Ein Wiener in Asien

Adolf Josef Storfer, Psychoanalytiker und Betreiber der Exilzeitschrift »Gelbe Post«, wurde auch in Shanghai von den Nazis beobachtet…

Von Roland Kaufhold
Erschienen in: Jüdische Allgemeine v. 10.08.2017

Der Wiener Psychoanalytiker und Sprachforscher Adolf Josef Storfer war ein vielseitiger Publizist. Im Shanghaier Exil betrieb er ab 1939 für eineinhalb Jahre die Exilzeitschrift »Gelbe Post«. Nun wurde bekannt: Storfer und seine Zeitschrift wurden in Shanghai vom nationalsozialistischen »Stürmer« observiert und denunziert.

Storfer, 1888 als Sohn eines jüdischen Holzhändlers in der Bukowina geboren, wächst nach dem frühen Tod seiner Mutter quasi in Kaffeehäusern auf. Er studiert in Klausenburg, Wien und Zürich Philosophie, Psychologie und vergleichende Sprachenforschung. 1910 wird er Korrespondent mehrerer Blätter. Zeitgleich wird er auf die Schriften Sigmund Freuds aufmerksam und nimmt Kontakt zu ihm auf. Im gleichen Jahr publiziert er seine erste psychoanalytische Studie. Nach einer Analyse bei Freud wird Storfer 1921 Mitarbeiter und von 1925 bis 1932 Direktor von Freuds Internationalem Psychoanalytischen Verlag in Wien.

Storfer setzt zahlreiche Impulse und ist hierbei sehr erfolgreich. Von strenger Buchführung versteht er jedoch nicht so viel. 1932 muss er Freuds Verlag verlassen. In den folgenden Jahren publiziert er die sprachwissenschaftlichen Bücher Wörter und ihre Schicksale (1935) und Im Dickicht der Sprache (1937).

Der Psychoanalytiker spürt die antisemitische Bedrohung und versucht, in die USA oder aber in die Schweiz zu emigrieren. Vergeblich. Obwohl ihm in den USA Stellen angeboten werden, gibt es wegen der »Quotenregelung« keine Emigrationsmöglichkeit für ihn. Er erlebt in Wien das Novemberpogrom. Ende 1938 gelingt ihm mit einem Schiff die Flucht nach Shanghai, am 31. Dezember 1938 kommt er dort an. Mit ihm haben etwa 20.000 deutschsprachige jüdische Emigranten Zuflucht in Shanghai gefunden.

Storfer analysiert seine neue Lebenssituation rasch und versucht, Kontakte in die Welt zu halten. Am 18. Januar 1939 beschreibt er in einem Brief seine »allgemeinen Eindrücke«: »Die ganze Existenz Shanghais ist durch den Krieg fraglich geworden. Das Gros der Emigranten, vorläufig von der Unterstützung vegetierend, sieht zufolge mangelnder Informiertheit die Traurigkeit der Lage nicht ganz und lebt schlecht u. recht gedankenlos in den Tag hinein. Für mich sehe ich bisher keine andere Möglichkeit, als zu versuchen, mit Deutschunterricht mein Brot zu verdienen.«

Der Exilant bewahrt sich seinen Optimismus – und hat große Pläne: Er will eine anspruchsvolle Emigrantenzeitschrift herausgeben, mit einem psychoanalytischen und einem kulturellen Schwerpunkt. Hierfür versucht er brieflich, ein internationales Netz zu seinen emigrierten literarischen und psychoanalytischen Kollegen aufzubauen, was auch gelingt. Am 31. März 1939 schreibt er an seinen von Wien nach San Francisco emigrierten psychoanalytischen Kollegen Siegfried Bernfeld voller Selbstironie: »Lieber Herr Doktor! Wie Sie sehen, bin ich gleichsam – wenn auch in entgegengesetzter Richtung fahrend – in Ihre Nähe gerückt. D.h. es trennt uns kein Festland mehr, nur Wasser, dies allerdings reichlich.«

Am 1. Mai 1939 erscheint die erste Ausgabe der deutschsprachigen Exilzeitschrift »Gelbe Post«. »Ostasiatische illustrierte Halbmonatsschrift« lautet der Untertitel. Der unermüdliche Storfer ist als »Eigentümer, Herausgeber, Schriftleiter« angegeben.

Storfers »Gelbe Post« wurde wegen ihres Niveaus international wahrgenommen und gelobt. »Ich gründe die Zeitschrift unter den tollsten redaktionellen, technischen und finanziellen Notverhältnissen«, schreibt er an Bernfeld. Sein Magazin werde sich »mit ostasiatischen Dingen« beschäftigen, aber auch »jede Möglichkeit suchen, die Psychoanalyse heranzuziehen, wenn’s nicht anders geht, an den Haaren«.

Die ersten fünf Hefte erscheinen halbmonatlich, dann werden die Abstände größer. Nach einer finanziellen Unterstützung aus den USA verwandelt er sie in eine Tageszeitung. Die Arbeitsbedingungen und die finanzielle Gesamtsituation sind verheerend: »Ich arbeite 15–16 Stunden täglich, schlafe 4–5 Stunden, – das Schlimmste kommt aber noch: Die verrufene Shanghaier warme Periode«, bemerkte Storfer.

Das erste Heft enthält Beiträge über die allgegenwärtige Gefährdung durch Ratten – mit »Bedrohte Rattenherrlichkeit« betitelt –, über »Die Mitarbeit der chinesischen Frau«, »Bodenpreise und Mieten in Shanghai« sowie über ein »Chinesisches Propagandatheater«.

Dieses Engagement im Exil bleibt nicht unbemerkt. Bereits zwei Monate später bringt Julius Streichers nationalsozialistische, vulgär-antisemitische Hetzzeitung »Der Stürmer« einen erstaunlich gut informierten, umfangreichen Beitrag über Storfer und dessen Magazin.

Der »Stürmer«-Beitrag vom Juli 1939 beginnt mit einem scharfen Angriff: »In Shanghai hat sich ein Emigrant aus Wien niedergelassen. Es ist der Jude A. J. Storfer, der einst den Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien geleitet hat. Er war auch Schriftleiter mehrerer psychoanalytischer Zeitschriften. Was ist die Psychoanalyse? Ein ›wissenschaftliches‹ System, welches degeneriertes jüdisches Geschlechtsempfinden für die Völker aller Rassen zur Pflicht machen wollte. Diese Lehre ist eine einzige jüdische Schweinerei.« Der Name des offenkundig in Shanghai lebenden deutschen Autors wird bewusst nicht genannt: »Von unserem Mitarbeiter in Shanghai«, heißt es nur.

Die ideologische Stoßrichtung des Textes ist eindeutig: Der Jude und Exilant Storfer, der auch im 10.000 Kilometer entfernten Exil weiterhin versucht, sein kulturelles Wiener Erbe nicht aufzugeben, soll auch in Shanghai rassistisch verfolgt und dämonisiert werden. So schreibt der Stürmer: »Der Jude A. J. Storfer hat sich nun in Shanghai niedergelassen. Er arbeitet daran, sein jüdisches Gift in weite Kreise des chinesischen Volkes hineinzuspritzen. An seinem Gift soll das chinesische Volk, das vom Kommunismus ohnehin schon sehr stark zersetzt ist, vollends untergehen.«

Dann folgt ein antisemitischer Angriff gegen England: »Weite Kreise des englischen Volkes« verstünden sich als »einen der verlorenen Stämme Israels«, und sowohl England als auch »die Juden« erhöben einen »Anspruch auf die Weltherrschaft«. Die Flucht von etwa 20.000 europäischen Juden nach Shanghai – dies war für viele das letzte Schlupfloch, um der Vernichtung zu entgehen – wird als eine Gefahr für den Kriegsverbündeten Japan dargestellt: »Besonders in den von den Japanern besetzten Gebieten Chinas haben die Juden nichts zu lachen. Die Japaner haben ein gesundes Rasseempfinden. Sie wissen, dass der Jude der Erbfeind des japanischen Volkes ist.«

Storfers antifaschistisches Engagement auch im Exil hat wegen des »Stürmer«-Angriffs Folgen: Ein Jahr später, im August 1940, wird der Psychoanalytiker aus Österreich ausgebürgert. In der regierungsoffiziellen Begründung vom 27. August 1940 heißt es: »Der Jude Adolf Storfer ist nach Shanghai emigriert und erwarb dort die Halbwochenschrift ›Gelbe Post‹. In dieser Zeitschrift wird eine üble Hetzpropaganda gegen das Dritte Reich entfaltet.«

Storfer, dies sei erwähnt, war neben dem kämpferischen Antifaschisten Wilhelm Reich und Bruno Bettelheim der einzige Psychoanalytiker, der ausgebürgert wurde. Bettelheim hatte 1938/39 mit viel Glück eine elfmonatige KZ-Haft in Buchenwald überlebt und wurde wenige Jahre später neben seinem ehemaligen Mithäftling Ernst Federn ein Pionier einer Psychologie des Terrors.

Ende August 1940 muss Storfers Magazin aufgrund des Drucks eines Konkurrenten aufgeben. Wohl als Folge hiervon erleidet Storfer einen Herzanfall. Nun versucht er erneut, doch noch in die USA zu gelangen. Einige Briefe sind ein Dokument der zunehmenden Verzweiflung dieses Lebenskünstlers. Im Juli 1941 schreibt er an den schon 1932 von Wien nach New York emigrierten Psychoanalytiker Fritz Wittels: »Von Freunden in Europa bin ich ganz abgesperrt. Aber auch aus Amerika höre ich niemals etwas.«

Im Dezember 1941 gelingt dem 53-Jährigen die Flucht nach Australien. Ihm bleiben noch drei Jahre. Er arbeitet in einem Sägewerk, eine schwere körperliche Tätigkeit für den gesundheitlich Angeschlagenen. Nach dem Verlust des Manuskripts seines Buches Von A bis Z möchte er von der Literatur nichts mehr wissen. In seinem letzten Brief berichtet er von dem bei ihm diagnostizierten Lymphdrüsenkrebs und kommentiert: »A net schlecht.«

Am 2. Dezember 1944 verstirbt Adolf Josef Storfer im australischen Exil. Freunde verfassen Nachrufe, danach bleibt er für Jahrzehnte vergessen. Der Wiener Schriftsteller und Exilant Alfred Polgar bemerkt im April 1946 in der »China Daily Tribune«: »Während der letzten Monate seines Lebens arbeitete Storfer, ein Mann großen, tiefen Wissens, Schriftsteller, Sprachforscher und Sigmund Freuds treuester Evangelist, in einer Drechslerei. Vielleicht tat er es aus Not. Nicht ausgeschlossen wäre immerhin bei Storfer, dass ihn die Idee gewonnen hätte, Knöpfe drehen sei eine vernünftigere Tätigkeit als Bücher schreiben.«

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