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Der Sound Israels

Vom Berg Sinai bis heute: Wie ein altes Instrument zum Inbegriff des Judentums wurde…

Von Ralf Balke
Zuerst erschienen in: Jüdische Allgemeine v. 20.09.2017

Aktuell herrscht Hochbetrieb bei Shimon Keinan. Denn der heute 70-Jährige, der im Jahr 1949 aus Marokko nach Israel kam, betreibt in Givat Yoav auf dem Golan eine kleine Schofar-Manufaktur. »Kol Schofar« nennt sie sich, auf Deutsch »Die Stimme des Schofars«.

Sie ist eine von nur zwei Herstellern des Blasinstruments, die es im jüdischen Staat überhaupt gibt. Und jetzt vor den Hohen Feiertagen werden diese besonders stark nachgefragt. Keinan, der eigentlich gelernter Schweißer ist, hat sich damit einen Traum erfüllt. Bereits als Kind war er vom Klang des Schofars begeistert.

KNOCHEN Doch musste er noch Jahre warten, bis er sich sein erstes eigenes Blasinstrument leisten konnte. Als Erwachsener ließ er sich dann in Jaffa in die Kunst des Schofar-Herstellens einweisen, lernte unter anderem das Geheimnis, wie der Knochen richtig aus dem Horn gelöst wird, und machte 1998 aus einer alten Truthahnfarm seine Schofar-Manufaktur.

»7000 Stück verkaufe ich im Jahr«, berichtet Keinan. »Rund die Hälfte davon an israelische Kunden, die anderen gehen vor allem in die Vereinigten Staaten und nach Europa.« Das Schwierigste an seinem Geschäft ist der Nachschub an Rohmaterialien. Alle paar Jahre reist Keinan deswegen nach Afrika, um dort die gebogenen Widder- oder Steinbockhörner zu kaufen.

»Schofarot aus dem Horn des Widders sind mit Abstand die beliebtesten«, weiß er zu berichten. »Davon kommen die meisten aus Marokko, wo anlässlich des muslimischen Opferfests Eid al-Adha Millionen Tiere geschlachtet werden.«

Aber auch die Antilopenart Kudu eignet sich bestens. »Ein Schofar aus dem Horn des Kudu hat besonders bei Juden aus dem Jemen Tradition, weil die Tiere dort in der Region beheimatet sind.«

Es hat nicht einfach nur eine gebogene, sondern eine gedrehte Form, die bis zu 140 Zentimeter lang sein kann. Sie erzeugt einen einzigartig tiefen Ton. Die deutlich kleineren Hörner von Schafen dagegen waren vor allem in Spanien üblich. Auch dafür gibt es einen guten Grund: Zur Zeit der Inquisition ließen sie sich einfach besser verstecken als größere Schofarot. Sie klingen aufgrund ihres geringeren Volumens auch deutlich höher.

Eigentlich können Hörner jedes koscheren Tieres zur Herstellung verwendet werden – ausgenommen die der Kühe, weil sie an das Goldene Kalb erinnern, sowie Ochsen und Büffel. Das Horn von Elchen oder Rentieren dagegen ist nicht zu gebrauchen, weil es keine Hohlräume hat, mit denen sich ein Klang erzeugen lässt.

Dieser Klang ist, weil kein Tier dem anderen gleicht, für jedes Schofar immer ganz individuell. Verzierungen sind ebenfalls erlaubt, beispielsweise ein versilbertes oder vergoldetes Mundstück. Für die Länge des Horns existieren keine Vorschriften – nur Beschädigungen darf es nicht aufweisen. Darüber hinaus haben die Blasinstrumente eine jahrtausendealte Tradition.

»Das Schofar, das Horn des Widders aus der Bibel, kann wohl zu Recht als das älteste Musikinstrument der Menschheit bezeichnet werden, das heute noch im Gebrauch ist und – soweit wir das wissen – seit seinen Ursprüngen unverändert blieb«, erklärt Jeremy Montagu, Experte für die Geschichte alter Musikinstrumente. Er selbst hat das Schofar mehr als 13 Jahre lang in seiner Synagoge geblasen.

Erste schriftliche Zeugnisse über die Existenz des Instruments finden sich in der Tora (2. Buch Mose 19,13) anlässlich der Gesetzgebung am Berg Sinai. Dort heißt es: »Wenn aber das Widderhorn lange tönen wird, dann soll man auf den Berg steigen.«

72-mal wird das Schofar insgesamt in der Hebräischen Bibel erwähnt – sowohl im kultischen als auch im weltlichen Kontext. Seine Verwendung erfolgte zumeist in den dramatischeren Momenten der jüdischen Geschichte, beispielsweise, um die Gegenwart Gottes zu symbolisieren, oder anlässlich der Krönung der Könige Israels.

Ebenfalls zum Einsatz kamen Schofarot bei der Eroberung Jerichos. So heißt es im Buch Jehoschua: »Als das Volk die Stimme des Schofars hörte, schrien und jubelten die Frauen und Männer, Mädchen und Jungen Israels. Sie stießen ein lautes Jubelgeschrei aus – da stürzte die Mauer in sich zusammen« (Jehoschua 6,20).

Im deutschen Sprachgebrauch ist aber immer von Posaunen die Rede, die der Legende nach die Befestigungswälle der Stadt zum Einsturz brachten. Schuld daran ist Martin Luther, der die Schofarot der Einfachheit halber zu Posaunen erklärte, weil dies in der deutschen Sprache des 16. Jahrhunderts der Sammelbegriff für alle Arten von Blasinstrumenten war.

Im nicht-liturgischen Zusammenhang kommt das Schofar in Israel heute wieder zum Einsatz, beispielsweise jedes Mal anlässlich der Vereidigung eines neuen Staatspräsidenten. Unvergessen auch der dramatische Moment, als am 7. Juni 1967 Schlomo Goren, seines Zeichens Oberrabbiner des israelischen Militärs, nach der Eroberung der Kotel dort das Schofar blies.

Zu liturgischen Zwecken ist das Instrument bis heute im Monat Elul, aber vor allem zu Rosch Haschana und Jom Kippur in Gebrauch. »Zu Zeiten des Tempels waren sowohl Chatsotsrot, also silberne Trompeten, als auch Schofarot zu Rosch Haschana üblich«, weiß Montagu zu berichten.

»Aber weil die Schofarot anders als die Chatsotsrot nicht exklusiv von den Kohanim und Leviten, den Priestern und ihren Assistenten, geblasen wurden, sondern gleichfalls von anderen Juden, überlebten sie als einziges Instrument die Zerstörung des Tempels durch die Römer. Und das bis heute.«

Damals wurde noch das Horn der Oryxantilope verwendet. Es weist im Unterschied zu dem von Widdern oder Steinböcken eine gerade Form mit einer leicht geriffelten Struktur auf. Weil dieses Tier jedoch vielerortens in der Region verschwunden ist und nur mühsam neue Populationen aufgebaut werden konnten, weshalb es überall unter Artenschutz steht, stammen heute nur ganz vereinzelt Schofarot von dieser Antilopenart.

Aus der Zeit des Tempels und den Jahrhunderten danach erhaltene Instrumente gibt es keine – zumindest konnte die Archäologie bis dato keine entdecken. Dafür aber existieren zahlreiche bildliche Darstellungen, die bis ins dritte Jahrhundert nach Beginn der Zeitrechnung zurückreichen.

So findet sich das Schofar auf Mosaiken in der Hamat-Tiberias-Synagoge aus dieser Zeit nahe dem Kinneret oder einer Synagoge nahe Jericho aus dem sechsten Jahrhundert. Dabei erhält es zunehmend auch Symbolcharakter für das Judentum. Bekannt ist übrigens auch, dass das Schofar in alten Zeiten benutzt wurde, um den Beginn des Schabbats anzukündigen. Im Babylonischen Talmud (Sukka 53b und Schabbat 35b) wird eine Serie von sechs Schofartönen beschrieben, die jeweils kurz vor Schabbateingang geblasen wurden.

Doch weiß man wenig über den Sound der Schofarot, die im Tempel erklungen sein sollen. In der Mischna kann man zwar lesen, dass die Töne »lang«, »kurz« oder »ruhig« und »geschmettert« gewesen sind. Doch viele Rabbiner versehen diese Aussage mit einem Fragezeichen, weil die Begrifflichkeiten zur Umschreibung der Tonsignale erst im vierten Jahrhundert fixiert wurden.

Eines ist allerdings sicher: Das Schofar hat nicht nur eine jahrtausendealte Tradition, sondern auch eine Gegenwart und Zukunft – auch wenn der Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov es als das »unmusikalischste Instrument« bezeichnet. Nicht nur in der Neuen Musik wie in der Oper Babylon von Jörg Widman aus dem Jahr 2012 oder bei der Kabbala-Anhängerin Madonna kommt das Schofar zum Einsatz.

Sogar im Punk ist das Instrument stark angesagt. Beispiele sind die jüdische Transgender-Punk-Band Schmeckel oder Steve »Gangsta Rabbi« Lieberman, beide aus New York. Letzterer hatte mit den klassischen Schofarot aber Probleme, weil er Veganer ist. Seine Lösung: Er besorgte sich ein Schofar aus Holz.