Schonungslose Aufklärung der NS-Vergangenheit?

Der Faktor „Jugend-Förderung“ steht nach wie vor zur Diskussion. Ein zentrales Thema, momentan auch in Landsberg am Lech, wenngleich nicht das einzige in der regionalen Vielfalt. Engagierte Kreise versuchen neue Akzente zu setzen. Da bleibt wenig Raum für Eitelkeiten, wenn es um die politische Mitsprache der Jugend geht. Solidarisierung inklusive…

Von Hermann Kriegl

Von berufener Seite wird dabei betont, wie beschwerlich und zeitraubend es sei, das geschätzte junge Volk mit dem politischen Stoffgebiet vertraut zu machen, damit nicht andere Kräfte das Ringen um Aufmerksamkeit gewinnen. Das wäre schlimm, wenn es hier geschehen würde – ausgerechnet in der einstigen „Hitler-Stadt“.

Aber wie können, bitte schön, aufgeschlossene Heranwachsende, eine freie, unverstellte Sicht auf die braune Vergangenheit Landsbergs einnehmen, wenn nur das städtische Auftragswerk als Informationsquelle Nummer 1 zählen soll, obwohl in diesem Band vieles fehlt, was hierzulande am liebsten nicht wahrgenommen wird. Wie können die heutigen Jungen da den Horizont erweitern und das eigene Denken voranbringen? Ahnungslose, die unkritisch, deshalb leichter zu manipulieren sind, laufen mitunter spontan anderswo hin, als in demokratische Richtung. Gefahr droht auch, wenn historische Abhandlungen, einem höchst subjektiven Urteil unterworfen werden.

Das Buch „Landsberg in der Zeitgeschichte – Zeitgeschichte in Landsberg, herausgegeben von Volker Dotterweich und Karl Filser, In Verbindung mit Elke Kiefer und der Stadt Landsberg am Lech“ (2010), organisierte Karl Filser. Im Fokus der Kritik: Karl Filsers Untersuchung im städtischen Auftragswerk: „Die Stadt unter nationalsozialistischer Herrschaft“. Karl Filser ist Emeritus der Universität Augsburg.[01]

Abgesicherte, historische Erkenntnisse, in: Hermann Kriegl, Die „Hitler-Stadt“ (2009) und „Vom Wesen der NS-Provinz Landsberg“ (2012). Die letztgenannten Studien hat die Stadt Landsberg bisher übergangen, doch dafür empfing der Verfasser dieser Zeilen offizielle Anerkennung im In- und Ausland.

Die Publikation „Adolf Hitlers ‚treueste Stadt‘ Landsberg am Lech 1933-1945“ (2003), nennt Ross und Reiter und belegt grundlegend, warum Landsberg in der NS-Zeit so aus dem Ruder lief. Wer sich mit dem einzigartigen Klima der einst braunen Provinz am Lech näher befassen will, kommt an dieser Dokumentation nicht vorbei, die erstmals Landsbergs Geltung im Dritten Reich umfassend erschliesst.

Es kommt nicht von ungefähr, wie Karl Filsers Veröffentlichung ausgerichtet ist. Scheint sie doch zudem vortrefflich in die politische Landschaft der Lechstadt zu passen. Der vormalige Oberbürgermeister Franz Xaver Rößle befürwortete zum Leidwesen von Stadträten, Drucke wie Landsberg „Ein Ort wie jeder andere“, „Es konnte überall geschehen“ und „Landsberg, durch Zufall wichtig.“ Das war opportun. Oberbürgermeister Franz Xaver Rößle versuchte ja nur, die Historie der Lechstadt in der NS-Zeit „in Bahnen zu lenken“ und „den Bürgern erträglicher zu machen.“ Wie er den Ton angebend sich ausdrückte.

Derartige Vorgaben sind schon im Ansatz von der historisch-kritischen Methodik der Geschichtswissenschaft meilenweit entfernt. Das Ergebnis von Rößles Anstrengungen sollte 2002 in der Reihe „Schriften der Universität Augsburg“ erscheinen. Der Oberbürgermeister konnte sein Anliegen in der Sitzung des Finanzauschusses im Oktober 1997 durchsetzen (7:6)! Das belegt die Kontroversen. Die Stadt Landsberg beauftragte nun den emeritierten Augsburger Geschichtsdidaktiker Karl Filser. Er war maßgeblich beteiligt an der Anfertigung des städtischen Auftragswerkes. Ein Mitglied im städtischen Plenum sprach Klartext: „Es passt mir nicht, dass das Ergebnis im Vorneherein festgelegt wird.“ Die Befürchtung vieler Landsberger Bürger? (Quellen und Pressestimmen zum Forschungsprojekt der Stadt Landsberg am Lech).

Das an den Tropf des Steuerzahlers gehängte, von Karl Filser organisierte Buch, kam erst 2010 auf den Markt und wurde im Historischen Rathaus weihevoll präsentiert. Allein dadurch wurde Karl Filser außergewöhnlich begünstigt. Derartige Vorteile verschaffte die Stadt nicht dem Historiker Dr. phil. Hermann Kriegl.
Die Stadt Landsberg triumphierte und zeigte vielleicht nebenher, wie öffentliche Meinung konstruiert werden kann. Eine Art Hofberichterstattung? Jedenfalls kann das manchen sachorientierten Leser so anmuten. Denn in Landsbergs Vorzeige-Lektüre beweist vor allem Karl Filsers „Die Stadt unter nationalsozialistischer Herrschaft“, wie man Geschichtsschreibung an die Kandare nimmt. Karl Filser sorgte für mildernde Umstände wegen Landsbergs Geschichte in der „schwierigen“ NS-Phase. Warum ist man dem ritualisierten Kaschieren und Weglassen von Karl Filser nicht beizeiten entgegen getreten?

Ist das historische Vakuum im städtischen Auftragswerk dem Autorenteam etwa egal? Oder ist es gar ein Aufflackern von „Schluss-Strich-Mentalität“ im Publikum?
Wie es scheint, gehen Filsers problematische Formulierungen wohl an den Interessen der Sachbearbeiter und Kulturbeamten, die obendrein belehrend daherkommen, aus unbegreiflichen Gründen gleichgültig vorbei. Ist da vielleicht anzunehmen, das wäre Heimatgeschichte mit Abstrichen, die tendenziell verstummt?

Direktor Dr. Richard Loibl vom Haus der Bayerischen Geschichte (Augsburg) verniedlicht im Brief vom 7.02.2011 in provokanter Vereinfachung, wenn er meint, dass „auch in einem solchen Band (das städtische Auftragswerk) nicht jedes Thema berücksichtigt werden“ könne. Scheint das nicht zu kurz gegriffen und eventuell dazu angetan, die Unterlassungen des betreffenden Kollegiums zu verwischen? Die Autoren von Landsbergs Stadtchronik machen um die heikle Thematik einen großen Bogen. Der peinliche Tatbestand wird allenthalben ignoriert.

In Landsberg am Lech, der „Ehrenstadt des Nationalsozialismus“, erzeugte die „Stürmer“- Propaganda fanatische Resonanz und exaltierte NS-Lehrer, „arische Bluterben“ mit nordisch stilisierten Gefühlen predigten Rassismus in der Schule. Davon ist in Filsers Ausführungen nichts zu entdecken.

Nach mehr als zwölfjähriger, überdies aus Steuermitteln finanzierter Forschung der sechzehn Sachbearbeiter, darunter Professoren der Universität Augsburg, kann die skeptische Öffentlichkeit durchaus den Anspruch erheben, dass relevante historische Problembereiche umfassend aufgearbeitet werden. Davon nimmt Dr. Richard Loibl keine Notiz, „da das Haus der Bayerischen Geschichte mit der Entstehung der Publikation nicht befasst war.“ Es fällt auf, wie selbstverständlich es noch hinterher für ihn ist, die aufgedeckten wunden Punkte in der Schublade verschwinden zu lassen.

Dr. Hermann Kriegl erteilt vorurteilsfrei Auskunft zu historischen Zeitfragen. Der Verfasser ist weder Richter noch Moralist, sondern versucht als Historiker quellenkritisch aufzuschlüsseln und methodisch interpretierend darzulegen, „wie es eigentlich gewesen ist“, nicht jedoch, wie die Geschichte befriedender hätte sich entfalten können.

Nach 1945 erschien einiges zurechtgebogen. Man erinnerte ungern an fatale Hypotheken; als posthume Rechtfertigung genügte schon mal der Hinweis, der einzelne sei an die „ausweglose Diktatur“ gebunden gewesen, so wie Schachfiguren an die Regeln des Spiels. Genau dem entspricht das sonderbar informative Erinnerungsbuch „Landsberg nach 1918“, ein impulsives Druckerzeugnis, dem Zuge des Herzens folgend, wie Autor Bernhard Müller-Hahl eröffnete. Er war Landrat von 1958 bis 1984, MdL von 1966-1970 und Sympathieträger des Stadt- und Landkreises Landsberg am Lech.

In der Studie „Die Hitler-Stadt“ ist nachzulesen, wie das einstige Kreisoberhaupt den Hitlerismus im Alltagsleben Landsbergs bagatellisierte. Unbequeme Wahrheiten im ruhmbeglänzten NS-Revier kaschierte er einfach und verstieg sich zur absurden Leitthese: „In unserer Kleinstadt war ab 1933 wirklich nicht viel los, insbesondere in der Judenfrage.“ 

Zusätzlichen Dampf in die aktuelle Debatte brachte die Dissertation „Entnazifizierung in Landsberg am Lech“. Autor Wolfgang Daum verließ jedoch die Faktenebene, als er salopp beiläufig erwähnte, „Landsberg spielte im Nationalsozialismus keine besonders herausragende Rolle.“ Diese geradezu befremdliche Instruktion, obendrein in der 1996 von Augsburgs Universitätsstiftung preisgekrönten Arbeit, sorgte für weitere Konfusion. Am Ende schöpft man eventuell Verdacht, dass distinguierte Legenden-Verwalter, die allzu gern nur die eigene Meinung hören wollen, das Definitionsmonopol für Landsbergs Stadtgeschichte
beanspruchen und belehren, was von 1933 bis 1945 tolerierbar ist.

Bei der dokumentarischen Aufarbeitung der düsteren Vergangenheit Landsbergs werden vom Historiker Dr. Hermann Kriegl, Antisemitismus, Manifestation extremer Politik, Faible für Glanz und Gloria gewissenhaft ins Auge genommen. Stichhaltige Argumente in Text und Bild laufen der mancherorts raffiniert präparierten Revitalisierung von NS-Mythen gezielt zuwider. Die substantiellen Aussagen über das beschämende Kapitel der Ortsgeschichte, vor allem das unermesslich Furchtbare der Konzentrationslager in und um Landsberg, machen Nachgeborenen, die einfach wissen wollen, was hier alles geschah, solchermaßen
eher begreiflich, wie das Vergangene in die Gegenwart reicht.

  1. Mehr darüber, in: haGalil.com „Historisches Niemandsland?“ (5. April 2011) und „Lokalgeschichte, die nicht verweht“ (5. Februar 2013) sowie „Stadt mit ‚NS-Stigma'“ (10. Mai 2017). Auch Passagen weiter unten zitiert nach haGalil.com
    Ebenso, in: haGalil „Historisches Niemandsland“ – das Problem „Stadtarchiv“. Der Münchner Rechtsanwalt Alexander Grundner-Culemann vertritt die Interessen des Autors und befasst sich mit dem anstößigen Verhalten der Stadtarchivarin Elke Kiefer. Ein keineswegs abgeschlossenes Thema. Desgleichen, in: haGalil „Historisches Niemandsland?“ – Der „Historische Verein“ und die „Landsberger Inkunabel des Antisemitismus“. Ferner in haGalil dokumentiert: Darstellungen des Historikers Anton Posset. Unter anderem dessen Leserbrief vom 21. November 2012 im „Landsberger Tagblatt“. []