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„Ich verabscheue Routine“

Menahem Pressler, der wahrscheinlich älteste Konzertpianist weltweit – begeistert seit Jahrzehnten mit seinem Klavierspiel. Im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele hat er erzählt, was ihn aller Hindernisse zum Trotz weitermachen lässt…

Von Christa Roth

Wenn du die Zeit anhalten willst, küss. Wenn du durch die Zeit reisen willst, lies. Und wenn du der Zeit entfliehen willst, musizier. Vor allem dem letzten Teil dieses Dreiklangs entspricht Menahem Pressler wie kein anderer. Mit fast 94 Jahren gehört er nicht nur zu den ältesten und bekanntesten Konzertpianisten der Welt, sondern auch zu den leidenschaftlichsten.

Fast dreißig Grad sind es an diesem frühen Donnerstagabend im Ordenssaal des Ludwigsburger Residenzschlosses. Doch das hält den kleinen Mann am Flügel nicht davon ab, nach einem ganzen Nachmittag noch eine weitere halbe Stunde zu proben. Morgen soll immerhin das lang ersehnte Konzert – ein Highlight in der Festpielsaison Baden-Württembergs– stattfinden. Und proben kann man nie zuviel, wenn es nach Pressler geht.

Wie schon im letzten Jahr beehrt der Echo-Preisträger und mehrfache Grammy-Nominierte auch 2017 die Ludwigsburger Schlossfestspiele mit seiner Anwesenheit, die alles andere als selbstverständlich ist. Sogar zu einem kurzen Interview lässt er sich hinreißen.

1939, kurz nach den Novemberpogromen 1938, gelingt dem 15-jährigen Menahem, der damals noch Max heißt, zusammen mit den Eltern und Bruder Leo die Flucht aus seiner Geburtsstadt Magdeburg. Über Triest retten sich die Familie nach Palästina. Großeltern, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins haben weniger Glück und werden im Holocaust ermordet.

Im Exil lehrt Presslers Mentor, der Dirigent des jüdischen Orchesters, ihn „wie man Debussy spielt“. 1946 gewinnt er, nun als Menahem Pressler, in San Francisco den Debussy-Klavierwettbewerb und erhält wenig später als Pianist eine hoch angesehene Anstellung in den MGM Filmstudios in Orlando, Florida.

Pressler, der in seiner neuen Heimat mit dem Sohn der späteren Ministerpräsidentin Israels, Golda Meir, musiziert hatte, entscheidet sich endgültig für die USA. „Es ging nicht darum, Israel den Rücken zu kehren“, erklärt er, „aber hier begann meine Karriere.“ Und das Leben als Ehemann und Vater.

„Meine Frau Sara war eine echte Sabra und hatte wunderschönes dunkelrotes Haar“, schwärmt Pressler. „Bei unserem ersten Kennenlernen sollte ich ihr Klavierspielen beibringen. Aber sie spreizte den kleinen Finger geradeso wie beim Teetrinken. Also sagte ich ihr, sie sei unbegabt.“ Erst ein Jahr später kommen die beiden zusammen.

„Sie konnte sich für alles begeistern und war eine fabelhafte Übersetzerin.“ Das junge Paar in Bloomington, Indiana, nieder, wo Pressler nicht nur als Klavierdozent an der Jacobs School of Music zu unterrichten beginnt, sondern auch das Beaux Arts Trio ins Leben ruft. Statt der angestrebten Handvoll an Auftritten kommt es in verschiedenen Besetzungen über Jahrzehnte hinweg zu etlichen Kammermusikkonzerten und sogar Schallplatten und CD-Aufnahmen.

Als sich das Trio – mit dem Violonisten Daniel Hope und dem Cellisten Antonio Meneses – 2008 trennt, zählt Pressler 85 Jahre. Für ihn jedoch kein Grund mit dem Musizieren aufzuhören. Fortan entzückt er als Solokünstler sein Publikum. „Wenn ich spiele, bin ich niemals älter als 50. Wenn ich unterrichte, bin ich niemals älter als 40. Nur wenn ich die Treppen raufgehen muss, dann ist mein volles Alter da“, scherzt er kurz vor der Verleihung des Echo in Berlin 2015.

Überhaupt, Deutschland. In das Land der Täter zurückkehren und hier auftreten erlaubt ihm seine Frau nur unter der Bedingung, das Honorar für gemeinnützige Projekte in Israel zu spenden. Heute steht deshalb in der Wüstenstadt Beer Sheva, 100 Kilomter südlich von Jerusalem, ein Brunnen benannt nach Sara Presslers Lieblingsautor – Marie-Henri Beyle. Besser bekannt unter seinem Künstlernamen Stendhal.

Ihr Mann, der sich auf Initiative seines Musikerkollegen Hope 2012 wieder die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen ließ, gab seiner alten Heimat trotz allem gern eine zweite Chance. Seine Muttersprache Deutsch zu sprechen, kostet ihn keine Überwindung und nur wenig Mühe.

Pressler profitiert von einem gußeisernen Gedächtnis. Seine Hände tanzen über die Tasten. Er trägt keine Brille. Wie erhält man sich die Konzentration? „Man muss üben. Sportler hören nicht auf zu trainieren, auch wenn sie in ihrer Klasse die besten sind.“

Disziplin allein ist es aber nicht. Ein „Verlangen nach Schönheit“ attestierte er sich einmal selbst. „Das Verhältnis zu einem Stück ist vergleichbar mit der Beziehung zu einer Frau, die man liebt. Wenn man sie sieht, mit ihr ist, ist man glücklich. Man gibt sich ihr hin. Wie auch der Musik. Damit man sich erweitert, die Gefühle sich vertiefen.“

Doch jede Beziehung will gepflegt sein, bevor sie einen zu langweilen beginnt. Als Routinier in der Klassik wird es nicht anders sein, oder? Plötzlich wird Pressler bestimmter, seine dunklen Augen funkeln. „Ich verabscheue Routine!“, entfährt es ihm. „Mein Ziel ist nicht Perfektion, sondern Inspiration.“ Es gehe darum, den Noten einen einzigartigen Ausdruck zu verleihen. Und um einen selbst. „Ich bin ein anderer Mensch, während ich diese Musik anfasse, sie zum Leben bringe.“

Sein Publikum weiß das zu honorieren. Seit fast zehn Jahren tourt Pressler als Solist durch die Welt. Über Vergänglichkeit spricht er eher widerwillig. „Wenn es nicht mehr geht, höre ich auf. Na, selbstverständlich.“

Und dann geht plötzlich nichts mehr. Pressler hat Schmerzen, gönnt sich aber keine Ruhe. Eine Woche nach dem triumphalen Silvesterkonzert mit den Berliner Philharmonikern 2014 unterzieht er sich in letzter Minute wegen einer gefährlichen Arterienerweiterung in Boston einer dramatischen Operation. Nur dank einem gewagten Eingriff des Arztes kann Presslers Leben gerettet werden.

Lady Annabelle Weidenfeld lässt die dunklen Stunden Revue passieren. Hingebungsvoll kümmert sich die 72 Jahre alte, hochgewachsene, blonde Frau um Pressler, weicht auch beim Interview keine Sekunde von seiner Seite. Die ehemalige Geliebte Arthur Rubinsteins und spätere Ehefrau des erfolgreichen österreichisch-britischen Verlegers Lord George Weidenfeld ist heute Presslers alles: Managerin, Gefährtin, Vertraute, Verehrerin und, wenn nötig, Pflegerin.

Seit einem halben Jahrhundert – als Weidenfeld für Presslers Management arbeitete, das sein Beaux Arts Trio vertrat – sind beide eng befeundet. „Sich von so etwas überhaupt zu erholen, ist für niemanden einfach. In Menahems Alter aber gleicht es fast einem Wunder.“

Andächtig und leicht erschöpft von einem langen, heißenSommertag versinkt Pressler in einem tiefen Sessel. Er weiß, dass seine wieder erlangte Gesundheit und Rückkehr auf die Bühne ein Geschenk sind. Und er will sich dankbar zeigen, indem er weitermacht.

Am Tag des Konzerts lässt er es sich nicht nehmen, links auf Weidenfeld und rechts auf seinen Stock gestützt unter stehendem Applaus in den fast ausverkauften Ordenssaal zu treten. Der sonst genutzte Rollstuhl hat heute Pause. Nichts soll vom Zauber der Kunst ablenken. Fast zwei Stunden lang erweckt Pressler Händels, Mozarts und natürlich Debussys Kompositionen erneut zum Leben.

Zum Schluss verbeugt er sich tief. Das Gesicht voll Freude und Dankbarkeit, sich unter den Augen von Jung und Alt erneut dem widmen zu können, was sein Lebenselixier seit jeher ausmacht: dem Klang der Musik.

Weitere Programmhinweise: http://menahempressler.org

Bild oben: (c) Marco Borggreve