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Ein Mann, der träumt

Georges Perecs Die dunkle Kammer. 124 Träume erstmals auf Deutsch…

Von Olaf Kistenmacher

Von einem Traumtagebuch erwartet man einiges: erotische Phantasien, märchenhafte Bilderwelten, irrwitzige Alpträume… Bei dem französischen Schriftsteller Georges Perec ist es wie immer etwas anders. Mit dem für ihn typischen ethnographischen Blick erstellt er eine Liste seiner Träume, ordnet und klassifiziert sie, bis er bemerkt, dass er »nur noch träumte, um von meinen Träumen zu schreiben«. Trotz dieser Distanz zu sich selbst gehört Die dunkle Kammer. 124 Träume, das nun erstmals auf Deutsch vorliegt, zu Perecs intimsten Werken. Gleich der erste Traum handelt (»selbstverständlich«, wie Perec ergänzt) vom Lager, aber nicht von einem wirklichen Lager, es war vielmehr »ein metaphorisches Lager, ein Lager, von dem ich weiß, dass es nicht mehr als ein vertrautes Bild ist, als ob ich unablässig denselben Traum träumte«. Georges Perec hatte als Kind die Shoah überlebt. Doch in einem Konzentrationslager war er nie gewesen. Sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen die Deutschen, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Perec selbst, 1936 geboren, überlebte bei Verwandten außerhalb von Paris, mit falscher Identität.

In Deutschland kennt man Georges Perec als Verfasser amüsanter Hörspiele und Ratgeber (wie Die Maschine oder Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten) und als Mitglied der französischen Gruppe Ouvroir de littérature potentielle (Oulipo). Die Autorinnen und Autoren dieser Gruppe – wie Italo Calvino, Oskar Pastior oder Raymond Queneau – erlegen sich beim Schreiben willkürliche Regeln auf. So schrieb Perec 1969 mit La disparation einen Roman, in dem er auf alle Worte verzichtete, die den Buchstaben E enthielten (für die deutsche Übersetzung Anton Voyls Fortgang unterwarf sich Eugen Helmlé der gleichen Regel). Perecs Werk kreist zudem um die frühe Verlusterfahrung, um den Riss in seinem Leben. Als er 1979 mit seinem Schriftstellerkollegen Robert Bober einen Dokumentarfilm über Ellis Island drehte, den Ort, über den im 20. Jahrhundert Zigtausende Menschen in die USA flohen, notierte er für einen Begleitband, er könne nicht sagen, »was es mir bedeutet, Jude zu sein«. Anders als Bober sehe er sich in keiner Tradition, bedeute die jüdische Identität für ihn »kein Zeichen von Zugehörigkeit«, sondern ein »Infragestellen« und gleichzeitig die Gewissheit, »das Leben nur dem Zufall und dem Exil zu verdanken«.

Sein Leben lang blieb sich Perec selbst ein Rätsel. In seinen Essays und literarischen Experimenten näherte er sich seinem Selbst wie von außen. Er beschrieb die Orte, die ihn geprägt hatten, und hinterfragte dabei gerade das Alltägliche, Normale, scheinbar Selbstverständliche; er listete die Zimmer auf, in denen er geschlafen hatte; er beschrieb, was er von drei Stammcafés an drei gewöhnlichen Tagen wahrnahm. In dem bislang nicht übersetzten Je me souviens protokollierte er 480 Erinnerungssplitter, die gerade nicht auf sein persönliches Schicksal verweisen, sondern all das versammeln sollten, woran sich ein Franzose seiner Generation noch erinnert, was man aber für gewöhnlich vergessen hat.

Zu diesen Selbsterkundungen gehört auch Die dunkle Kammer, die der Übersetzer Jürgen Ritte in seinem Nachwort als eine »Art von nächtlicher Autobiographie« bezeichnet. Es sind die Träume eines 68ers in Paris, die »Bullen« sind ebenso gegenwärtig wie kommunistische Gruppierungen und regelmäßige Festnahmen. Natürlich fehlen erotische Phantasien nicht, es ist die Hochzeit der freien Liebe. Doch immer wieder brechen in die Träume von der Gegenwart die Ängste aus der Vergangenheit: »Die Tatsache, Jude zu sein, steht nämlich am Anfang dieser ganzen Geschichte und macht sie erheblich komplizierter. Meine Festnahme ist eine Konsequenz des jüdisch-arabischen Konflikts, und es würde mir nichts nutzen, wenn ich meine pro-palästinensischen Sympathien bekräftigte.«

Manche Träume handeln von dem, was ihn als Schriftsteller, Filmemacher und Verfasser von Kreuzworträtseln beschäftigt. In einem Traum sieht er sich vor »einem gigantischen Puzzle«. Wer Perecs großen Roman Das Leben. Gebrauchsanweisung gelesen hat – der in diesem Herbst neu aufgelegt wird –, denkt an die Puzzle, mit denen eine der Hauptfiguren sein Leben lang beschäftigt ist. Manche der Träume kann nur ein Schriftsteller wie Perec haben. Im Oktober 1971 überkommt ihn des Nachts die Angst, in seinem Roman La disparation befänden sich doch unzählige E: »Man könnte meinen, ich träume. Wir schauen noch mal hin: kein ›E‹ mehr. Na also! Aber dann ist da doch wieder eins, noch eins und noch zwei andere und abermals lauter ›E‹!«

Andere Träume bleiben der Leserin oder dem Leser (wie vielleicht auch dem Träumenden) unverständlich, erinnern allerdings an den autobiographischen Roman W oder die Kindheitserinnerung, der von Perecs Kinderphantasie einer brutalen spartakistischen Gesellschaft handelt, in der sich das ganze Leben um eine mörderische Olympia dreht und bei dessen Schilderung man unweigerlich an den Sport in den Nazi-Vernichtungslagern denkt. Unter der Überschrift »Konzentrationslager im Schnee oder Wintersport im Lager« erinnert sich Perec 1971, dass von dem Traum »nur ein Bild geblieben [sei]: Jemand hätte Schuhe aus ganz hartem Schnee oder aus Eis, die unweigerlich die Vorstellung eines Eishockey-Pucks heraufbeschwören.« Keine weitere Erklärung, warum er diesem Traum den Titel »Konzentrationslager im Schnee« gab.

Es ist nie leicht, ein Tagebuch zu lesen, weil seine Verfasserin oder sein Verfasser eher mit sich als mit einem Publikum spricht. Das gilt noch mehr für ein Traumtagebuch. Trotzdem ist man Perec, der 1982 im Alter von 46 Jahren starb, selten so nah wie in diesen Aufzeichnungen. Die Textsammlung Die dunkle Kammer gewährt so intime Einblicke in sein Seelenleben wie sonst nur W oder die Kindheitserinnerung oder die Essays in Geboren 1936. Natürlich bleiben die Träume symbolisch, und sosehr man sich als Leserin oder Leser mitunter Aufklärung wünscht, z. B. zu einem Namenskürzel, so würde eine Aufschlüsselung der möglichen Bedeutung oder eine Auflösung gerade das Literarische des Projekts zerstören. Worum es Perec grundsätzlich geht, so Jürgen Ritte in seinem Nachwort, offenbare gleich der erste Traum: »Die Moral dieser verblassten Episode scheint sich auf ältere Träume zu beziehen: Man rettet sich (manchmal), indem man spielt…«

Georges Perec: Die dunkle Kammer. 124 Träume, aus dem Französischen von Jürgen Ritte, Zürich Berlin (diaphanes) 2017, ISBN 978-3-03734-895-6, 256 S., € 24,-

Georges Perec: Ellis Island, aus dem Französischen von Eugen Helmlé, Zürich/Berlin (diaphanes) 2016, ISBN 978-3-03734-628-0, 64 S., € 9,95

Georges Perec: Das Leben. Gebrauchsanweisung, aus dem Französischen von Eugen Helmlé, Zürich/Berlin (diaphanes) 2017, ISBN 978-3-03580-044-9, 800 S., erscheint am 4. Oktober

Am 2. September wird der Übersetzer Jürgen Ritte in der Buchhandlung Sautter und Lackmann in Hamburg über Die dunkle Kammer. 124 Träume sprechen. Michail Paweletz wird aus Perecs Buch lesen.