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Alfred Flechtheim, Kunsthändler der Moderne

Der jüdische Kunsthändler Alfred Flechtheim (1878–1937) war Verleger und Mäzen mit einer Vorliebe für die Moderne. Er wurde der einflussreichste deutsche Kunsthändler der 1920er-Jahre. Eine Ausstellung zeigt „seine“ Bildhauerinnen und Bildhauer der Moderne…

Von Yvonne de Andrés

„Er war ein Mann, den man, wenn man ihn einmal gesehen hatte, nie vergessen wird, ein Mensch, der einen großen ‚sense of humor‘ hatte, aber kein großes Interesse am Geldverdienen, sondern hauptsächlich Liebe zur Kunst und Liebe zu Künstlern und Freunden, der also eigentlich kein Geschäftsmann war. […] Aber er betrachtete sich als Pionier, und er war sicher einer der ersten, der in Deutschland die großen Künstler des 20. Jahrhunderts gekauft und verkauft hat“, berichtet Gustav Kahnweiler im Interview, 1986.

Engagierter Verfechter der Moderne

1921 verlagerte der leidenschaftliche Kunstsammler Alfred Flechtheim den Hauptsitz seiner Galerie von Düsseldorf nach Berlin. Die 1920er-Jahre gelten als seine erfolgreichste Zeit. Aus Paris hatte er Bilder von Picasso und Renoir mitgebracht. Zahlreiche Werke konnte er erfolgreich in nationalen und internationalen Sammlungen platzieren und für viele „seiner“ Künstlerinnen und Künstler markierte die Zusammenarbeit mit der Galerie den Zenit ihres künstlerischen Erfolges. Er vermarktete nicht nur Kunstwerke, sondern zelebrierte einen kulturellen Zeitgeist, der das Neue auf vielen Ebenen suchte. Die Kunst war für ihn mehr als ein bloßes Geschäft; sie war eine Leidenschaft, die er früh als Sammler entdeckt hatte und die er als Kunsthändler stets förderte. Durch ihn fanden viele herausragende Werke in die Sammlungen deutscher Museen.

Bekannt ist Flechtheims Engagement für die Malerei, etwa für Vincent van Gogh, Pablo Picasso, George Grosz und Max Beckmann. Die moderne Skulptur war jedoch in seinen Ausstellungen von Beginn an ebenbürtig vertreten, dennoch wurde dieser wichtige Aspekt bisher kaum beleuchtet. 

Wichtiger Vermittler moderner Skulptur

Erstmalig wird in der Sonderausstellung im Georg-Kolbe-Museum sein Engagement und seine Leidenschaft für die Bildhauerkunst präsentiert. Darunter befinden sich Werke von Georg Kolbe, Ernst Barlach, Arno Breker, Edgar Degas, Ernesto de Fiori, Rudolf Belling, Aristide Maillol und Renée Sintenis. Die Ausstellung skizziert sein öffentliches Leben als Kunsthändler und dokumentiert seinen Einfluss auf die moderne Bildhauerei der 1920er-Jahre. Spannend ist dabei, welche unterschiedlichen Beziehungen er zu seinen Künstlern führte. 

Besonders interessant ist Flechtheims Verhältnis zu arrivierten Künstlern wie Georg Kolbe, zu Arno Breker, der im Nationalsozialismus zum Staatskünstler aufstieg, zu Moissey Kogan, der in Auschwitz ermordet wurde oder zu Renée Sintenis. Renée Sinteniswurde nach abgebrochenem Schulabschluss und Kunstgewerbeschule Modell bei Georg Kolbe. 1913 begann sie, in der Berliner Sezession auszustellen. Alfred Flechtheim wurde ihr Galerist und präsentierte von 1920 bis 1933 zahlreiche Gruppenausstellungen mit Plastiken und Zeichnungen von ihr.  Er stilisierte sie zur androgynen Künstlerin, die in den 1920er-Jahren ihre größten Erfolge feierte. Sie gehörte dem inneren Kreis um Flechtheim an. 1931 wurde Sintenis als erste Bildhauerin Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten als „Halbjüdin“ bezeichnet, wurde die Künstlerin 1934 aus der Akademie ausgeschlossen, konnte jedoch in der Reichskulturkammer verbleiben und weiterarbeiten. Durch die Aktion „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 wurden ihre Werke in den Museen von Berlin, Erfurt, Düsseldorf und Bremen beschlagnahmt. Sehr detailliert werden in den diversen Vitrinen diese sehr unterschiedlichen Verhältnisse zwischen Flechtheim und seinen Künstlern präsentiert.

Zeitgeistmagazin

Ebenfalls innovativ war sein reich illustriertes Magazin „Der Querschnitt‒Das Magazin der aktuellen Ewigkeitswerte“, das ursprünglich als Mitteilungsblatt seiner Galerie initiiert wurde und ab November 1924 als Kulturzeitschrift im Propyläen Verlag erschien. „Der Querschnitt“ fungierte als ein Zeitgeistmagazin, in dem die moderne Literatur wie Hemingway, Proust, Pound, Joyce und Kunst wie Picasso, Leger, Chagall, Sintenis oder de Fiori ihren Platz fanden neben „Celebreties“ wie Max Schmeling. „Wenn ich Maler wäre“, schwärmte Max Schmeling, „möchte ich in Flechtheims Stall sein.“

Der dandyhafte libertäre Flechtheim wurde schnell zur Zielscheibe der nationalsozialistischen Propaganda. Er entschied sich im Oktober 1933 zur Emigration nach England. Alfred Flechtheim verlor durch die Nationalsozialisten die Grundlage seiner Tätigkeit, viele der von ihm vertretenen Künstlerinnen und Künstler galten als „entartet“. Alfred Flechtheim starb 1937 in seinem Londoner Exil.

Erst als die Erben von Hildebrand Gurlitt ein Bild von Max Beckmann aus Flechtheims einstigem Besitz in eine Auktion gaben, ist eine wichtige Debatte um die Restitution unrechtmäßig entzogenen Kulturguts wieder in eine größere Öffentlichkeit gerückt. Damit ist sein Name wieder häufiger gefallen. Die sehenswerte Ausstellung im Georg Kolbe Museum lenkt den Blick auf sein Wirken und ein besonderes Kapitel der Berliner Zeitgeschichte. 

Georg Kolbe Museum
Sensburger Allee 25
14055 Berlin

Täglich geöffnet zwischen 10.00 und 18:00 Uhr

Öffentliche Führungen: Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag jeweils um 14 Uhr

Eintritt: 7,− €
Ermäßigung: 5,− €

http://www.alfredflechtheim.com

Fotos: (c) Yvonne de Andrés