne in Jehosefs Hütten, זמן כפרה לכל תולדותם  eine Sühnezeit allen seinen Generationen לכפר על טומאת מקדש וקדשיו, daß Israel sich prüfe, wie es zu dem Lichte des Heiligtums und der Heiligtümer stehe, die Gott ihm als die Quelle seines Lichtes und seines Heiles für seine Wanderschaft auf Erden zugesellt, auf daß es, wenn gesunken, nicht unbewußt immer weiter sinke, und wenn getrübt, nicht unbewußt immer trüber und lichtloser werde, auf daß es vor jener    תומאה, vor jener Unlauterkeit geschützt bleibe, שאין בה ידיעה תחלה וסוף deren Gefahr eben darum die größte ist, weil ihr das Bewußtsein fehlt, weil sie sich rein und lichtvoll und gottnah dünkt und gar nicht, sieht, in welchen Gegensatz zu allem, was Gott rein und wahr und heilvoll nennt, sie geraten. — Und wie eine Zeit der Sühne, so eine Zeit des Friedens und der Freude, denn שפת לא ידיעתי אשמע denn die Lippe des vorher uns Unbekannten spricht seitdem fort und fort zu uns das Wort, das uns frei machen will von Sünde und frei machen will von Sorge, und ewig tönt uns die Gottes-Mahnung:

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„Weß Schulter ich von der Last befreit, deß
Hände sollten von dem Kessel lassen!“

Den Nacken frei hat uns Gott gemacht, im Herzen frei müssen wir uns selber machen! Was kann es nützen, daß Gott uns Mizrajims Joch vom Halse nahm, wenn Mizrajims Fleischtöpfe noch immer unsern lüsternen Blick fesseln, wenn das Sklavenjoch uns nicht mehr drückt, wir aber mit Sklavensinn noch nach dem Kessel greifen, und den von Gott in die Freiheit gerufenen Geist immer neu in den Dienst des Materialismus jochen! Die leibliche Freiheit ward von dem ersten jüdischen Neumond uns gebracht, die geistige Freiheit sollte mit jedem – kommenden Neumond uns reifen. Die Freiheit des Nackens brachte uns der erste Neumond, zur Frei­heit der Hände, des Strebens, des Besitzens, des Genießens soll jeder kommende Neumond uns erziehen. Denn wahrlich, wahrlich: weß Schulter Gott so wie uns frei gemacht, deß Hände sollten endlich von dem Kessel lassen! Wem so wie uns Gott nahe sich gezeigt, wer so wie wir die Gottesallmacht kennt, wer so wie wir die Ohnmacht aller gottentfremdeten materiellen Größen und die siegende Kraft des Göttlichen erfahren, die sich selbst in dem Ärmsten bewährt, der sollte endlich das Fleisch und den Fisch, den Lauch und die Zwiebel Mizrajims andern lassen, der sollte endlich ändere Güter, andere Genüsse kennen, und nach einem höheren Maß- stabe die Zwecke seines Wollens und die Ziele seines Strebens schätzen, als nach dem, wie viel ihm davon — im Kessel brodelt!

O, daß diese Neumondsmahnung uns endlich ganz ergriffe, daß sie vor allem in einer Zeit mit der ganzen Allgewalt ihres Ernstes uns faßte, in welcher immer mehr und mehr in den Dienst des Materialismus das Geschlecht. versinkt, immer mehr und mehr sich der Sinn für alles verliert, was nicht die Würze sinnlichen „Kessel’‘-Genusses verspricht, in weicher das köstlichste Liebesgeschenk Gottes, das dem Menschen innewohnende göttliche Licht, die geistige Erforschung der Schöpfungs­wunder in der äußeren Welt und in dem Innern Weben des Menschen, mißbraucht wird, ihm das Bewußtsein seiner eigenen freien göttlichen Natur zu rauben, ihm den ganzen Ruf zur טהרה, zur freien sittlichen Selbst­beherrschung, zur freien sittlichen Selbstveredelung, zum lächerlichen Märchen herabzuwürdigen, und ihn zu lehren, daß er gar keinen anderen Beruf habe, als טמא zu sein, als sich unfrei und gebunden den Antrieben und Reizen seiner Triebe und Leidenschaften hinzu­geben, — wo man den „Kessel“ der Nahrungsstoffbereitung hinstellt und spricht: sehet, in diesem Brodeln dampft euer Gott und euer Geist und eure Freiheit und Sittlichkeit empor! wo somit das Geschlecht an den schwindelnden Abgrund hingerissen wird, in welchem endlich טמאה die unfreie, sinnliche Gebundenheit alles begräbt, ohne daß eine ידיעה בין בתחלה בין בסוף ohne daß auch nur eine Ahnung von der Nichtigen Höhe aufdämmere, aus welcher der Wahn und die Lüge es hinabgestürzt.

O, daß wenigstens uns Juden der immer wieder­kehrende Neumondsruf vor diesem Abgrund wahre, vor dieser „Kessel“Weisheit schütze und das Bewußtsein immer lichtiger, immer klarer zur schärfsten, ent­schiedensten Weisheit wachrufe: nicht umsonst ist Gott, den diese Weisheit leugnet, uns erschienen, nicht um­sonst hat er sein Dasein und seine Allmacht und seine Gerechtigkeit und seine Liebe und seine mitten im Ge­triebe der irdischen Machtentfaltungen allwaltende Gegen­wart gezeigt, indem er das Joch von unseren Nacken brach, — indem er da sich uns bekundete, indem er seine in Recht und Liebe frei waltende Allmacht uns da zeigte, hat er zugleich uns selber uns klar gemacht, unser eigenes Ihm nahe verwandtes, frei sittliches Wesen uns enthüllt und zum freisittlichen Sieg über alle gebundenen Naturgewalten auf Adlersflügeln uns zu sich emporgerissen —

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Hat Er das Joch von unserm Nacken gebrochen, sollten unsere Hände von dem Kessel lassen!

Und wie der Neumond die sittliche Unfreiheit aus unserm Herzen scheuchen will, wie er uns aus dem Dunkel der sittlichen Gebundenheit zum Lichte sittlicher Freiheit ruft, so will er auch das Düstere der Sorge aus unsern Hütten bannen, und ruft aus sorgumdüstertem Brüten zur lichten Höhe heiteren gottschauenden Ver­trauens uns empor:

בצרה קראת ואחלצך אענך בסתר רעם אבחנך על מי מריבה סלה

„Riefst in Not du einst und machte ich. dich frei,
Erhör’ ich noch dich an Gewitterhülle,
Prüf’ dich nur an Haderwasser noch!‘

Bin noch derselbe, ruft die Gottesbotschaft an jedem Neumond in jede jüdische Hütte, in jedes jüdische Herz, ganz Israel zu, bin noch derselbe, bin noch bei dir, mit dir, um dich, — und wie du einst gerufen und ich dich hörte, so höre ich noch jeden deiner Seufzer, sehe jede deiner Tränen, bin dir nahe, wenn auch das Gewölk des Unwetters mich deinem Blick entzieht, bin nahe dir, — und dauern lange deine Leiden, und umdüstert dich lange des Unwetters Dunkel, und stehest du wieder wie deine Väter im Wüstensand, an kahlem Fels, und lechzest hinaus nach dem Trunk der Erquickung für Weib und Kind, mit dir bin ich und prüfe dich, wie ich die Väter geprüft, prüfe dich so lange an „Hader­gewässern“, bis du, selbst donnerumgrollt und in Glutsand verdurstend, nicht mehr mit mir haderst, im Donner mich schauest, in Wüsteneien meiner harrest und selbst in Nacht und Entbehrung zum heiter lichten Gottvertrauen dich emporzuschwingen verstehst, und — am nackten Felsgestein der Wüste die vollen Fleischkessel Mizrajims nicht entbehrest!

So tritt jeder Neumond als עדות ביהוסף als Gotteszeuge in den vom Gotteshauch durchwehten jüdischen Kreis.

Was aber jeder Neumond der jüdischen Brust zu sagen hat, das spricht nur noch in erhöhtem Maße der siebte, der Tischri-Neumond, Rosch Haschanah, ans Herz.

Denn nichts anders, als der Neumond aller Neumonde, der Sabbat-Neumond für alle vorangegangenen sechs Wochenneumonde ist Rosch Haschanah.

Still und mitten in die Bewegung des strebenden Lebens trägt sechsmal der Neumond die Mahnung der Besinnung und der lichtigen Aufkehr. Aber der siebente macht Halt dem strebenden Leben und ruft mit Schofarmacht die Frage ans Herz: wieviel Beachtung, wieviel Verwirklichung die Neumondsbotschaft im Leben gefunden.

Mit Frühlingshoffnung streut der erste Neumond die heitern jüdischen Lichtsaaten in die dunkeln Furchen des irdischen Menschenwallens. Mit Herbstes-Ernst will der siebente die Frucht sehen und die Rechenschaft der Ernte halten auf dem Lichtgefilde des jüdischen Seins.

Priesterlich und in des Tempels Räumen wird sechsmal am Neumond die jüdische Weihe in Opfer und Wort begangen. Aber der siebente will diese Weihe in Tat erblicken und sendet den Schofarruf in alle Hütten und Herzen und ruft die Söhne und Töchter Israels alle in den Lichtkreis ihres Gottes.

Denn das, und nichts anderes ist der Schofarruf am Tischri-Neumond. Er ist der Gottesruf an Israel.

Thekiah ruft:

שמע עמי וואעידה בך ישראל אם תשמע לי:
לא יהי` בך אל זר ולא תשתחוה לאל נכר –
אנא ד` אלדיך המעלך מארץ מצרים ורחב פיך ואמלאהו!

„Hör’ mein Volk — ich mahne dich! Israel, wirst du auf mich hören?
Nicht sei in dir unheiliger Gott, nicht wirf dich hin dem Gott der Fremden —
Ich sei, ich, dein Gott, der aus Mizrajims Land dich hob —
Dann stelle weit deinen Wunsch — ich erfüll’ ihn ganz!“

Siehe da den ersten Gottesruf, den der erste Schofarruf vom Sinai einst in die jüdischen Herzen und Hütten trug. Der Schofar rief und rief, rief immer lauter, rief immer gewaltiger, bis er wachgerufen hatte alle Hütten, hinauf, hinaus, hinangerufen hatte alle jüdischen Herzen um die Sinaihöhe, auf welcher Gott ihrer wartete. Und das Wort, das ihnen der Schofar damals entgegentrug, das ist’s ja, das mit seiner Lichtgewalt uns fassen sollte und uns frei machen sollte von der Sünde, frei machen sollte von der Sorge, indem es ganz und innig und ewig uns mit Gott vermählte, — und das ist’s — das mit jedem Tischri neu des Schofars Gottesruf uns zeugend entgegenträgt:

„Nicht sei in dir unheiliger Gott, nicht wirf dich hin dem Gott der Fremden!“ Fort mit der Sünde aus dem Herzen! Fort mit der Sorge aus den Hütten! Keinen אל זר, keinen unfreien, gebundenen, deinem heiligen, freien, göttlichen Wesen fremden Götzen, keine blinde Naturgewalt, die über das reine, freie, göttliche Menschenwesen keine Macht haben soll, keinen אל זר trag im Busen, — und keinem אל נכר , keiner von nicht-jüdischer Menschheit vergötterten Macht wirf dich hin im äußern Leben, — ich, ich, ICH, der ich auf Adlerflügeln aus Mizrajim dich zu mir erhob, sei dir nicht nur Gott, dessen Allmacht du etwa im großen All des Himmels und der Erde verehrest und preisest, sei dir dein Gott, dem du dein Herz, deine Hütte hingibst, ganz hingibst, ungeteilt, ausnahmslos, den du walten lassest über die Gedanken deines Geistes, über die Kräfte deines Leibes, und den du walten lassest über jedes Teilchen deiner Güter, dem du den einzigen Thron erbauest in dem Heiligtum deines Innern und in dem kleinen und großen Geschicke deines äußern Lebens — keinen אל זר im Innern, keinen אל נכר im Äußern, vielmehr den einig Einzigen, jeden Pulsschlag des Herzens und jeden Pendelschlag der Zeiten mit allmächtiger, allgegenwärtiger Liebe und Gerechtigkeit schaffenden und spendenden und regierenden einen, wie du ihn erkannt hast in Mizrajim in seiner gewaltigen Höhe, und ihn erkannt hast in Mizrajim in seiner liebenden Nähe, ihn. ihn allein in deinem Herzen, allein in deiner Hütte, — dann  הרחב פיך ואמלאהו dann wünsche dir Paradiesselig­keit auf Erden, und Gott gibt sie dir!

Aber Tehurah klagt:

ולא שמע עימי לקולי וישראל לא אבה לי
ואשלחהו בשרירות לבם ילכו במועצותיהם –

„Aber mein Volk — hörte meiner Stimme nicht
Und Israel — fügte mir sich nicht,
Da ließ ich es fort im Dünkel ihres Herzens,
Mögen sie einmal gehen in ihren selbstgeschaffenen Plänen —“

Hörst du die Klage? Mit קול שופר הלוך וחזק, mit immer

wachsender, steigender Kraft rief uns und ruft uns Thekiah zu Gott, daß wir stets horchen sollten dieser Stimme, mit ununterbrochenem Ernst, in stets wachsen­der Hingebung und Liebe folgen sollten der Stimme, mit welcher unser Gott und König und Hirte uns ruft — wir aber möchten sein Volk wohl sein, und Freiheit und Friede und Freude und Heil und Paradiesesseligkeit auf Erden von ihm erwarten — aber gehorchen wollten wir ihm nicht, aber Gedanken und Gefühle, Genüsse und Taten von ihm nicht beherrschen lassen, und Frei­heit und Friede und Freude und Heil und Paradiesesseligkeit auf Erden nicht in den Wegen suchen, in welchen allein er sie uns finden lassen will! — möchten, Israel wohl sein, das gottgetragene, gottbeseelte, gottgesegnete Volk — aber nun die von Gott verliehene Macht, die von Gott verliehene Kraft, den von Gott verliehenen Segen nur zur Förderung der von Gott aus­gesprochenen Zwecke, zur Erreichung der von Gott ge­steckten Ziele zu verwenden, das wollten wir nicht! Und nur gebrochen und schwankend und unstet wie der Theruah Ton war unser Wandel mit Gott, und wenn wir mit einem Schritt ihm folgten, fielen wir mit dem andern wieder von ihm ab, und wenn die eine Regung sein war, schlug ihm schon die andere nicht mehr entgegen — und „ein starrer Dünkel“ scheuchte Gott von dem Throne unseres Herzens, und eine vermeintliche „Klugheit“ scheuchte Gott von dem Throne unserer Hütten — da ließ uns Gott fahren in dem Dünkel unseres Herzens, ließ uns einmal gehen in den selbstgeschaffenen Plänen, sprach: אסתירה פני מהם אראה מה אחריתם, glauben wir ja selbst zu wissen, was gut ist und bös, glauben ja uns selbst die Pläne unseres Geschickes zeichnen zu können, so mögen wir denn einmal die Seligkeit kosten, die in der Ungebundenheit des Herzens erblühet, mögen einmal das Glück finden, das aus den selbstgeschaffenen Plänen reift, mögen einmal erfahren, was es heißt, sich selbst überlassen und den Folgen und Wirkungen, den mit Naturnotwendigkeit erfolgenden Wirkungen unserer, unter der Herrschaft des אל זר in uns und des אל נכר um uns erzeugten Bestrebungen und Handlungen über­wiesen zu sein, mögen einmal erfahren, wohin wir kommen, wenn Gott uns nicht mehr auf seinen Adlerflügeln über alle Gewalt der von ihm gesetzten Natur­notwendigkeit erhebt und wir nur dem Dünkel unseres Herzens und den selbstgeschaffenen Plänen folgen!

Denn siehe, nicht naturgemäß wie den übrigen Mensch-heitfamilien erblühet Israel das Heil. Naturgemäß ist Israel das von den Fersen der Völker getretene, bodenlos und machtlos und haltlos hingeworfene Pariavolk auf Erden, und nur auf den Allmachtfittichen der göttlichen Waltung getragen, erblühet ihm die Seligkeit im Herzen und erblühet ihm das Heil in den Hütten — „Ich lasse es fahren in dem Dünkel ihres Herzens, Mögen sie einmal gehen in ihren selbstgeschaffenen Plänen“ —  darum wohnt Theruah, גנויח גנח שברים תרועה und ילולי ילל in unserm Kreise, darum der Bruch in den Hütten und die Unruhe in den Herzen, darum der Seufzer in den Häusern und der Jammer in den Gemütern, darum das Elend im Leben und das Weh in der Brust; darum bei aller Ungebundenheit so wenig Freiheit, bei allen Genüssen so wenig Freude, bei aller Konnivenz so wenig Freundschaft, bei allen Bündnissen so wenig Frieden, bei allem Reichtum so wenig Zufriedenheit, bei aller Berechnung so wenig Glück — — — und darum schmettert die Theruah, um uns fühlen zu lassen den Bruch, um uns erkennen zu lassen das Weh, um uns sehen zu lassen den Jammer, um den Thron des אל זר in uns zu erschüttern und den אל נכר in unsern Hütten erzittern zu lassen — und unsere Herzen wieder der Thekiah zu öffnen!

Denn siehe! Wie wir auch dem Thekiahruf unseres Gottes untreu geworden, wie auch die Theruah zu klagen habe in unseren Kreisen —

dennoch ruft Thekiah wieder:

לא עמי שמע לי ישראל ברכי יהלכו
כמעט אויביהם אכניע ועל צריהם אשיב ידי
משנאי ד` יכחשו לו ויהי עתם לעולם
ויאכילהו מחלב חטה ומוצר דבש אשביעך

„O, möche mein Volk auch jetzt noch auf mich hören,
Israel mit Ernst in meinen Wegen fortan wandeln
Wie bald beugt ich ihre Feinde nieder
Hielt über ihre Dränger wieder meine Macht!

Des Göttlichen Feinde würden die Feindschaft ihm verleugnen —
Und auch ihres Glückes Zeit würde ewig dauern.
Und während dieses es das Mark des Weizens mitgenießen ließe
Würd’ aus dem Fels — mit Honig ich dich sättigen!“

Und dieser Stimme deines dich wieder rufenden Gottes willst du nicht folgen? Willst fortwohnen lassen im Herzen das Weh und den Unsegen in der Hütte, bis im Weh das Herz zusammenbricht und der Unsegen die Hütte begräbt? Willst dich nicht ermannen zu deinem Gotte, der den Schmerz nur gibt, um zur Freude zu heben, den Bruch fühlen läßt, um die Sehnsucht nach Heil zu wecken, der Jammer zu kosten gibt, um den Durst nach Seligkeit wachzurufen, der die Theruah nur sendet, um dich wieder zur Thekiah zu führen?

O, wenn wir uns nur einmal wieder entschlössen, sein, ganz sein zu sein! Sein Volk: und darum ihm, dem alleinigen König und Herrn, in unserm Herzen den Thron des Gehorsams errichteten! Israel: und darum ihm, und ihm allein die Gestaltung unserer Wege im Kreise der Menschen überließen! Einmal uns wieder entschlössen, ihm unsere Herzen und Hütten in Wahr­heit zu weihen, „ihm zu gehorchen und in seinen Wegen zu wandeln“ — wie rasch würde sich unser Geschick umgestalten, und wie bald würde die Binde uns von den Äugen fallen, und wie würden wir einsehen, welche Täuschung uns bis dahin umgarnt!

Da faßt uns Rosch Haschanah, da weckt uns der Schofar, da ergreift uns Theruah, da lockt uns die Seligkeit, aber wir schwanken, wir wanken, wir wagen es nicht, Juden zu sein, wagen es nicht, Gott ganz anzugehören, wagen es nicht, den אל זר aus dem Herzen und den אל נכר aus den Hütten zu bannen, wagen es nicht, Gott allein Herzen und Hütten hinzugeben, wagen es nicht, mit Gott in dem Herzen, mit Gott in der Hütte — denn wir fürchten, dann, wenn wir so recht, so ganz, so im Ernste Juden würden, Juden im Herzen und Juden im Leben, dann — dann müßten wir ganz mit der Menschheit brechen, dann würden noch feindlicher die Feinde des jüdischen Wesens, würden noch drückender die Dränger des jüdischen Strebens — und sehen nicht, daß nicht, weil wir doch, noch immer zu viel, zu ernstlich Juden sind, die Feindschaft nicht endet und der Druck nicht aufhört, sondern eben weil wir zu wenig, zu gleichgültig, zu leichtsinnig, zu halb unsere jüdischen Pflichten erfüllen!!

Wären wir Juden, ganze Juden, keinen אל זר im Herzen, keinen אל נכר im Leben, beherrschte Gott uns das Herz, gestaltete Gott uns das Leben, — brächten unsere Gedanken und Gefühle, unsere Worte und Taten, unsere Güter und Genüsse das Judentum, das ganze Judentum, und nichts als das ganze Judentum in seiner vollen Herrlichkeit zur Verwirklichung, wie würde da das Judentum in seiner Glorie leuchten, und wie würde da Gott die nicht jüdischen Gemüter dem Juden zuführen! Vor der göttlichen Hoheit, die aus dem Judentum dann strahlte, beugten seine Feinde sich, — vor der Gottesallmacht, die sich im jüdischen Leben bekundete, wichen seine Dränger zurück; — die jetzt das jüdische Göttliche hassen, weil sie’s nicht kennen, weil sie’s nur halb anschauen, weil sie in ihm den Feind des irdischen Lebens wähnen, würden den alten Haß verleugnen, würden eben im Strahl des jüdischen Geistes auch die endliche Begründung ihres Heils auf Erden finden — und, während die Menschheit durch ihre Vermählung mit dem jüdischen Geist den Frieden endlich findet, den sie seit Jahrtausenden vergebens sucht, während unter dem Strahl des jüdischen Lichtes alle Heilessaaten ungestört aufgehen, die nur die irdischen Verhältnisse in ihrem Schoße tragen — während Israel mitgenießt das Mark der Felder, das den Völkern reift, — speist Gott es mit Honig aus dem Fels, bleibt Israel das Wanderdenkmal der Gotteswaltung auf Erden!

So ist Thekiah der ernste Gottesruf vom Sinai, Theruah der zürnende, klagende Richterruf der Gegenwart, und endlich Thekiah der Schofarruf des Vaters, der aus der gesunkensten Gegenwart zu einer neuen, reinen, heitern Zukunft ruft und stets bereit ist, uns von neuem auf seine Adlersfittiche zu heben.

So ist Rosch Haschanah nichts anderes, als die heiligste Vollendung des Rosch Chodesch, nichts als die Blüte der Neumondsinstitution mit all ihrer ernstesten Mahnung zur Rückkehr zum Lichte, mit all ihrem süßesten Trost der Wiederkehr zur Freude — und ein Ruf zur Freiheit ist der Schofar, der Freiheit, die nur in Gott und durch Gott zu finden ist.

Mit jedem fünfzigsten Jahr trat der Gottesruf in die jüdischen staatsgesellschaftlichen Verhältnisse und rief alles und alle zurück zu der ureigenen, aus der Gotteshörigkeit entspringenden Freiheit, verkündete דרור, die Wiederkehr, die Heimkehr in Israel, und es fand der Knecht seine Freiheit, und der Arme seinen Besitz und der Vereinsamte seine Familie wieder, ושבתם איש אל אחוזתו ואיש אל משפחתו תשובו — mit jedem Jahre tritt dieser Gottesruf in unsere menschlich-göttlichen Verhältnisse ein und ruft alles und alle zurück aus der geistig-sitt­lichen Knechtschaft zur Freiheit, aus dem geistig-sitt­lichen Elend zur Freude, aus der geistig-sittlichen Ver­lassenheit zur innigen Verwandtschaft mit unserm Vater im Himmel und unsern Brüdern auf Erden, ובאו האובדים בארץ אשור והנדחים בארץ מצרים ruft alle in unjüdischer Entfremdung Verlorenen zur Freude, zum Frieden, zum Leben in Gott. 

Glücklich das Herz, das diesen Ruf versteht, glücklich die Hütte, die diesem Ruf sich öffnet, אשרי העם יודעי תרועה ד` באור פניך יהלכון.

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