„… dass nach der Nacht der Nazi-Barbarei die Freiheit siegen und die Periode des Sozialismus anbrechen muss“

Zum 75. Todestag von Ludwig Czech sel A…

Von Monika Halbinger

Seit 2005 erinnert eine Gedenktafel[1] in der Třída Milady Horákové (ehemalige Französische Straße) 24/26 in Brno/Brünn an den bedeutenden österreichisch-tschechischen Sozialdemokraten Ludwig Czech. Mit diesem Erinnerungsort, der eng mit Czechs politischem Wirken verbunden ist,[2] soll dem allgemein wenig bekannten Politiker der ihm gebührende Platz im öffentlichen Bewusstsein verschafft werden. Ludwig Czech verstarb am 22. August 1942 im KZ Theresienstadt an den Folgen einer Lungenentzündung.[3] Seine Witwe Lilly Czech erzählte später bitter, dass ihr Mann auf einem anonymen Gräberfeld vor der Stadt verscharrt wurde: „Das Vaterland, das uns fremd geworden, hat ihn verleugnet“.[4]

1870 wurde Czech im galizischen Lemberg, heute in der Ukraine gelegen, in eine jüdische, ursprünglich aus Mähren stammende Familie geboren. Er war das zweitältestes von sieben Kindern eines Bahnbeamten, der mit seinem Einkommen kein Auskommen fand. Auch die Eröffnung eines Kaffeehauses konnte die finanzielle Misere nicht mindern und so kehrte die Familie 1873 nach Brünn zurück. Sein Jus-Studium in Wien finanzierte Ludwig Czech später mit Nachhilfe und als Stenograph. Czechs Vater, der selbst seine akademische Ausbildung aus ökonomischen Gründen abbrechen musste, hätte nur allzu gerne jedes seine Kinder unterstützt, letztlich war dies nur für den ältesten Sohn möglich.

Während seines Aufenthalts in der Hauptstadt der Habsburger-Monarchie machte Ludwig Czech die Bekanntschaft mit Viktor Adler, dem Mitbegründer der österreichischen Sozialdemokratie, die sein Leben nachhaltig prägen sollte. Czech bekannte sich fortan zur Sozialdemokratie und verzichtete auf eine bürgerliche Juristenkarriere in Wien, ähnlich wie Viktor Adler, der seine Stellung als Arzt für die Sozialarbeit eingetauscht hatte. Das Studium des Rechts war für Czech vor allem ein Anliegen des Strebens nach solidarischer Gerechtigkeit, und sicherlich hatte ihn auch die eigene familiäre Situation für soziale Fragen sensibilisiert. Czech kehrte nach Abschluss seiner Studien 1893 nach Brünn zurück. 1897 übernahm er die Redaktion des sozialdemokratischen Parteiblatts „Volksfreund“. Er engagierte sich desweiteren im Arbeiterbildungsverein, wurde sozialpolitisch aktiv und gründete 1903 die erste Bezirkskrankenkasse der k.u.k. Monarchie, in der zum ersten Mal – für die damalige Zeit geradezu revolutionär – auch Angehörige mitversichert wurden.

1899 setzte sich Czech auf dem Parteitag der österreichischen Sozialdemokraten für die gleichen Rechte aller Völker in der Donaumonarchie ein. In der österreichischen Sozialdemokratie gab es eine Reihe von Personen, wie beispielsweise Engelbert Pernerstorfer, die eine Hegemonie der deutsch(sprachig)en Kultur präferierten und nicht so sehr emanzipatorischen Ansprüchen, denn paternalistischen Vorstellungen folgten. Für Czech, der selbst Tschechisch sprach, war das Zusammenleben mit Tschechen eine Selbstverständlichkeit und somit setzte er seit jeher auf das gleichberechtigte Miteinander unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen. Diese übernationale Haltung erweckte jedoch das Misstrauen bei vielen Sozialdemokraten aus den nordböhmischen, meist ausschließlich deutschsprachigen Kerngebieten. Alfred Pfabigan hat im Austromarxismus ein „Defizit an Empathie gegenüber den sich als benachteiligt erlebenden nicht-deutschen Völkern“ konstatiert.[5]

Es ist unter anderem auch Ludwig Czech integrativen Bemühungen zu verdanken, dass es nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie zu einer Zusammenarbeit der verschiedenen sozialdemokratischen Landesorganisationen in den böhmischen Ländern kam. Ende August 1919 leitete Czech in Teplice/Teplitz den Parteitag zur Gründung der Deutschen Sozialdemokratischen  Arbeiterpartei der Tschechoslowakei (DSAP). Dort wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden von Josef Seliger gewählt, dem er 1920 nach dessen Tod im Amt nachfolgte.

Ab 1929 war Czech in der tschechischen Regierung vertreten, zunächst als Fürsorgeminister. Auf die Wirtschaftskrise von 1930 reagierte er mit der Verteilung von Lebensmittelgutscheinen, den sogenannten Czech-Karten. Die Lage verschärfte sich aber weiterhin, was sich auch in steigenden Arbeitslosenzahlen widerspiegelte. In diesen schwierigen Zeiten übernahm Czech 1934 das Amt des Arbeitsministers. Als 1935 die Sudetendeutsche Partei von Konrad Henlein einen erdrutschartigen Sieg errang, wurde deutlich, dass sich viele Arbeiter gegenüber dem Faschismus nicht als immun erwiesen. Gleichwohl war die Haltung der Sozialdemokratie in der Tschechoslowakei – und dies muss ihr hoch angerechnet werden – dem Nationalsozialismus gegenüber kompromisslos, was in Wenzel Jakschs viel zitierter Äußerung „Wir wollten nicht mit den Massen irren“ Ausdruck fand. Von 1935 bis 1938 fungierte Czech dann als Gesundheitsminister. Obgleich Czech in den 1930er Jahren vielen Sozialdemokraten bei der Realisierung ihrer Emigrationspläne half, nahm er ein ihm zu Verfügung stehendes niederländisches Visum nicht in Anspruch. Er blieb in Brünn, von wo er Mitte März 1942 gemeinsam mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert wurde.

Dass Ludwig Czech heute als schwächster aller drei Vorsitzenden der böhmischen Sozialdemokratie gesehen wird, erklärt der Historiker Thomas Oellermann unter anderem mit den Persönlichkeiten seines Vorgängers und Nachfolgers: Während Josef Seliger als Gründungsvater im sozialdemokratischen Kollektivgedächtnis verankert ist, erinnere man sich an Wenzel Jacksch vor allem als Gegner des Nationalsozialismus, als Gegner Edvard Beneš` und als Gegner der Vertreibung.[6]

Auch Antisemitismus und Czechs vergleichsweise liberal-inklusive Haltung in der Nationalitätenfrage dürften bei der zeitgenössischen Rezeption, die bis heute nachwirkt, von Bedeutung gewesen sein. Nicht wenigen sozialdemokratischen Weggefährten war die angeblich hohe Anzahl jüdischer Funktionäre in ihren eigenen Reihen ein Dorn im Auge; hier spielten eigene Ressentiments, aber auch unsolidarische, strategische Überlegungen, dass der Ruf einer „jüdischen Partei“ dem Wahlerfolg abträglich sein könnte, eine Rolle.

Aufgrund der Quellenlage ist es heute schwierig, die Relevanz des Judentums in Czechs Leben einzuschätzen. Es gibt wenig Egodokumente, Ludwig Czech hat keine Erinnerungen verfasst. In persönlichen Berichten über ihn, wird das Judentum nicht thematisiert. In der offiziellen Todesfallanzeige aus Theresienstadt ist unter Religion „konfessionslos“ vermerkt, was nahe legt, dass er aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten war. Dies war in den häufig, aber nicht zwingend notwendig religionsfernen sozialdemokratischen Milieus nicht ungewöhnlich. Dennoch ist bei Czech wie auch bei vielen seiner jüdischen politischen Mitstreiter anzunehmen, dass Wertvorstellungen jüdischer Sozialethik, die auch noch in der religiösen Praxis entfremdeten Familien tradiert wurden, unbewusst eine Rolle spielten. Sicherlich war Czech aufgrund seiner politischen Haltung und exponierter Stellung als sozialdemokratischer Funktionär verfolgt worden, am Ende wurde er aber als Jude ermordet.[7]

Czechs unbeugsamer Optimismus, dass die von ihm vertretenen Werte (die auch säkularisierte jüdische Werte waren), überleben würden, fand auch in einem Nachruf auf ihn Erwähnung. Kurz nach seinem Tod war in der Austria Labor Information, dem Mitteilungsblatt des Austrian Labor Committee, das die österreichischen Sozialisten in US-amerikanischen Exil vertrat, zu lesen: „… [W]ir, die Czechs Kraft und Beharrlichkeit im Glauben an den Sozialismus kennen, wissen, dass er auch im Konzentrationslager keinen Augenblick daran gezweifelt hat, dass nach der Nacht der Nazi-Barbarei die Freiheit siegen und die Periode des Sozialismus anbrechen muss.“ [8]

Es lohnt sich an Ludwig Czech zu erinnern, nicht zuletzt weil er eine eher kosmopolitisch orientierte, unterschiedliche Kulturen wertschätzende, auf universelle Gerechtigkeit ausgerichtete, von Antisemiten als „jüdisch“ diffamierte Sozialdemokratie vertrat, die sich auch heute noch gegen rechte, exkludierende Tendenzen in den eigenen Reihen behaupten muss.

[1] Die Tafel ist zweisprachig, sowohl in tschechischer als auch deutscher Sprache verfasst. Die Inschrift in deutscher Sprache lautet: „Minister mehrerer Regierungen der ČSR, Vorsitzender der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik. Redakteur der Tageszeitung Volksfreund und Reformer der Brünner Bezirkskrankenkasse“

[2] Hier befand sich das Kreissekretariat der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei, die Redaktion des „Volksfreund“ und die Bezirkskrankenkasse.

[3] Dieses Datum geht aus der Todesfallanzeige aus Theresienstadt hervor. In der Literatur ist häufig die Nacht vom 19. auf 20. August als Todesdatum genannt. Siehe: http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/80109-czech-ludwig-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/

[4] Lothar Pollähne: Der unbeugsame Demokrat, 17. August 2012, https://www.vorwaerts.de/artikel/unbeugsame-demokrat

[5] Zitiert nach: Günther Sander: Austromarxismus und Multikulturalismus, in: Kakanien Revisited 2002, S. 10.

[6] Anwalt, Arbeiterführer und Minister. Der Sozialdemokrat Ludwig Czech. http://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/anwalt-arbeiterfuehrer-und-minister-der-sozialdemokrat-ludwig-czech

[7] Seine Frau Lilly überlebte Theresienstadt, kehrte nach Brünn zurück, wo sie trotzt der erlittenen Verfolgung als „Deutsche“ klassifiziert keinerlei staatliche Unterstützung erhielt. Über England kam sie schließlich nach Wien, wo sie in den 1950er Jahren einsam in einem Altersheim verstarb. Das Ehepaar Czech war kinderlos. Nachfahren von Ludwig Czechs jüngstem Bruder Emil, der in der Shoah ermordet wurde, leben – zumindest war dies noch 2004 der Fall – in Brünn. Siehe: Dora Müller: Ludwig Czech: eine der größten Gestalten der europäischen, österreichischen sowie deutschen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung der ersten tschechoslowakischen Republik, Brünn 2004, S. 40/42.

[8] Ludwig Czech in Theresienstadt gestorben, in: Austrian Labor Information 1942, Heft 8, S. 9.

Bild oben: http://www.cssdbojkovice.wbs.cz/Osobnosti-Socialni-demokracie.html