Sabra: Mit Stacheln gegen Diskriminierung

In Düsseldorf wurde eine Beratungsstelle gegen Antisemitismus eröffnet…

Von Roland Kaufhold

Der Platz in den kleinen, unweit der Düsseldorfer Synagoge gelegenen Räumen reichte kaum aus: 50 Menschen hatten sich versammelt, um kürzlich die Einweihung der neuen, vom Land NRW finanzierten Beratungsstelle Sabra mit ihrem innovativen Themenschwerpunkt zu feiern: Gegen Antisemitismus und gegen Diskriminierung. Träger dieser Stelle ist die sehr rege Jüdische Gemeinde Düsseldorfs.

SABRA: „Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit. Beratung bei Rassismus und Antisemitismus“ lautet der offizielle Name. Auf hebräisch heißt Sabra Kaktus. Und Sabra nannten sich bereits in den 1950er Jahren in Israel voller stolz die im jüdisch-demokratischen Staat Geborenen. Man verstand sich als eine neue demokratische, kämpferische Nation. Vor allem jedoch war man nicht mehr bereit, Opfer zu sein. Damit sollte es nach der Shoah endgültig vorbei sein. Der stolze, wehrhafte Jude war die neue Identität. So überrascht es nicht, dass sich in den Regalen der neu eingeweihten Beratungsstelle auch zahlreiche kleine Kakteen finden. Sophie Brüss, eine erfahrene Theaterpädagogin und gemeinsam mit der Juristin Riccarda Blaeser Mitarbeiterin von Sabra, betont: „Ja, wir wollen auch stachelig sein, wir wollen Probleme beim Namen nennen. Wir wollen Antisemitismus und Diskriminierungserfahrungen nicht mehr klein reden.“ Aber der Kaktus, fügt die engagierte Theaterregisseurin hinzu, sei außen zwar stachelig, „aber im Inneren schmeckt er sehr süß. Wir wollen beides in unserer Arbeit vereinen!“

In den vergangenen Jahren hätten zahlreiche Besucher und Mitglieder der jüdischen Gemeinde immer wieder in privaten Gesprächen, im vertrauten Rahmen ihrer Gemeinde, von verstörenden Erfahrungen mit Antisemitismus, von Einschüchterungen und Beleidigungen berichtet. Diese lagen häufig unterhalb der juristisch greifbaren Schwelle, seien jedoch immer mit Ängsten verbunden gewesen. Immer wieder habe sich ihnen die Frage aufgedrängt, ob ein jüdisches Leben in Deutschland wirklich sicher sei. Spätestens seit dem Gazakrieg des Jahres 2014 sei diese scheinbare Sicherheit bei vielen Juden zerbrochen.

Die nordrheinwestfälische Landeshauptstadt Düsseldorf mit ihren 635.000 Einwohnern hat in den vergangenen Jahren bereits mehrfach brutalen antisemitischen Terror erlebt: Im Jahr Juli 2000 explodierte  in Düsseldorf-Wehrhahn eine Bombe: Sieben Frauen und drei Männer im Alter zwischen 24 und 50 Jahren wurden teils schwer verletzt, sie alle waren russische Juden, die gerade erst neu nach Deutschland gekommen waren. Gemeinsam besuchten sie einen Sprachkurs, der Anschlag galt eindeutig ihnen als Juden. Bereits seinerzeit wurde eine örtliche, militant auftretende Neonazigruppe in linken Medien als Täter vermutet. Aber erst 17 Jahre später, Anfang Februar diesen Jahres, wurde ein Verdächtiger inhaftiert. Dieser war bereits im Jahr 2000 als Waffennarr und Neonazi bekannt gewesen. Drei Monate später, im Oktober 2000, kam es zu einem Brandanschlag auf die Jüdische Gemeinde. Und der 38-jährige Kameradschaftsführer und bekennende Nationalsozialist Sven Skoda, Angeklagter im kürzlich gescheiterten „Mittelrhein-Prozess“ und bereits in den 1990er Jahren Betreiber des „Nationalen Infotelefons Rheinland“ (NIT), ist seit über 20 Jahren eine militante rechtsextreme Größe in Düsseldorf.

Ermöglicht wurde das wegweisende neue Projekt durch die seit elf Jahren von der NRW-Landesregierung betriebenen Integrationsagenturen. Nun wurden noch neue Stellen geschaffen und der Schwerpunkt Antisemitismus und Rassismus dabei bewusst gewählt. Die beiden Mitarbeiterinnen verstehen sich, auf Düsseldorf bezogen, als eine Servicestelle für eine Erstberatung nach dem AGG. Alle Düsseldorfer, die von Rassismus oder Diskriminierung betroffen sind, können sich formlos zu einem Beratungsgespräch melden. Das Angebot gegen Antisemitismus ist hingegen neu und für ganz NRW konzipiert. Es ist also ein Angebot für die etwa 20.000 Juden in NRW. Entscheidend, so Sophie Brüss, sei für sie in ihrer Arbeit, die Erfahrungsräume und Perspektiven der Betroffenen aufzugreifen. Neben offensichtlicher Diskriminierung, wie antisemitischen Beleidigungen und Hakenkreuzschmierereien, sei etwa das Aufmerksammachen von Firmen auf die Bedeutung jüdischer Feiertage ein wichtiger Aspekt. In den vergangenen Wochen, als ihre Arbeit anlief, habe man bereits einige Fälle von Diskriminierung erfolgreich aufgearbeitet.  Besonderes Aufsehen erregten auch in Düsseldorf antisemitische Beleidigungen und Angriffe in Schulen. In einem konkreten Fall führten sie in einer Schule Gespräche über antisemitischen Beleidigungen von Schülern, an denen auch das Schulverwaltungsamt und die israelische Botschaft beteiligt waren.

Einen weiteren Schwerpunkt wird das Angebot für Zeugen und Betroffene bilden, antisemitische Vorfälle zu melden. Demnächst gibt es auf der noch im Aufbau befindlichen Homepage – www.sabra-jgd.de – die Möglichkeit, diese antisemitischen Delikte zu melden. Bisher gab es dieses Angebot erst in Berlin, durch die 2015 vom Berliner Senat ins Leben gerufenen Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS). Eine Pionierfunktion hatte hierbei die von der  Amadeu Antonio Stiftung seit 2002 geführte Chronik antisemitischer Überfälle. Nun gibt es dieses Angebot endlich auch im bevölkerungsreichen NRW. Antisemitismus-Schulungen, Fortbildungen für Lehrer und Sozialarbeiter sowie Tagungen – so eine geplante über Antisemitismus unter Geflüchteten – sind weitere konkrete Projekte. Eigentlich ein längst überfälliges Angebot.

Bild oben: Die beiden Mitarbeiterinnen Sophie Brüss und Riccarda Blaeser, (c) R. Kaufhold

Kommentar verfassen