Go South!

Im Negev liegt die Zukunft. Immer mehr Israelis zieht es in den Süden des Landes – allen voran die Armee…

Von Ralf Balke

Im Juli war es so weit. Nach nur drei Jahren Planung sowie zwei Jahren Bauzeit konnte das medizinische Zentrum der israelischen Streitkräfte für den Süden, eher bekannt unter seinem Akronym „Marpe Darom“, vor wenigen Wochen den Betrieb aufnehmen. Es ist inmitten des riesigen Areals der „Ir HaBahadim“, zu Deutsch „Stadt der Trainingscamps“, gelegen, die sich südlich von Beer Sheva nahe Yeruham befindet und ist zugleich das vierte seiner Art. Drei weitere befinden sich im Norden und der Mitte des Landes sowie in Jerusalem. Fortan kümmern sich mehrere hundert Ärzte und Pfleger im „Marpe Darom“ um 600 bis 800 Patienten am Tag. Die Kapazität soll auf 1.500 ausgebaut werden. Damit wäre es das mit Abstand das größte von Zahal. „Schließlich wächst die Zahl der Soldaten in der Region“, weiß Major Galit Bidner zu berichten. „Denn immer mehr von ihnen werden in den Süden des Landes verlegt“, so die Chefin des Militärhospitals.

Die feierliche Eröffnung des medizinischen Zentrums war nur ein Meilenstein bei der Umsetzung eines Masterplans mit dem Arbeitstitel „Projekt IDF – Aufstieg in den Negev“ der israelischen Streitkräfte, der im Jahr 2011 beschlossen wurde. Sein Ziel: Die Verlagerung von Großteilen der militärischen Infrastruktur in den Süden. Dafür gibt es zahlreiche gute Gründe. Zum einen nutzt Zahal aktuell zahlreiche Flächen in anderen Teilen des jüdischen Staates, vor allem im Gush Dan, dem Speckgürtel rund um Tel Aviv. Viele dieser Militärbasen wurden in den 1950er und 1960er Jahren errichtet, als das Gebiet noch nicht so dicht besiedelt war wie heute, was wiederum die Bewegungsmöglichkeiten einschränkt oder Erweiterungen bestehender Einrichtungen unmöglich macht. Deshalb ist man gerade dabei, sich aus Tel Hashomer, Glilot oder Givataim und der alten Sirkin Basis in Petach Tikva zu verabschieden. Zum anderen sind diese Grundstücke im Besitz von Zahal heute einige Milliarden Euro wert. Ein Verkauf würde also ordentlich Geld in die Kassen des Staates spülen, wodurch der Umzug in den Süden sich finanziell ohne weitere Belastungen für den Steuerzahler stemmen lässt. Ferner werden dadurch in den urbanen Zentren reichlich Flächen frei, die dann für den Bau neuer Stadtviertel und Wohnungen genutzt werden können, was im Idealfall zu ein wenig Entspannung auf dem israelischen Immobilienmarkt mit seinen Mondpreisen führen könnte.

Kernstück des Masterplans ist die Errichtung von „Ir HaBahadim“, auch „Camp Ariel Sharon“ genannt. 2015 wurde Israels modernste und mit weit über hundert Hektar Fläche zugleich größte Militärbasis, die parallel zu der Kirya, dem Hauptquartier der israelischen Streitkräfte in Tel Aviv, als wichtigste Schaltzentrale Zahals dienen soll, bezugsfertig. Das Investitionsvolumen für das ambitionierte Projekt beträgt insgesamt rund zehn Milliarden Euro. Über 10.000 Soldaten dienen in den verschiedenen Gebäudekomplexen, die unter anderem die technische Hochschule der Armee oder die Einheit C4I (Kommando, Kontrolle, Kommunikation und Information) beherbergen. Natürlich ist alles State of the Art – nichts erinnert an die rustikalen Militärcamps von einst. Überall kommt modernste Technik zum Einsatz, die Soldaten können an Simulatoren alle nur möglichen Szenarien durchspielen oder werden hochprofessionell medizinisch geschult. „Mehr als 1.000 verschiedene Aus- und Fortbildungskurse für alle Dienstränge gibt es bereits in Ir HaBahadim“, fasst ihr Befehlshaber, Colonel Avi Motala, zusammen. „Darunter viele Angebote für Ärzte, Mechaniker oder auch Fahrer.“ Zur Verfügung stehen außerdem zwei Synagogen, ein Sportzentrum, Bibliotheken und ein Kinokomplex.

„Die ganze Region profitiert gewaltig von der Verlagerung der Armeebasen Richtung Süden“, betont Hezi Meshita, seines Zeichens Brigadegeneral und mitverantwortlich für die Umsetzung des Plans. „Auf kommunaler Ebene erhalten die Bewohner des Negev einen besseren Zugang zu Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten. Zudem wird die gesamte Infrastruktur aufgewertet, was zu einer Verbesserung der Lebensqualität im Allgemeinen führt.“ Über 2.000 neue zivile Jobs dürfte das Ganze mit sich bringen. Wenn „Ir Habahadim“ sowie die anderen Militärbasen wie das neue Zentrum für die nachrichtendienstliche Arbeit in der nahen Ortschaft Omer dann komplett fertig sein werden und auch die Luftwaffen-Basis Nevatim ausgebaut ist, werden insgesamt rund 50.000 Militärangehörige im Negev stationiert sein – fast das dreifache der früheren Manpower. „Wir hoffen, dass vor allem die Berufssoldaten die richtige Entscheidung treffen werden und mit ihren Familien hierherziehen“, sagt Meshita. „Dadurch wird die Bevölkerung im Süden weiter wachsen.“

Der Negev befindet sich nicht zuletzt durch die Verlagerung von Militärbasen gewaltig im Umbruch. Einst war die Region so etwas wie der vernachlässigte Hinterhof des jüdischen Staates, der aller Propaganda zum Trotz lange Zeit in allererster Linie als Mülldeponie genutzt wurde oder wo man in trostlosen Entwicklungsstädten Neueinwanderer unterbrachte. Doch das ist mancherorten bereits heute Vergangenheit. Beispielhaft der neue Advanced Technologies Park (ATP) in Beer Sheva, wie bereits 70 Hightech-Unternehmen residieren, darunter Telekommunikation- und IT-Giganten wie PayPal, IBM oder die Deutsche Telekom. Die renommierte Ben Gurion Universität sorgt dafür, dass der Nachschub an qualifizierten Arbeitskräften nicht abreisst. Und genau dieses Potenzial will ebenfalls die Armee anzapfen.

In manchen Ortschaften der Umgebung spürt man bereits die Veränderungen. „Die Verlagerung von Einrichtungen der Armee in den Süden ist für uns eine große Chance“, bringt es Yaniv Afuta,  Sprecher der Stadtverwaltung von Yeruham, nur zehn Autominuten von „Ir HaBahadim“ entfernt, auf den Punkt. 1951 von Neueinwanderern aus Rumänien, Nordafrika und Indien gegründet, zählte die Kleinstadt mit ihren 10.300 Einwohnern lange zu den Problemorten mit hoher Arbeitslosigkeit und wenig Perspektiven. „Jetzt haben wir bereits einen Mangel an Wohnungen, weshalb gerade Häuser für 3.000 Familien im Bau sind.“ Auch im 20 Kilometer südlich von Beer Sheva gelegenen Ofakim mit seinen 25.000 Einwohnern rechnet man mit viel Zuzug. Überall wird kräftig gebaut es entstehen rund neue 14.000 Wohneinheiten. Die Argumente liegen auf der Hand: Die neue Zugverbindung macht es möglich, von Ofakim innerhalb von 15 Minuten nach Beer Sheva oder innerhalb einer guten Stunde nach Tel Aviv zu pendeln. Und das Beste: Neben den deutlich niedrigeren Immobilienpreise ist es die Ruhe des Negev, die die gesamte Region so attraktiv macht  – vorausgesetzt diese wird nicht durch die zunehmenden Aktivitäten des Militärs gestört.  

Bild oben: Wegweiser zum Militärlager Sharon (Ir haBahadim) im Negev, (c) Danny-w

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