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Yiddish Summer Weimar: The Other Israel

In Weimar ist wieder Festival-Zeit mit Klezmer- und israelischer Musik…

Von Roland Kaufhold

Das dreistöckige alte Gebäude mit dem gepflasterten Hinterhof fällt auf in Weimar: Immer wieder bleiben Passanten wegen des Neugierde weckenden Erscheinungsbildes des Gebäudes stehen: Die oberste Etage hat noch die alten, morbiden Fenster. In den darunter liegenden Etagen wurde in den vergangenen acht Jahre mit Renovierungen begonnen, das meiste davon in Eigeninitiative. Betreiber ist seit 2009 die Initiative OMA: Die Other Music Academy.

Ab heute ist es hier jedoch weniger beschaulich, dafür lebendig, musikalisch – und vor allem international: Die in der Weimarer Ernst-Kohl-Straße 23 gelegene OMA ist für vier Wochen das musikalisch-organisatorische Zentrum des traditionsreichen Yiddish Summer. Das umfangreiche Veranstaltungsprogramm mit dem Schwerpunkt Klezmermusik hat soeben begonnen und dauert noch bis zum 12. August.

Weimar als Veranstaltungsort mag überraschen: Es gibt in Weimar keine jüdische Gemeinde, die nächstgelegene jüdische Gemeinde befindet sich in Erfurt. Auch deshalb werden einige der Konzerte auch in Erfurt stattfinden. Inspirierender Motor dieses höchst außergewöhnlichen, internationalen Projektes ist der 62-jährige Alan Bern. Nach Weimar kommt Alan seit 1999 regelmäßig, obwohl er seinen festen Wohnsitz in Berlin hat.

Alan Bern ist für sein Weimarer Engagement mehrfach ausgezeichnet worden: In diesem Jahr mit dem Thüringer Verdienstorden, 2016 erhielt er den Weimar Preis. So verwundert es nicht, dass Alan Bern in Weimar eine bekannte Erscheinung ist. Seit 1987 lebt er in Berlin – und kommt doch regelmäßig in seine neue Wahlheimat Weimar. Den Antisemitismus hat der Jude Alan Bern nie vergessen, die mörderische deutsche Geschichte auch nicht. Am liebsten oder gerade wegen der Notwendigkeit zum Erinnern möchte der Pianist jedoch Brücken bauen – vor allem musikalische Brücken. Die Klezmer-Musik, das Improvisieren und seine interkulturellen Projekte erleichtern sein die nationalen und sprachlichen Grenzen überschreitendes Engagement.

In diesem Jahr steht das Weimarer Klezmer-Festival unter dem Motto: The Other Israel: Seeing Unseen Diasporas. Israel ist ein Kaleidoskop entwurzelter Kulturen aus zahlreichen Teilen der Welt. Vorstellen möchte man deshalb nicht nur die europäisch-jiddische Kultur, sondern auch die des Irak, Marokkos, Äthiopiens, des Jemen und Russlands. Zahlreiche Künstler und Dozenten aus Israel werden nach Weimar kommen.

Geboten werden in diesen vier Wochen weiterhin Schnupperkurse Jiddischer Tanz, eine Jugendklezmerband, ein Shabes-inspirierter Begegnungsabend und eine Dokumentarfilmreihe.

KADYA Jugendchor, (c) Efrat Mazor

Übersicht der Veranstaltungen: http://yiddishsummer.eu

Eine ausführlichere Version dieses Beitrags erschien am 15.07.2017 im Neuen Deutschland.
Bild oben: Gulaza, Foto: Ronengoldman.com

Interview mit Marie Czarnikow vom Yiddish Summer Weimar

Von Roland Kaufhold

Das Yiddish Summer Weimar-Festival hat eine bereits erstaunlich lange Tradition. Wann war Euer erstes Festival in Weimar?

1999 wurde Dr. Alan Bern im Rahmen des Kulturstadtjahrs mit seiner Band Brave Old World für einen Klezmerworkshop nach Weimar eingeladen. Das Echo von den Teilnehmenden war so positiv, dass aus diesem Workshop die Klezmerwochen Weimar entstanden. 2006 wurde das Festival in Yiddish Summer Weimar umbenannt, denn neben Klezmermusik sollten die ganze Bandbreite der osteuropäisch-jüdischen Kultur und ihre interkulturellen Verflechtungen in den Blick genommen werden. Seitdem beschäftigen wir uns beim Festival also auch mit jiddischem Tanz und Theater sowie jiddischer Sprache und jiddischen Traditionen. Darüber hinaus wählen wir in jedem Jahr einen anderen interkulturellen Fokus: Bisher haben wir uns beispielsweise mit den Beziehungen von Roma- und jiddischer Kultur und dem gemeinsamen Erbe von deutscher und jiddischer Kultur beschäftigt.

„The Other Israel“ lautet in diesem Jahr Euer Festival. Was genau ist darunter zu verstehen?

In Israel leben heute Menschen gemeinsam in einem Land, deren Vorfahren jahrhundertelang in der Diaspora gelebt und dort eine eigene Kultur entwickelt haben. Israel ist also kein homogenes Land, vielmehr sprechen wir von einem Kaleidoskop der Kulturen, das oft nicht wahrgenommen wird. Mit dem Motto „The Other Israel. Seeing Unseen Diasporas“ wollen wir für verschiedene Diasporakulturen aus Israel, beispielsweise jiddische, judäo-arabische und jemenitisch-jüdische Kulturen, in Weimar einen Begegnungsraum schaffen.

Die Konzerte finden nicht nur in Weimar statt, sondern auch in anderen Städten. Wo genau und mit welchen Gruppen?

Da wir erstmals zwei Austauschprojekte mit israelischen Partnern umsetzen – den KADYA Jugendchor und das CARAVAN Orchestra – finden zwei Konzerte in Israel (in Tel Aviv-Jaffa und Haifa) statt. Der Großteil der Veranstaltungen findet in Weimar statt. Seit einigen Jahren schon bieten wir innerhalb des Festivals die Reihe „Yiddish Summer Weimar goes Erfurt“ an und bespielen dort die Kleine und Alte Synagoge. Außerdem findet ein Konzert im Prager Haus Apolda statt.

Alan Bern, (c) R. Kaufhold

Motor des Yiddish Summer ist seit 2009 Dr. Alan Bern. Alan stammt aus den USA, lebt aber bereits seit 1987 in Berlin. Was glaubst Du, zieht ihn immer wieder in das eher beschauliche Weimar?

Mittlerweile ist mit dem Yiddish Summer Weimar und der Other Music Academy in Weimar eine Gemeinschaft entstanden, die sich jeden Sommer dort trifft, gemeinsam musiziert, tanzt und diskutiert. Alan Bern schätzt sehr, dass sich hier in jedem Sommer viele Menschen aus der jiddischen Szene genau wie aus Thüringen und ganz Deutschland begegnen und neue jiddische Kultur schaffen.

Am Samstag war die Eröffnungsveranstaltung. Wieviel Zuschauer erwartet Ihr insgesamt?

Im letzten Jahr hatten wir über 10.000 Besucher und Workshopteilnehmer. Wir hoffen, dass wir diese Zahl auch 2017 erreichen.

Ihr habt diesmal recht viel musikalische Gäste aus Israel. Hierzulande sind die wenigsten von ihnen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Stelle einmal einige von ihnen vor.

Erst vor einer Woche war die Band Gulaza auf dem Rudolstadt Festival und hat mit ihren „Geheimen Liedern jemenitischer Frauen“ viele Menschen begeistert. Sie wird unsere Festivalwoche (2. bis 6. August) eröffnen. The Heart and the Wellspring ist eine mitreißende Band, die Klezmer seit einigen Jahren auch in Israel populär macht – eine recht neue und überraschende Entwicklung. Yair Dalal, ein Musiker mit irakisch-jüdischen Wurzeln, ist ein großer Virtuose auf der Oud und wird mit Lenka Lichtenberg „Wiegenlieder aus dem Exil“ spielen.

Übersicht der Veranstaltungen: http://yiddishsummer.eu