Herz statt Hetze

Großes Benefizfestival von „Kein Veedel für Rassismus“ und „Kein Kölsch für Nazis“ am 10. September in der Kölner Südstadt…

Von Mercedes Sanchez

Köln ist kein gutes Pflaster für die AfD. In Köln bekommt die zu großen Teilen teils offen rassistische AfD keinen Fuß auf den Boden. Im April hatten dies die bunten Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag im Maritim-Hotel eindrücklich bewiesen.

Die Reihe der Skandale der in sich zerstrittenen und durch Skandale und interne Machtkämpfe gekennzeichneten Kölner AfD ist auch danach nicht abgerissen: Im Mai wurde bekannt, dass ihr Stadtratsmitglied und ehemaliger Bürgermeisterkandidat Hendrik Rottmann, der als Bundeswehrsoldat für den Militärischen Abschirmdienst arbeitet, per Twitter die verbotene Losung „Deutschland erwache“ der nationalsozialistischen Organisation SA verbreitet hat. Es folgten Dienstaufsichtsbeschwerden und Anzeigen. Immerhin: Die Staatsanwaltschaft teilte inzwischen mit, dass sie kein Ermittlungsverfahren einleiten werde. Drei Monate später legte Rottman sein Mandat im Kölner Stadtrat „aus gesundheitlichen Gründen“ nieder.

Vor wenigen Wochen legten gleich vier Vorstandsmitglieder der Kölner AfD ihre Ämter nieder, in Folge interner Machtkämpfe der verschiedenen Flügel. Insbesondere empörten sie sich über ihre im Mai gewählte Kölner Landtagsabgeordnete wegen ihrer früheren Nebentätigkeit.

Eine Wahlkampfveranstaltung in Köln brachte die AfD nicht zustande: Im August musste der von der AfD und der Jungen Alternative um ihren Landesvorsitzenden Carlo Clemens – einem Lehramtsstudenten – dominierte örtliche „Hayek Club“ seine Vortragsabende in Köln beenden: Die Residenz am Dom kündigte ihnen nach Protesten Anfang August. „Wir haben die Tischreservierung storniert. So etwas passt nicht zu unserem Haus“, erklärte deren Direktor Neuß. Das Residenz Hotel fühle sich durch die Anmelder, die Kölner AfD-Jungfunktionäre Carlo Clemens und Mirko Wilde, hintergangen. Man habe nicht geahnt, dass es sich faktisch um eine Wahlkampfveranstaltung der AfD in Tarnformat handele, berichtet der KStA.

Und Mitte August musste die Kölner AfD mit einer Wahlkampfveranstaltung in das kleinstädtische Bensberg ausweichen. Bemerkenswert hierbei die Rede des Kölner Sprechers der AfD Christer Cremer: „Es ist schön hier in Bensberg zu sein, denn die Kölner Stadtgesellschaft boykottiert uns“, sagte er gemäß einem Bericht des örtlichen Kölner Stadt-Anzeigers. Und er fügte in grotesker Fehlwahrnehmung der Realität noch hinzu: „Wir sind politische Flüchtlinge.“

Weitere rechtsextreme Gruppierungen haben seitdem in Köln ihre Hassspuren hinterlassen: Mitte August drängte eine neue, sehr rechte, fremdenfeindliche Aktionsgruppierung mit zahlreichen Sprühaktionen vor Kölner Flüchtlingsheimen an die Öffentlichkeit: Widerstandsteigt auf nennt sie sich. Für das „Wahljahr 2017“ haben sie weitere Aktionen gegen Flüchtlinge und „gegen Merkel“ angekündigt. Die Ermittlungen des Staatsschutzes dauern noch an, die Stadt Köln hat Anzeige erstattet. Die dezidiert fremdenfeindliche Gruppierung Widerstandsteigtauf arbeitet laut Selbstauskunft mit den vom Verfassungsschutz beobachteten „Identitären“ sowie mit „Ein Prozent“ zusammen.

Die „Identitären“ haben in den letzten Tagen zahlreiche Kölner Stadtteile mit Flyern und Aufklebern vollgekleistert. Am 27. August brachten sie auf dem Dach des Kölner WDR einen Banner an, untermalt durch den Einsatz von Pyrotechnik.

Großes Benefizkonzert in der Kölner Südstadt: Herz statt Hetze

Die Proteste gegen diese Übergriffe nehmen zu. Die Kölner Südstadt-Gruppe der Initiative Kein Veedel für Rassismus veranstaltet nun, unterstützt durch Kein Kölsch für Nazis und zahlreiche weitere Gruppen, auch ver.di, ein antirassistisches Benefizfest auf dem Gelände des Bauspielplatzes in der Südstadt – der gleiche Ort, an dem auch das traditionsreiche Edelweißpiratenfest seit Jahren stattfindet. Bei frischen Getränken und bunter Musik werden dort u.a. The Local Ambassadors, Abdulrahman Mùrdereyez, Quichotte, Leila Akinyi, TIMBÀ, Chanson Trottior, Löber Akustik, Bilderstöckche Blues Büggele, Gäng Latäng, Reezy Reez und viele mehr auftreten.

Bei einer Pressekonferenz – diese fand einen Tag nach dem islamistischen Terrorattentat in Barcelona statt – betonte Kathrin Sielker von Kein Veedel für Rassismus: „An einem Tag wie heute, nach Barcelona, ist das Netz wieder voll von menschenverachtender Hetze“. Dagegen wolle man sich vor der Bundestagswahl deutlich positionieren. Ihr Fest am 10.9. im Friedenspark sei ein Platz für Begegnungen, insbesondere auch mit Flüchtlingen. Dolmetscher würden zum Fest kommen, um Sprachbarrieren abzubauen. Geflüchtete werden in die Struktur des Festes eingebunden. Beispielsweise in der Moderation, am Getränkeausschank oder an den Infoständen. Parallel dazu werde in den Innenräumen des Friedensparks eine Ausstellung der VVN-BDA über die Verstrickung der AfD in die extrem Rechte Szene. (Das Signal des Fest stehe deshalb unter dem Motto „Herz statt Hetze“.)

Nach der Pressekonferenz, (c) Mercedes Sanchez

„Mit diesem antirassistischen Festival wird Kein Veedel für Rassismus auf dem Höhepunkt des Bundestagswahlkampfes einen Kontrapunkt zum rassistischen Wahlkampf der AfD setzen“, betonte Uwe Fassbänder, ein weiterer Aktivist der Südstätter Veedels-Gruppe. Es werde auch mehrere Bands mit Flüchtlingen auftreten, die sich vor wenigen Monaten gegründet haben. „Es wir ein unterhaltsamer, bunter Nachmittag und Abend“, betonte Rosa Bianco. Sie seien eine bewusst überparteiische Gruppierung, sie verzichteten auch auf Unterstützung durch die Stadt. „Wir verstehen uns vom politischen Ansatz her wie Arsch Huh, zu denen wir in Kontakt stehen“, so die vitale Kathrin Sielker. Und selbstverständlich gibt es auch ein selbstorganisiertes Getränkeangebot. Dafür sorgt Kein Kölsch für Nazis mit ihrer unweit gelegenen Kneipe Lotta.

Kathrin Sielker: „Wir wollen die Bürger Kölns aktivieren, zur Wahl zu gehen. Wir wollen Präsenz zeigen, Gesicht zeigen – weil wir die Hetze nicht mehr länger ertragen können.“ Und: „Wir sind für etwas, für ein friedliches Miteinander. Darum ergänzen sich die Kölner Aktionen gegen den AfD-Bundesparteitag, an denen wir uns beteiligt haben, mit unserem Fest“, hob Rosa Bianco hervor. Die in der Südstadt bekannte soziale Aktivistin fügte noch hinzu: „Wir sind alles Laien. Jeder soll nach seiner Facon bei uns mitmachen.“

Dass es bunt wird, dafür sorgt auch die Köln-Ehrenfelder Firma Balloni, die zahlreiche bedruckte Luftballons spendet. Die Erlöse des Festivals werden an die Seenotrettung „Sea Watch“ gespendet.

Der 92-jährige Kölner Krätzchensänger und Karnevalist Ludwig Sebus ruft per Videobotschaft mit zur Veranstaltung auf:

Und ab dem 10.9. wird ein Kinospott von Kein Veedel für Rassismus in zahlreichen Kölner Kinos als Vorfilm gezeigt.

Dieses stimmungsvoll-charmante Video hat eine Gruppe junger Filmschaffender für Kein Veedel für Rassismus kostenlos erstellt. Der Videospot trägt den Namen „Aus dem Leben eines Nichtwählers“ und ruft zur Beteiligung an Wahlen auf. Premiere feiert der Videospot ebenfalls beim Benefizfestival und wird um 17:00 Uhr veröffentlicht.

 

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