Wo die Ruhe wohnt

155 Jahre alt und begehrter denn je: Mishkenot Sheananim, die erste jüdische Siedlung außerhalb der Jerusalemer Altstadt, beherbergte einst die Ärmsten der Armen. Heute dient sie vor allem wohlhabenden Ausländern als Feriendomizil…

Von Christa Roth
Zuerst erschienen in: Merian, Jerusalem, 1/2016

Und plötzlich hört man: nichts mehr. Außer Vogelgezwitscher und einem leisen Brummen, das von der Hebron Straße empor dringt. Die Stille beginnt wenige Hundert Meter südlich des Jaffa-Tors. Umgeben von kleinen Parks voller Mandelbäume und Oleandersträucher erhebt sich neben der 18 Meter hohen Windmühle ein einzigartiger Komplex aus steinernen Wohnhäusern. Keine Geschäfte, weder Post noch Schule, nicht einmal Autos finden sich in Mishkenot Sheananim. Stattdessen trifft man auf Hochzeitspaare, die sich vor der idyllischen Kulisse fotografieren lassen.

Aus Mitleid hatte der Brite Moses Montefiore 1860 nach etlichen Pilgerreisen ins Heilige Land hier die erste jüdische Siedlung außerhalb der Altstadt bauen lassen. Doch aus Angst vor Überfällen wollten seine Glaubensbrüder ihre primitiven Wohnverhältnisse nicht aufgeben. Nur zögerlich fanden sich 30 Familien, die gemeinsam in das längliche Wohnhaus zogen, das von einer mannshohen Steinmauer und fünf gußeisernen Toren umzäunt war. Mehrere Räume, pumpbetriebene Zisternen und eigene Kleingärten ermöglichten ihnen bescheidenen Komfort, dem sie auch nach der engültigen Schließung der reparaturanfälligen Mühle treu blieben.

„Unser Spielplatz“, sagt Pnina Kirshenbaum und zeichnet langsam mit dem Finger eine alte Fotografie nach, „das waren all die verwinkelten Gassen“. In den 1930ern lebten knapp 200 osteuropäische und gut 550 orientalische Juden in Mishkenot Sheananim und der nachträglich angelegten Nachbarschaft Yemin Moshe. „Wir hatten kein fließend Wasser oder Elektrizität, aber es gab einen großen Zusammenhalt“, erinnert sich Kirshenbaum. Ihre gesamte Kindheit hat die zierliche 81-Jährige mit dem rot gefärbten Kurzhaarschnitt dort verbracht. Dann kam der Krieg.

Mishkenot Sheananim, 1948

In unmittelbarer Nähe zu arabischen Vierteln wie Abu Tor, am äußersten östlichen Rand des noch jungen Westjerusalem, geriet Mishkenot Sheananim, die „Friedliche Wohnstätte“, 1948 besonders unter Beschuss. Um sich geschützter fortzubewegen, riss man Hauswände ein, grub Tunnel. Die Bewohner verwandelten das Viertel während Israels Unabhängigkeitskrieg in eine uneinnehmbare Festung. Kirshenbaums Bruder Avraham tötete eine britische Kugel, nachdem dieser gegen einen arabischen Mob das Feuer eröffnet hatte.

Bald darauf verließen die meisten Bewohner ihre Häuser. Kirshenbaum zog es als Sekretärin ins Verteidigungsministerium nach Tel Aviv. „Die wenigen, die geblieben waren, lebten jahrzehntelang in einem Niemandsland“, erklärt Architekt und Stadtplaner Gavriel Kertesz. Fenster, die nach Osten zeigten, wurden zugemauert, offene Plätze gemieden. „Jerusalem war eine geteilte Stadt – fast wie Berlin im Kalten Krieg.“

Mit türkischen Juden kam Anfang der 1950er wieder Leben nach Mishkenot Sheananim. Dem Papstbesuch von 1964 verdankt das Viertel seine erste asphaltierte Zugangsstraße. Ende der 60er, nach dem siegreichen Sechstagkrieg, verpasste Jerusalems neuer Bürgermeister Teddy Kollek dem Ort schließlich ein Facelifting: Nach und nach wurde nicht nur jedes einzelne der 135 Häuser restauriert, sondern die gesamte Bevölkerung ausgetauscht.

Doch anders als erhofft, ersetzten nicht Künstler, sondern wohlhabende und überwiegend abwesende Juden aus Nordamerika und Europa die mittellosen Einwanderer. Gavriel Kertesz vermutet: „Für eine Künstlerkolonie ist die Gegend zu abgeschieden.“ Ihn konnte die außergewöhnliche Ruhe jedoch nicht abschrecken. Sein Berufsleben hat der 75-Jährige der Umgestaltung Mishkenot Sheananims gewidmet und mit der Zeit Büro und Wohnsitz dort eingerichtet. „Um die Entwicklung vor Ort hautnah mitzuerleben – als Bewohner und Ansprechpartner.“

Von fehlender Kreativität aber kann keine Rede sein. Aus dem ursprünglichen Langhaus ist längst ein Gästehaus für internationale Gelehrte, Schriftsteller und Musiker geworden. Man diskutiert im Kongresszentrum nebenan oder musiziert gemeinsam einen Steinwurf entfernt im Jerusalem Music Center. Zu den deutschen Besuchern – davon zeugen die Porträts in der hauseigenen „Hall of Fame“ – zählen unter anderem der Musiker Wolf Biermann, Autor Stefan Heym und die ehemalige Bundesrichterin Jutta Limbach.

Das Gästehaus, (c) Gila Brand

Pnina Kirshenbaum kehrte in den 1970ern als einzige ehemalige Anwohnerin an den Ort ihrer Kindheit zurück. In der Malki Straße kaufte sie – inzwischen Sekretärin im Büro des Staatspräsidenten – sich ein kleines Häuschen, das sie 20 Jahre lang abbezahlte. Ihre neuen Nachbarn kennt sie auch nach Jahren kaum. „Die sind ja nie da“, klagt sie. Seit ihrem letzten Treppensturz wohnt sie vorübergehend bei ihrer jüngeren Schwester im Stadtzentrum. „Hier hat man alles, was man braucht, ums Eck. Und man ist weniger allein.“

Ob sie es übers Herz bringt, ihre Heimat ein zweites Mal zu verlassen, kann Kirshenbaum noch nicht beantworten. „Das wird die Zeit zeigen“, sagt sie.

Tipps:

  • Vom Mamilla Einkaufszentrum her kommend, gelangt man kurz hinter dem King David Hotel und unmittelbar vor der Windmühle in den Bloomfield Garden – eine schattige, gepflegte Grünanlage mit ausreichend Sitzgelegenheiten. (Achtung: Anti-Mückenspray mitnehmen!)
  • Die Montefiore Windmühle an der Heinrich-Heine-Straße ist heute als kleines Museum konzipiert und außer an Feiertagen und Shabbat täglich für Besucher geöffnet. Gleich daneben befindet sich hinter Glas geschützt ein Nachbau mit Originalteilen von Montefiores Kutsche.
  • Einen etwas weniger überlaufenen Aussichtspunkt hat man südlich der Yemin Moshe Straße vor dem Guesthouse: Auf dem öffentlich zugänglichen Plateauteil von „Yael’s Garden“ befindet sich außerdem eine Sitzbank zum Gedenken an Avraham Michael Kirshenbaum, Pninas Bruder.
  • Im Touro-Restaurant, das Teil des Jerusalem Presseclubs ist und von Tripadvisor zu den zehn besten israelischen Restaurants gezählt wird, gibt es nicht nur gehobene koshere Küche. Die Panoramafenster ermöglichen – vor allem in der Abendsonne – einen einzigartigen Blick auf die Altstadtmauern. Infos zu Veranstaltungen und Speisen: http://jerusalempressclub.com/the-touro-restaurant
  • Wer kein Künstler ist, aber etwa gern das Guesthouse oder das Konferenzzentrum von innen sehen will, kann an verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen. Mitte 2016 findet z.B. wieder das Literaturfestival statt. Weitere Infos: http://writersfestival.co.il. Infos zu Konzerten im Music Center finden sich hier: http://www.jmc.co.il/eng
  • Von dort ist es nur noch einen kleinen Spaziergang berg-bzw. treppab hinunter zu den Freiluftveranstaltungen im Sultan’s Pool: http://www.gojerusalem.com/items/796/Sultans-Pool/ oder zur Cinematheque http://www.jer-cin.org.il/Default.aspx?Lang=En, wo auch u.a. das Jerusalem Film Festival stattfindet.

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