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Georgensgmünd – Friedhof, Synagoge und Tahara-Haus

In unserer neuen Artikelreihe stellen wir Relikte des fränkischen Landjudentums vor. Jahrhundertealte aufgelassene Friedhöfe, Gebäude, die einst als Synagogen dienten, aber auch andere steinerne Zeugnisse, wie etwa Inschriften oder Symbole. Das Landjudentum ist schon lange nicht mehr existent. Bereits im 19. Jahrhundert lösten sich zahlreiche der kleinen Gemeinden auf. Die restlichen wurden während des Nationalsozialismus liquidiert. Doch vereinzelt gab es nach 1945 erneut jüdisches Leben auf dem Land – davon zeugen die Hachscharot-Kibbuzim, Bauernschulen, in denen Überlebende der Shoa für ihre Zukunft in Erez Israel ausgebildet wurden…

Synagogengebäude und Schulhaus (rechts), Foto: nurinst-archiv

Georgensgmünd – Friedhof, Synagoge und Tahara-Haus

Die Ansiedlung von Juden in der kleinen fränkischen Gemeinde ist erstmals um die Mitte des 16. Jahrhunderts nachweisbar. Jüdische Bürger, die aus den Reichsstädten vertrieben worden waren, fanden in Georgensgmünd eine neue Heimat. In 1630er Jahren gehörte jeder dritte Einwohner der Gemeinde der jüdischen Glaubensgemeinschaft an. Lange Zeit wurde der Vieh- und Hopfenhandel von Georgensgmünder Juden dominiert, der einen wichtigen Wirtschaftsfaktor in der Region darstellte. Etwa 400 Jahre lang existierte eine prosperierende jüdische Gemeinschaft, an die bis heute einige stattliche Häuser im Zentrum von Georgensgmünd erinnern. Auf dem nach 1560 angelegten Beth Olam fanden auch die Toten aus den umliegenden Ortschaften, wie etwa Schwabach, Roth oder Thalmässing, ihre letzte Ruhestätte. Der ehemalige Bezirksfriedhof gehört zu den größten und ältesten jüdischen Gräberfeldern in Bayern.

Der über vier Jahrhunderte alte jüdische Friedhof in Georgengmünd, Foto: nurinst-archiv

Noch heute zählt der Friedhof rund 1800 Grabsteine, der älteste stammt aus dem Jahre 1594. Auch das zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtete Tahara-Haus ist noch erhalten. Zu den besonderen Sehenswürdigkeiten gehört die alte Landsynagoge, die 1735 eingeweiht wurde, und im Inneren mit barocken Wandmalereien des polnischen Malers Elizier Sussmann verziert ist. Im Keller des Gotteshauses befinden sich zwei Mikwaot.

Da sich in Georgensgmünd schon 1928 eine Ortsgruppe der NSDAP gründete, kam es bereits im Januar 1930 zu Schändungen des jüdischen Friedhofes. Fünf Jahr später lebten nur noch rund 40 Juden in der Gemeinde. In der Pogromnacht vom November 1938 wurden die Synagogeneinrichtung demoliert und die Fensterscheiben bei jüdischen Wohnhäusern und Geschäften eingeschlagen. „Aus Gründen der Ordnung und Ruhe sowie ihrer eigenen Sicherheit“, empfahl der Bürgermeister den wenigen noch in Georgensgmünd wohnenden Juden das Verlassen des Ortes bis spätestens zum 1. Januar 1939. Wenig später verkündete die örtliche Zeitung triumphierend: „Die alte Trutzburg der Juden, Georgensgmünd ist gefallen“, und kann nun „wieder ein Hort deutscher Sitte und Art, deutschen Blutes und Geistes werden.“

An die 32 ermordeten Georgensgmünder Juden erinnert ein im April 2000 vor der Synagoge errichteter Gedenkstein. Bereits 1988 hatte die Gemeinde das ehemalige jüdische Gotteshaus gekauft und umfangreich saniert. Es wird heute als kultureller Veranstaltungsraum und als Museum genutzt.

Nach 1945 hatten sich für kurze Zeit einige Überlebende der Shoa aus Osteuropa in Georgensgmünd angesiedelt. In durch die US-Behörden beschlagnahmten Wohnungen sollten sich die Juden von den jahrelangen Qualen erholen, bis sie schließlich nach Israel oder Übersee emigrierten. Sie nutzten auch die in der NS-Herrschaft als Lagerhaus zweckentfremdete Synagoge als Gotteshaus.

Überlebende der Shoa versammeln sich zu Jom Kippur in der Synagoge von Georgensgmünd, Foto: nurinst-archiv

Gruppenführungen (Friedhof/Synagoge) können jederzeit bei der Gemeindeverwaltung Georgensgmünd vereinbart werden. Kontakt: info@georgensgmuend.de

Anfahrt:

A 9 Ausfahrt Allersberg oder Hilpoltstein, Richtung Roth, dort auf die B2 Richtung Weißenburg, Ausfahrt Georgensgmünd; A 6 Ausfahrt Roth, B2 Richtung Weißenburg, Abzweigung Georgensgmünd.

Regionalbahn R6 (Nürnberg-Treuchtlingen)

Rundwanderung:

Judenfriedhof – Bühl – Druidenstein – Atlasweiher – St. Oswald – Marienkirche – Georgensgmünd

Als pdf

Einkehr:

Landgasthof Wernsbach

Quellen:

Gerd Berghofer, Die Anderen. Das fränkische Georgensgmünd und seine Juden vor und während des Dritten Reiches, Treuchtlingen/Berlin 2013.

Peter Kuhn, Jüdischer Friedhof Georgensgmünd, Berlin 2006.

Jim G. Tobias, Vorübergehende Heimat im Land der Täter. Jüdische DP-Camps in Franken 1945–1949, Nürnberg 2002.

TV-Feature:

„Wartesaal“ zur Emigration – Juden in Georgensgmünd nach 1945

Index – Juden in Franken – ein historischer Überblick