Comeback des Kibbutz

Die Israelis zieht es zurück in die landwirtschaftlichen Kollektivsiedlungen. Dafür gibt es zahlreiche Gründe…

Von Ralf Balke

Totgesagte leben länger. Mit ihrem sozialistischen Vorstellungen von einem Kollektiv, das alles teilt und gemeinsam das Land bewirtschaftet, waren die Kibbutzim viele Jahrzehnte hinweg so etwas wie das Aushängeschild des jungen Israels. Privateigentum war unbekannt, den Nachwuchs erzog man getrennt von seinen Eltern im eigenen Kinderhaus und bereits Tischdecken im Speisesaal galten als Symbol bürgerlicher Dekadenz. Doch dann kam in der 1980er Jahren die Krise. Zum einen waren die landwirtschaftlichen Kollektivsiedlungen nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch den Likud im Jahre 1977 nicht mehr länger die hochsubventionierten Hätschelkinder der Arbeitspartei, zum anderen hatten sich viele von ihnen bei dem Versuch, Industriebetriebe aufzubauen, finanziell massiv übernommen.

So wie der Kibbutz Mishmar HaNegev wenige Kilometer nördlich von Beer Scheva. „Wir dachten, wir könnten Millionen machen“, erklärte sein sichtlich enttäuschter Sekretär Yaacov Wolfman. Dort war man Anfang der 1980er Jahre auf die Idee gekommen, Spannungsprüfgeräte zu produzieren. Gesagt getan, es wurde eine kleine Fabrik hochgezogen. Natürlich auf Kredit. Doch das Produkt floppte – nicht zuletzt deswegen, weil niemand das Know-how besaß, wie so ein überhaupt Gerät vermarktet wird. „Der Betrieb musste wieder dicht gemacht werden und wir hatten eine Menge Geld verloren.“ Am Ende war es ein Schuldenberg von umgerechnet fast 16 Millionen Euro. Und Mishmar HaNegev war kein Einzelfall.

Über vielen der rund 275 landwirtschaftlichen Kollektivsiedlungen schwebte deshalb in den 1990er Jahren der Pleitegeier. Und allein zwischen 1984 und 2004 verließen 50.000 Israelis ihren Kibbutz, nur wenige zogen neu hinzu. Aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen suchte vor allem der Nachwuchs das Weite. Die meisten störte die Enge und soziale Kontrolle. Sie fühlten sich durch das starre Regelwerk im Alltagsleben gegängelt und wollten mehr individuelle Freiheiten. Doch irgendwann vor einigen Jahren setzte die Wende ein. Zahlreiche Kibbutzim hatten alten ideologischen Ballast über Bord geworfen. Das geschah nicht überall ganz freiwillig und war oft mit reichlich Streit und Diskussionen verbunden, aber die wirtschaftlichen Zwänge ließen ihnen keine andere Wahl. Man erlaubte den Mitgliedern größere Freiheiten wie den Besitz von Privatautos, outsourcte Dienstleistungen oder beschäftigte Arbeitsmigranten aus Asien und öffnete sich stärker externen Interessenten, die sich dort ansiedeln wollten. Kurzum, sie wurden einfach kapitalistischer. Selbst Time-Sharing-Ferienwohnungen auf ihrem Gelände, die teuer verkauft wurden, waren plötzlich kein Teufelszeug mehr. Und nun wollen wieder mehr Israelis in den Kibbutzim leben. Das hat aber nicht immer was mit Sozialismus und Nostalgie zu tun.

„Ich hatte irgendwann die Nase voll von der Stadt“, bringt es stellvertretend für viele Liat Mack auf den Punkt. Sie selbst war im Kibbutz Mevo Hama auf dem Golan aufgewachsen, zog aber 2011 mit ihrem Mann Harel, ebenfalls ein Kibbuznik, nach Jerusalem, wo sie drei Töchter bekamen. „Wir suchten einfach mehr Lebensqualität und wollten nicht länger die absurden Mieten bezahlen.“ Auch Hadar Shlomo, einst im Kibbutz Nir Am im Süden des Landes geboren, ging nach dem Militärdienst weg und kehrte nun nach vielen Jahren zurück. Sie erinnert sich noch mit Schrecken an die Zeiten von damals, als alle Familien zur selben Zeit in den Speisesaal stürmten, um dort kollektiv über das Essen herzufallen. Oder dass ihnen nur zwei paar Schuhe im Jahr zustanden, eines für den Winter und eines für den Sommer. Doch damit war irgendwann Schluss. „Der Kibbutz, in den ich zurückkehrte, war nicht mehr derselbe“, betont sie. „Und das ist auch gut so.“ Ihr Entschluss, wieder in Nir Am zu wohnen, hat auch viel mit ihren Kindern zu tun. „Sie können sich hier freier und ungezwungener bewegen als in der Großstadt.“ Dort fühlte sich Hadar Shlomo wie eine Logistikerin, die rund um die Uhr Fahrten mit dem Auto zur Schule oder zum Sportunterricht organisieren musste.

Es sind aber nicht nur ehemalige Kibbutznikim, die zurückziehen. Auch viele andere und vor allem gut ausgebildete junge Israelis entdecken die landwirtschaftlichen Kollektivsiedlungen als Ort, wo es sich einfach gut leben lässt – besonders dann, wenn man Kinder hat. Sie sind genervt von unbezahlbarem Wohnraum und der Enge in Tel Aviv, haben keine Lust auf die anonyme Langeweile von Vororten wie Ra’anana oder Kfar Saba oder wollen dem Leben im Hamsterrad von Job und Alltag entfliehen und sich selbst verwirklichen. Und die Umwelt ist oft sauberer. „Die Yuppies kommen“, wird mancherorten deshalb über die Neuankömmlinge gelästert. Entsprechend lang sind die Listen von Kandidaten, die sich um eine Mitgliedschaft im Kibbutz bewerben oder dort einfach nur wohnen wollen. So berichtet Oren Anoch, zuständig für die Verwaltung der Kibbutzim Erez und Gat im Süden, dass in den vergangenen 18 Monaten 35 neue Familien allein in den Kibbutz Erez gezogen waren und sich 20 weitere auf einer Warteliste befinden. Und Kibbutz Gat zählt sogar 200 Familien, die unbedingt dort leben wollen – selbst die Nähe zum Gazastreifen scheint sie nicht abzuschrecken. Die Zahl der Israelis, die in einem Kibbutz leben, nähert sich deshalb auch der 150.000-Grenze – das wäre ein Rekord in seiner Geschichte. Offenbar gibt es auch eine neue Sehnsucht nach Gemeinschaft. Kibbutz Gat betreibt noch einen Speisesaal nach altem Muster und im Kibbutz Erez überlegt man, einen solchen erneut einzurichten. „Der Kibbutz ist in mancher Hinsicht wieder das, was er einmal war. Aber ohne die schlechten Seiten“, kommentiert Oren Anoch diese Entwicklung. „Am Ende gibt es vielleicht sogar wieder die berühmten Kinderhäuser“, meint er nicht ganz ernst. Denn das letzte seiner Art in Israel hatte 1991 dicht gemacht.

Überall in den Kibbutzim wird daher kräftig gebaut. So wie im Kibbutz Mizra in der Emek-Ebene im Norden. Allein im vergangenen Jahr gab es dort 100 Neuzugänge, weitere 130 sind auf der Warteliste. 121 Wohneinheiten sind daher geplant oder bereits im Bau. Sogar für nichtjüdische Mitglieder scheinen sich die Kibbutzim neuerdings zu öffnen. Im Kibbutz Eilan nahe der libanesischen Grenze hieß man jüngst die fünfköpfige Beduinenfamilie Mazal als Mitglieder willkommen. Sie war schon lange mit dem Kibbutz freundlich verbunden. Und jüngst sorgte eine landwirtschaftliche Kollektivsiedlung für Schlagzeilen, die sich über Jahrzehnte hinweg gegen alle Veränderungen gewehrt hatte und im wahrsten Sinne des Wortes „Old School“ blieb – aber auch nur deshalb, weil sie in Geld sprichwörtlich schwamm: Kibbutz Maabarot nahe Netanya, Besitzer und Betreiber des äußerst lukrativen Babynahrungsunternehmen Materna. Nun hatte man auch die restlichen 49 Prozent seiner Anteile an dieser Cash-Cow für knapp 150 Millionen Euro an Osem-Nestlé verkauft. Theoretisch kommen nun jedem der 500 Mitglieder des Kibbutz mehrere Zehntausend Euro zu. Offensichtlich kann die Mitgliedschaft in einem Kibbutz neuerdings auch für persönlichen Reichtum sorgen.

Bild oben: Schawuot im Kibbutz Gan Shmuel, 1959, (c) www.pikiwiki.org.il