Beiträge zur Debatte um Integration und Multikulturalismus

Der Migrationsforscher und Soziologe Ruud Koopmans legt in seinem Buch „Assimiliation oder Multikulturalismus? Bedingungen gelungener Integration“ zehn Abhandlungen zu unterschiedlichen Aspekten des Themas vor. Meist handelt es sich um Auswertungen und Interpretationen zu empirischen Studien, worin es auch um bedenkliche Einstellungen und Mentalitäten von Migranten, aber ohne pauschalisierende Vourteile geht…

Von Armin Pfahl-Traughber

Im Sommer 2016 warfen sich als politisch links verstehende Studierende an der Humboldt-Universität in Berlin dem ebendort als Migrationsforscher und Soziologe lehrendem Ruud Koopmans „diskriminierende Forschung“ und „rassistische Verallgemeinerungen“ vor. Den Anlass dafür boten Forschungsergebnisse, die nach den Bedingungsfaktoren für gesellschaftliche Integration von Menschen mit Migrationshintergrund fragten. Dabei hatte Koopmans auch soziokulturelle Einstellungen als Hinderungsgrund angesprochen und antisemitische und homosexuellenfeindliche Orientierungen von Muslimen kritisch kommentiert. Dass dies mehr mit Empirie und wenig mit Rassismus zu tun hatte, kann man in einem Band mit gesammelten Texten nachlesen. Sie erschienen unter dem Titel „Assimilation oder Multikulturalismus? Bedingungen gelungener Integration“. Darin finden sich sechs kürzere und vier längere Abhandlungen von Koopmans, die Forschungsergebnisse und Positionen zu unterschiedlichen Schwerpunktthemen präsentieren.

Nach einer Einführung, die persönliche Betrachtungen zu Integrationspolitik in den Niederlanden und anderen Staaten vergleichend reflektiert, geht es um Assimilation und Integration und Integration im Sozialstaat. Der Autor macht im Ländervergleich mehrere interessante Entdeckungen: In Belgien, den Niederlanden und Schweden, wo man wenig Anforderungen an die Einwanderer zur Integration gestellt und ihnen hinsichtlich ihrer kulturellen Besonderheiten viele Zugeständnisse gemacht hat, funktionierte Integration weniger gut. Dafür stehen hohe Arbeitslosigkeit und räumliche Segregation. Demgemäß sei eine solche Praxis nicht erfolgreich. Auch die Ausrichtung des Sozialstaates spiele eine Rolle, wobei der Blick nach Großbritannien geworfen wird. Koopmans behauptet, „dass Multikulturalismus im Kontext eines Wohlfahrtstaates für Einwanderer durchaus negative Auswirkungen haben kann, da er zur Abhängigkeit von wohlfahrtstaatlichen Leistungen und dadurch zu sozialer und ökonomischer Marginalisierung führen kann“ (S. 113f.).

Darüber hinaus wird in den Abhandlungen nach Fremdenfeindlichkeit und Fundamentalismus unter Muslimen in Europa und in der islamischen Welt gefragt. Bezogen auf den Antisemitismus kann Koopmans erschreckende Resultate präsentieren. Während neun Prozent der Christen in Europa den Juden nicht trauen würden, fände man derartige Auffassungen bei 45 Prozent der Muslime der ersten Generation und bei 39 Prozent der Muslime der zweiten Generation. Die Abneigung gegenüber Homosexuellen wäre sogar noch höher (vgl. S. 181). Der Anteil von Aleviten sei dabei aber bedeutend geringer. Darüber hinaus heißt es: „Das viel höhere Niveau an Unterstützung fundamentalistischer Ansichten unter sunnitischen Muslimen scheint auch nicht Erfahrungen von Ausgrenzung geschuldet, wie dies von den Theorien der reaktiven Ethnizität und Religiosität behauptet wurde“ (S. 187). Und schließlich plädiert Koopmans abschließend noch für das Recht nationaler Mehrheiten auf ihre eigene Kultur, wobei er die Einstellungen von Mehrheits- und Minderheitenrechten thematisiert.

Die Anhänger von Auffassungen, die mitunter bedenkliche soziale Einstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund ignorieren und sie primär als idealisierte Diskriminierungsobjekte in einer als feindlich geltenden Umwelt wahrnehmen, verstören derartige Einsichten. Die einleitend erwähnten Deutungen von Koopmans Positionen erklären sich wohl dadurch. Er kann für seine Darstellungen aber eine Fülle von Studien präsentieren. Auch die länderübergreifenden Betrachtungen sind hier sehr lehrreich. Möglicherweise wäre der differenzierte Blick auf die unterschiedlichen Migrantengruppen noch interessant gewesen. Denn auch dabei lassen sich bemerkenswerte Unterschiede ausmachen. Selbst wer man nicht allen Einsichten von Koopmans folgen mag, sollte sich mit ihnen argumentativ und nicht diffamierend auseinandersetzen. Seine bekundeten Deutungen werfen neue Fragen auf und laden zu weiteren Reflexionen ein. In diesem Sinne können die sich mitunter wiederholenden Texte zur erkenntnisfördernden und kritischen Lektüre empfohlen werden.

Ruud Koopmans, Assimilation oder Multikulturalismus? Bedingungen gelungener Integration, Münster 2017 (Lit-Verlag), 261 S., Euro 24,90, Bestellen?