„Ein Ungeheuer, das wenigstens theoretisch besiegt sein muß“

Mag der Antisemitismus für die Geschichtswissenschaft und über diese hinaus ein breit dokumentiertes und beforschtes Thema sein, so ist es die Geschichte der Antisemitismusforschung – speziell aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus – noch lange nicht. Eine Ausnahme in diesem Sinne stellt die Dissertationsschrift Franziska Krahs dar [1] …

Rezension von Hannes Tulatz

Unter dem Titel „Ein Ungeheuer, das wenigstens theoretisch besiegt sein muß“ – Pioniere der Antisemitismusforschung in Deutschland  hat die Historikerin eine beeindruckende und kenntnisreiche Arbeit vorgelegt, die das Fritz Bauer Institut in seiner wissenschaftlichen Reihe im Campus Verlag veröffentlicht hat. In ihrer Studie widmet Krah sich Schriften aus dem Zeitraum von 1901 bis 1933, die den Anspruch hegten, fernab des bloßen Tagesgeschehens, sich theoretisch mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen.

Im Zentrum der Studie stehen mit den „umfassendsten Analyseansätzen jener Zeit“ (S. 27) die Autoren Heinrich Coudenhove (1859-1906), Constantin Brunner (1862-1937), Fritz Bernstein (1890-1971), Julius Goldstein (1873-1929), Arnold Zweig (1887-1968) und Michael Müller-Claudius (1888-unbekannt). Ihre Arbeiten hatten mitunter aussagekräftige Titel wie Das Wesen des Antisemitismus (Coudenhouve 1901), Der Judenhaß und die Juden (Brunner 1918), Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung (Bernstein 1926), Deutsche Rassenangst. Eine Biologie des deutschen Antisemitismus (Müller-Claudius 1927) – Titel, die allesamt versprechen, das Phänomen des Antisemitismus aus spezifischen Perspektiven erklären zu können.

Statt die Ansätze der untersuchten Autoren zusammenhangslos wiederzugeben, werden zentrale Angelpunkte der verschiedenen Erklärungsansätze (Religion, Gruppenfeindschaft, Fremdheitskonstruktion, Psychologie, Nationalismus und Rassenlehre) herausdestilliert, wozu sodann verschiedene Positionen der Autoren dar- und gegenübergestellt und mit weiteren Referenzen aus der Zeit abgeglichen werden.

So zeigt sich etwa, dass der Stellenwert, den in der Analyse des Antisemitismus vor allem der christlichen Religion als Motiv zugemessen wird, stark zwischen den Autoren schwankt. Erkannte Coudenhouve im Antisemitismus einen „religiösen Fanatismus als extreme und irrationale Steigerung religiöser Differenzen“ (S. 132) zwischen Juden und Christen, sah Müller-Claudius die Bedeutung von religiösen Legitimationen im Judenhass schwinden, wohingegen Brunner und Zweig in der Religion höchstens einen Vorwand zu erkennen vermochten. (S. 133)

Zweig war ebenso wie Bernstein der Auffassung, den Antisemitismus am besten gruppensoziologisch erklären zu können, da hier Gruppenaffekte besonders zum Tragen kämen. Sie sahen den Antisemitismus als ein durch Gruppenbildung verursachten Konflikt, den das Aufeinandertreffen einer jüdischen Gruppe mit der christlich geprägten deutschen Mehrheitsgesellschaft hervorgebracht habe. (S. 153) Die Gruppe der Juden fassten sie indes eher ethnisch als religiös. Die Feindschaft gegen sie verorteten die Autoren nicht als Antwort auf eine jüdische Eigenartigkeit – Bernstein sah gerade in der Ähnlichkeit zwischen zwei Gruppen Potential für Gruppenfeindschaft (S. 141) – sondern betonten den projektiven Charakter der Ablehnung, deren Ziel es sei, „Hassgefühle vom inneren Kreis [der eigenen Gruppe] fernzuhalten“ und dafür ein „möglichst machtloses Objekt“ (S. 143) zu finden. Viele Autoren, die den Antisemitismus als Gruppenphänomen betrachteten sahen in ihm den Ausdruck eines Kräfteverhältnisses, weshalb sie häufig dem Zionismus nahestanden. (S. 155)

Auch wenn der Antisemitismus nicht auf die Gruppeneigenschaften der Juden rückführbar gewesen sei, so erschienen Bernstein und Zweig diese Gruppe nichtsdestotrotz als relativ homogen, womit bei ihnen das Bild des Juden als apriorisch Fremden implizit durchscheint, während, so Krah, Zionisten wie Theodor Herzl betonten, dass es der Hass sei, der die Juden zu Fremden mache. (S. 180) Auch Constantin Brunner schrieb: „Die Juden werden an ihrer Wirklichkeit bestraft für die Konstruktionen, die man sich von ihnen macht[.]“ (S. 165) Eine Konstruktion, die nicht mehr das einzelne Individuum erkannt habe, sondern nur noch das „Exemplar des Juden“ (Ebenda).

Müller-Claudius erblickte darin ein „Symboltypendenken“: Das jüdische Symbolbild werde zur Projektionsfläche, um der Eigengruppe Schuldgefühle abzunehmen und somit letztlich entlastend zu wirken. (S. 171)

Goldmann erwähnte zudem bereits einen sekundären Antisemitismus, der auf Antisemitismus wiederum mit Schuldzuweisungen an die Juden reagiere. Damit, so seine Begründung, müsste man seine eigene Schuld am Antisemitismus nicht eingestehen und rationalisiere den Antisemitismus letztlich. (S. 163) In diesem Sinne kritisierte auch Constantin Brunner mehr die Gesellschaft, die den Antisemitismus unwidersprochen gewähren lasse als jene, die ihn offen proklamierten. (S. 201) Bei Brunner reiht sich dies ein in eine Theorie über den Antisemitismus als „Aberglaube“ – als Unfähigkeit zum Denken – den die menschliche Natur hervorbringt; wobei Brunner sämtlichen Glauben als Aberglauben fasste, sich aber nicht jeder Aberglaube gegen die Juden richten müsse. (S. 200f)

Um die Frage der Psychologie des Antisemitismus kamen bereits damalige Ansätze kaum herum, wenn sie das Phänomen erklären wollten. Sie diskutieren es meist als Irrationalität der Masse. (S. 241) Debattiert wurde etwa, ob der Antisemitismus eine Krankheit oder gar einer kranken Gesellschaft entsprungen sei. Krah zeigt anhand Brunners Theorie über den Lustgewinn der Subjekte durch den Antisemitismus außerdem Parallelen zur Psychoanalyse Sigmund Freuds und Alfred Adlers auf. Auch den Austausch zwischen Zweig und Freud untersucht sie (S. 51). Ihr psychologisches Wissen hatten sich die damaligen Autoren dabei autodidaktisch angeeignet. Das zog laut Krah einige Schwächen in den Analysen mit sich und führte mitunter zu eigenwilligen Auslegungen der Psychoanalyse.  (S. 243)

Die Bedeutung des Nationalismus fand in der damaligen Antisemitismusforschung eine ambivalente Betrachtung. Prägender Tenor war meist, einen „negativen Nationalismus und das positive Nationalbewusstsein, das den Antisemitismus ablehne“ (S. 272) gegenüberzustellen und im Antisemitismus eine Entartung der nationalen Idee zu sehen. (Ebenda) Goldstein aber verwies auf den Drang zur Vereinheitlichung, den die nationale Idee mit sich brächte und das Potenzial zur Selbstüberhöhung in sich berge. (S. 271)

Auch die Auseinandersetzung um Rassentheorie, Rassenforschung und die Existenz von Rassen spielte eine wichtige Rolle. Krah stellt fest, dass zwar über die „Möglichkeit einer wertfreien Rassenforschung“ (S. 317) diskutiert und mitunter an ihren Kategorien festgehalten wurde, jedoch deutliche Skepsis überwog. Wurden Zugeständnisse an die Rassenlehre gemacht, so wurde doch betont, dass der Kategorie Rasse – anders als der Kategorie Milieu – in der Geschichte allemal eine sekundäre Rolle einzuräumen sei und die Behauptung psychischer Rasseeigenschaften gänzlich abgelehnt. (S. 295) Eher unkritisch mit der Rassenlehre verfuhr Müller-Claudius, während Zweig in ihr ein „wissenschaftliches Deckmäntelchen“ für den Antisemitismus erblickte. (S. 277) Ähnlich wie Zweig sah Brunner die „Rassentheorie im Munde der Judenhasser“ als neue Artikulationsform, als „jüngste[n] Efeu um den Judenhaß“. (S. 302)

Im Teil „Von der Theorie zur Praxis“ folgen Ausführungen dazu, wie die Autoren die Gefahr des Antisemitismus einschätzten und welche Handlungsoptionen sie daraus schlussfolgerten. Den Antisemitismus begriff man einerseits als unmittelbare Gefahr für die Juden (S. 338ff), andererseits auch als nationale Gefahr (S. 346ff), das heißt als Bedrohung der deutschen Nation durch den Antisemitismus oder als Bedrohung durch eine antisemitische Majorität, die den Staat gefährdete. Die Brisanz der Bedrohung habe nach Brunner auch im fehlenden Widerstand der Nichtantisemiten gelegen (S. 343). Sei es Brunner zufolge kaum möglich gewesen über das Deutschland der 1920er Jahre zu schreiben ohne den Antisemitismus zu thematisieren (S. 343), so kommt Krahs Forschung doch zu dem Befund, dass die Gefahrenlage in den untersuchten Quellen eher ein Randthema war. (S. 351) Verschiedene Handlungsoptionen waren aber Gegenstand von Debatten, etwa die Frage nach Assimilation oder Zionismus (S. 355ff) oder nach allgemeiner Aufklärung der Gesellschaft (S. 373 ff), wobei mitunter in den Staat größeres Vertrauen als in die Gesellschaft gelegt wurde. (S. 375) Die Abwehrtätigkeiten durch den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV), dem Krah die „bedeutendste Rolle im anti-antisemitischen Kampf“ (S. 13) attestiert, und des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus (VAA) wurden von den zeitgenössischen Antisemitismusforschern wegen ihres apologetischen Charakters oft kritisiert. (S. 389) Die Analyse des Antisemitismus führte viele Theoretiker zum Zweifel daran, was sachliche Argumente gegen irrationalen Wahn auszurichten vermögen. (S. 390) Dass das „Ungeheuer“ Antisemitismus, in Brunners Worten, „wenigstens theoretisch besiegt sein muß“ (Brunner), zeigt bereits an, dass sich daraus in der Praxis nicht automatisch ein Erfolg versprochen wurde. Und selbst um die Verbreitung der Theorie stand es nicht zum Besten. Wie Krah konstatiert, habe „die antisemitismusanalytische Literatur im Kaiserreich und der Weimarer Republik keine herausragende Rolle“ (S. 409) gespielt.

Das Buch schließt mit einem Ausblick. Der Leser erfährt hier, was aus den Autoren nach dem untersuchten Zeitraum – also mit Beginn der NS-Zeit – geworden ist, gleichermaßen aber auch welche Ideen in späterer und auch gegenwärtiger Antisemitismusforschung noch von Bedeutung waren und weiter diskutiert wurden. Die historische Zäsur des Nationalsozialismus ließ die Autoren selbst an der Effizienz der von ihnen debattierten Handlungsoptionen zweifeln (S. 415).

In der Antisemitismusforschung nach 1945 dienten die Autoren kaum als Referenzpunkt. Ein großer Verdienst der Studie ist deshalb, dass dementgegen die Kontinuität zentraler Stichworte der Antisemitismusforschung aufgezeigt werden kann. Die verschiedenen Ansätze zu rekonstruieren und zueinander in Bezug zu setzen, ist vor dem Hintergrund des damaligen Wissenschaftsverständnisses, das weitgehend auf Quellenangaben verzichtete (S. 75), eine weitere Herausforderung, die die Autorin gemeistert hat.

Krahs Buch zeigt auch, aller Ernsthaftigkeit zum Trotz, sprachliche Besonderheiten der Quellen, beispielhaft etwa ist Coudenhoves ironischer Kommentar zur antisemitischen Blutanklage: „Die Juden sollen das Fleisch ihrer Feinde gefressen (guten Appetit!) […] haben.“ (S. 79) 

Krah verpasst es in ihrer Arbeit nicht, auch Stellung zu beziehen. Zu den vorgestellten Antisemitismustheorien werden ebenso die Schwächen in der Analyse (S. 334f) thematisiert, wenngleich „eher der Erkenntnisgewinn, zu dem die Autoren beigetragen haben, im Mittelpunkt steht[.]“ (S. 334) So verweist die Autorin auf den apologetischen Charakter vieler Texte, die antisemitische Vorwürfe widerlegen wollten, teilweise aber Juden eine Teilschuld zuwiesen. Ebenso kritisiert sie Brunners Antizionismus oder Müller-Claudius Versuch, Patriotismus zum Gegenstück von Antisemitismus zu stilisieren. In aller gebotenen Deutlichkeit problematisiert sie zudem, wie der von Bernstein kultivierte Gruppenansatz von Rezipienten wie Gordon Allport 1971 dazu genutzt wurde, zu behaupten, Juden und Nazis hätten im Konzentrationslager gleichermaßen Vorurteile übereinander gehabt. (S. 419 FN) Krah mahnt zudem, den gegenwärtigen Antisemitismus nicht zu bagatellisieren und warnt die gegenwärtige Antisemitismusforschung, „den Antisemitismus nicht in allgemeine Diskriminierungsdiskurse auf[zu]lösen“ (S. 426).

Dem vorliegenden Buch zur frühen Antisemitismusforschung in Deutschland ist eine weite Verbreitung zu wünschen. Interessant wäre im Anschluss an die Lektüre ein internationaler Vergleich zur frühen Antisemitismusforschung. Dazu bedürfte es allerdings weiterer Studien.

Franziska Krah. „Ein Ungeheuer, das wenigstens theoretisch besiegt sein muß“ – Pioniere der Antisemitismusforschung in Deutschland, 466 Seiten, Campus Verlag 2017, Bestellen?

[1] Eine der wenigen Bücher zur früheren Antisemitismusforschung stellt der Sammelband Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft (De Gruyter 2014) von Hans-Joachim Hahn und Olaf Kistenmacher dar, an dem Krah ebenfalls mitgewirkt hat.

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