Eine antisemitische Fälschung vor Gericht

Der Historiker und Slavist Michael Hagemeister legt mit „Die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ vor Gericht. Der Berner Prozess 1933 – 1937 und die ‚antisemitische Internationale‘“ eine Darstellung und Dokumentation zum Thema vor. Der Autor ist als jahrzehntelanger Forscher in diesem Bereich bekannt, seine Kritik richtet sich gegen die bislang etablierte Version zur Entstehungsgeschichte, ohne dass er damit apologetische Absichten in Richtung der „Protokolle“ verfolgt…

Von Armin Pfahl-Traughber

Zwischen 1933 und 1935 bzw. 1937 kam es in Bern zu einem Aufsehen erregenden Prozess: Im Mittelpunkt standen die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine antisemitische Fälschung, welche die Existenz einer „jüdischen Weltverschwörung“ nahelegen sollte. Eigentlich ging es in dem juristischen Verfahren nur um die Frage, inwieweit es sich hier um „Schundliteratur“ handele. Tatsächlich sollte die Entstehungsgeschichte rekonstruiert und damit die Fälschung auch in dieser Form nachgewiesen werden. Im Ergebnis führte dies dazu, dass der Eindruck einer systematischen Manipulation des früheren russischen Geheimdienstes Ochrana entstand. Denn die „Protokolle“ waren erstmals im Zarenreich erschienen. Doch lässt sich diese Entstehungsgeschichte wirklich aus den erwähnten Quellen belegen? Diese Frage stellt sich Michael Hagemeister, Historiker und Slavist an der Ruhr-Universität Bochum. In seinem Buch „Die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ vor Gericht. Der Berner Prozess 1933-1937 und die ‚antisemitische Internationale‘ problematisiert er die genannte Version.

Der umfangreiche Band liefert zunächst einen Überblick zur Forschungsgeschichte und Quellenlage, wobei der Autor die bisherige Literatur gelegentlich scharf kommentiert. Denn man habe häufig unkritisch die Erzählung, die durch die Gerichtsverhandlung populär wurde, distanzlos rezipiert: „Die aus den Quellen ersichtliche Tatsache, dass es sich bei der Ochrana-These um ein Konstrukt handelt, das dem Ziel der öffentlichen Entlarvung der Protokolle als antisemitisches Machwerk und ihrer wirkungsvollen Bekämpfung diente, nicht aber der historischen Erkenntnis, ist von der Forschung nicht wahrgenommen und thematisiert worden“ (S. 10). Dem folgen Ausführungen zu den „Protokollen“, bezogen auf Inhalt und Verbreitung, danach zur „antisemitischen Internationale“ und dem Berner Prozess. Mit der „antisemitischen Internationale“ ist die länderübergreifende Kooperation von damaligen Judenfeinden gemeint, was von der Forschung ebenfalls übersehen wurde – obwohl bereits Hannah Arendt früh auf die internationale Dimension des Antisemitismus hingewiesen hatte.

Dem schließen sich umfangreiche Chroniken zunächst zum Berner Prozess und dann zu dem danach folgenden Basler Prozess um die „Protokolle“ an. Und schließlich präsentiert Hagemeister noch beachtenswerte Dokumente und gibt in Kurzbiographien wichtige Informationen zu den damaligen Akteuren. All dies wird jeweils mit genauen Quellen belegt. Als Ergebnis formuliert Hagemeister: „Die in Bern präsentierte Geschichte, mit der die Kläger den Ursprung der Protokolle lückenlos und geradlinig bis in die Pariser ‚Fälscherwerkstatt der Ochrana‘ nachzuzeichnen suchten, erweist sich jedoch in weiten Teilen als ein mit Hilfe zweifelhafter Zeugen sowie durch Selektion und Manipulation der Quellen verfertigtes Konstrukt, das der aktuellen Bekämpfung des antisemitischen Verschwörungsdenkens dienen sollte, nicht aber um gesicherte historische Erkenntnisse bemüht war“ (S. 133). Dennoch sei die Ochrana-These nach dem Berner Prozess gleichsam kanonisiert und nicht mehr kritisch hinterfragt worden.

Nimmt man nur dieses Endergebnis isoliert zur Kenntnis, dann könnte der Band fehlgedeutet werden. Denn Hagemeister, der durch einschlägige Publikationen seit Jahrzehnten ausgewiesen ist, geht es nicht um eine Aufwertung oder Verteidigung der „Protokolle“. Dass es sich um eine Fälschung handelt, bestreitet er nicht. Der Historiker nennt auch die einschlägigen Herkunftsnachweise, wurde der Text der „Protokolle“ doch offenkundig von John Retcliffes „Die Geheimnisse des Judenfriedhofs in Prag“ angeregt und aus Ab- und Umschriften von Maurice Jolys „Macht und Recht“ zusammengeschrieben (vgl. S. 54-59). Hagemeisters Erkenntnisse führen letztendlich dazu, dass die Frage der Urheberschaft wieder offen ist. Einschlägige Forschung muss aber nicht immer zu einem runden Ergebnis führen. Beachtenswert sind darüber hinaus die Ausführungen zur „antisemitischen Internationale“, kooperierten Judenfeinde doch schon zur damaligen Zeit länderübergreifend miteinander – und zwar nicht nur bei der Werbung für die „Protokolle“. 

Michael Hagemeister, Die „Protokolle der Weisen von Zion“ vor Gericht. Der Berner Prozess 1933 – 1937 und die „antisemitische Internationale“, (Veröffentlichungen des Archivs für Zeitgeschichte des Instituts für Geschichte der ETH Zürich, Band10), Zürich 2017 (Chronos-Verlag), 645 S., Bestellen?

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