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Der Retter vom Volksgarten

Gymnasialdirektor Erich Klibansky bewahrte viele seiner Schüler vor der Vernichtung. Jetzt wurde an ihn erinnert…

Von Roland Kaufhold

180 Menschen, darunter viele Nachbarn und zahlreiche Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Kölns, haben sich auf der unweit dem Kölner Volksgarten gelegene Volksgartenstraße 10 versammelt, um zu erinnern. Dort hatte Erich Klibansky, der 1900 geborene ehemalige Leiter des jüdischen Kölner Reform-Gymnasiums Jawne, mit seiner Familie mehrere Jahre lang gelebt. Vor dem Haus – ein Neubau, das Haus wurde im Krieg zerstört – dokumentieren großformatige Tafeln an das beeindruckende Rettungswerk Erich Klibanskys, aber es werden auch einige Täter benannt.

75 Jahre zuvor waren vom Bahnhof Köln-Deutz aus mit dem „Transport DA 219“ 1164 jüdische Männer, Frauen und Kinder nach Minsk in Weißrussland verschleppt worden. Mitzubringen seien „ein Rucksack mit Bettwäsche und Kleidern sowie Verpflegung für drei Tage“ wie auch 50 Reichsmark, lautete die Anordnung. Sogar die Reise in den Tod musste selbst bezahlt werden. Die Mehrzahl von ihnen stammte aus Köln, aber auch aus dem Kölner Umland.

Direkt nach ihrer Ankunft in Minsk wurden die 1164 Menschen in den südöstlich von Minsk gelegenen Wald von Blagowschtschina gebracht und dort erschossen. Bei den von Deutschen im Juni 1942 organisierten Tötungsaktionen wurden mindestens 60 000 Menschen im Wald ermordet. Auf einer der am Gartenzaun befestigten Tafel wird hierzu die Aussage von Johann Paul Rumschewitsch, Angehöriger der Abt. IV des KdS/BdS Minsk, über die Exekutionsstätte Blagowschtschina, dokumentiert: „… Nach meiner Erinnerung musste die Dienststelle abends antreten. Es wurde uns bekanntgegeben, dass am nächsten Tag eine Judenaktion stattfinden würde. (…) Nicht lange nach unserem Eintreffen an der Exekutionsstelle kamen die ersten LKW mit Juden. Diese mussten sich ausziehen und wurden dann zur Grube gebracht. Ein Großteil der Juden ging ruhig zur Grube, andere mussten hineingetrieben oder hingeschleift werden. (…) Eine Pause in Form, dass die Exekution zum Stillstand gekommen wäre, gab es nicht.“

Unter den Verschleppten befanden sich auch Erich Klibansky, seine Frau Meta und deren drei Söhne.

In den Jahren der systematischen Verfolgung und Entrechtung war die Zahl der Schüler der 1919 gegründeten Jawne auf über 400 Schüler angewachsen. 1939 gelang es dem vorausschauenden jüdischen Schulleiter, der die organisierte Vernichtung spürte und davor warnte, 130 Schüler mit den Kindertransporten nach Großbritannien zu bringen und sie so vor der Deportation und Ermordung zu retten. Sein eigenes familiäres Schicksal, so erinnerte der Hauptorganisator der Erinnerungsveranstaltung, Wolfgang Richter von der Projektgruppe Jawne in seiner Rede, erschien Erich Klibansky hingegen als nicht so bedeutsam. Dringlichen Bitten von Freunden, nun selbst nach Liverpool zu emigrieren, gab Erich Klibansky nicht nach: Er werde erst emigrieren, wenn er alle seine Schüler gerettet habe, soll der knapp 40-jährige gesagt haben. Das letztes Lebenszeichen der familie Klibansky datiert vom 21. Juli 1942: Noch auf der Deportation warfen sie eine Postkarte aus dem Zug, gerichtet an die befreundete Familie Jakoby: „Es drängt mich, Ihnen Beiden von Herzen zu danken für alle Hilfe, die Sie uns geleistet haben.“ Sie seien „auch die letzten, die uns so Freunde geblieben sind.“

Viele der 130 Geretteten sind Jahrzehne später wieder besuchsweise nach Köln zurück gekehrt. Und sie alle haben den kleinen, berührenden, versteckt in der St.-Apern Straße gelegenen Gedenkort Jawne aufgesucht, mit seiner von dem ehemaligen Jawne-Schüler Hermann Gurfinkel gestalteten Kindergedenkstätte Löwenbrunnen. Einige Wenige von ihnen haben sich, mit tiefer Ambivalenz, nach Jahrzehnten sogar für eine Rückkehr nach Köln entschlossen, einer von ihnen war der Chemiker Henry Gruen.

Der 92-jährige Kurt Marx ist extra aus London angereist, um eine kleine Ansprache zu halten. Auch seine Eltern gehörten zu den in Minsk Ermordeten. „Ich bin 1954 erstmals wieder nach Deutschland gereist“, erzählt er mir. „Das war sehr schwer.“ Und auch die einen Tag zurückliegende Anreise nach Köln gestaltete sich als äußerst schwierig: „Zuerst habe ich am frühen Morgen das Flugzeug verpasst, und dann mussten wir wegen des schlimmen Gewitters in Köln in Dortmund landen. So habe ich zwölf Stunden für die Anreise gebraucht.“ Er geht zu den am Zaun der Volksgartenstraße befestigten Papptafeln und zeigt mir ein Foto von einigen ehemaligen Jawne-Schülern, unmittelbar vor ihrer Abreise. „Diese damals 14-jährige Mitschülerin“, bemerkt er, „wohnt heute direkt über mir in London.“ Erst 1995, berichtet Kurt Marx in seiner Ansprache, „habe ich die erste Liste der Deportierten gesehen. Und erst 1999, nach 57 Jahren, haben wir gewusst, was in Deutschland passiert ist.“

Die Nachbarschaftsinitiative Erich Klibansky hatte bereits vor fünf Jahren, anlässlich des 70. Jahrestages der Deportation, eine erste Gedenkveranstaltung in der Volksgartenstraße organisiert. Seitdem führt sie jedes Jahr im Juli eine zweiwöchige Ausstellung am Ort der ehemaligen Wohnung der Klibanskys in der Volksgartenstrasse 10, die über die Familie Klibansky und deren Deportation informiert. Vor Jahren wurden fünf Stolpersteine für die Klibanskys vor dem Haus verlegt.

Eingerahmt wurde die knapp zweistündige Veranstaltung durch mehrere musikalische Einlagen, darunter das Lied Eli Eli, vorgetragen von Sivan Yonna, Tal Kaizman und Monika Payen-Schlicht, ein Gesang für Cello von Jacques Neureuter, ein Gesang von Agnes Erkens und eine Klangimprovisation von Alessandro Palmitessa. Und es gab weitere erinnernde Redebeiträge, u.a. vom 85-jährigen Zeitzeugen Alfredo Klayman. 1938 war Alfredo als Kind einer jüdischen Familie mit seinen Eltern geflohen, sah aus dem Auto heraus noch den Rauch der Synagoge Roonstraße. Sie gingen nach Argentinien, wo er aufwuchs. 1964, da war er 32 Jahre alt, kehrte er mit seiner Frau nach Köln zurück, obwohl bis auf seine Eltern alle seine Verwandten ermordet worden sind. Hier eröffnete er eine Schneiderei. Erst im Alter fand er die Kraft, sich an die grausam-sinnlose Geschichte zu erinnern.

Das Kaddisch für die Familie Klibansky sprach Binjamin Munk, Kantor der Synagogengemeinde Köln. Abschließend verlasen acht junge Erwachsene die Namen und Adressen von 120 bei dem Transport ermordeten Kölner Bürger.

Eine wirklich gelungene Erinnerung. Auch das Wetter spielte mit, trotz der gewaltigen Regenniederschläge einen Tag zuvor in Köln. Die Nachbarschaftsinitiative Klibansky möchte die Erinnerung auch in den nächsten Jahren nicht abbrechen lassen.

Von Oktober 2017 bis Februar 2018 wird im Lern- und Gedenkort Jawne eine Sonderaussstellung zur Familie Klibansky gezeigt.

Eine kürzere Version dieses Beitrages ist in der Jüdischen Allgemeinen vom 27.7.2017 erschienen.
Fotos: (c) R. Kaufhold