Ein zufälliges Imperium

Auf den überraschenden militärischen Triumph im Sechs-Tage-Krieg folgte die Diskussion: Was soll eigentlich mit den eroberten Gebieten geschehen? …

Von Ralf Balke

2017 jagt in Israel ein Jubiläum das nächste. Ganz offensichtlich gibt es eine Menge zu feiern: Vor 120 Jahren tagte der Erste Zionistische Kongress in Basel, vor einhundert Jahren wurde die Balfour-Deklaration verabschiedet, mit der Großbritannien die Bildung einer jüdischen Heimstätte in Palästina befürwortete, und vor 70 Jahren beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen den UN-Teilungsplan für Palästina. Und last but not least fand vor genau einem halben Jahrhundert der Sechs-Tage-Krieg statt, der die geopolitische Landkarte des Nahen Ostens nachhaltig verändern sollte. Mit seinem Sieg über die arabischen Armeen vereitelte der jüdische Staat nicht nur die Vernichtungspläne seiner Nachbarn. Mit dem Sinai, dem Westjordanland, den Gaza-Streifen sowie Ost-Jerusalem und die Golan-Höhen geriet von heute auf morgen eine Fläche unter die Kontrolle Israels, die dreimal so groß war wie sein bisheriges Territorium. Und mit ihr eine beträchtliche arabische Bevölkerung.

Während sich im Narrativ der Palästinenser die Ereignisse vom Sommers 1967 als „an-Naksah“ (zu deutsch: der Rückschlag) einschrieben – ein Begriff, der an das Wort „al-Nakba“ (zu deutsch: die Katastrophe) angelehnt ist, der sich auf die Staatsgründung Israels 1948 bezieht – ergriff ein Siegestaumel den jüdischen Staat. Wie ein Wunder empfanden die Israelis ihren militärischen Triumph. Dabei hatte nur kurz zuvor noch Untergangsstimmung geherrscht. Zwei damals populäre Witze skizzieren den Stimmungswandel. Vor dem Juni 1967 hatte man sich erzählt, dass in der Abflughalle des Flughafens von Tel Aviv ein Schild hängen würde, auf dem der Letzte, der das Land verlässt, gebeten wird, das Licht auszuschalten. Der zweite kursierte unmittelbar nach dem Kriegsgeschehen: Treffen sich zwei Militärkommandeure. Fragt der eine den anderen, wie man am Besten den Tag verbringen könnte. „Lass uns doch einfach Kairo erobern“, schlägt der Angesprochene vor. Antwortet der andere: „Gute Idee, aber was machen wir nach dem Mittagessen?“ Kurzum, der Sechs-Tage-Krieg verlieh dem israelischen Selbstbewusstsein einen enormen Auftrieb. „Das Gefühl der Euphorie, das sich noch während des Krieges breitmachte, hatte nicht nur profane Gründe“, bringt es der Historiker Michael Brenner auf den Punkt. „Viele Orte, die in der jüdischen Tradition eine herausragende Rolle spielten – von der Klagemauer in Jerusalem bis zu den Patriarchengräbern in Hebron –, waren nun plötzlich unter israelischer Kontrolle.“

Aber wie so oft gab es in Israel keinen Plan für die Zeit danach. Anfangs betrachteten die Verantwortlichen in Politik und Armee die Gebiete als Faustpfand für kommende Verhandlungen. Land für Frieden – so lautete die Formel. Im sudanesischen Khartum jedoch beschlossen die acht versammelten arabischen Staaten unisono ihr dreimaliges Nein: keine Friedensverhandlungen, keine Anerkennung Israels, kein Frieden mit Israel. Dann machte das von Moshe Dayan geprägte Schlagwort von der „aufgeklärten Besatzung“ die Runde. Im Westjordanland und Gaza-Streifen sollte alles weiter seinen normalen Lauf nehmen und Israel als Besatzungsmacht weitestgehend im Hintergrund bleiben. Auch glaubte man durch eine Anhebung des allgemeinen Lebensstandards vor Ort die Sympathien der lokalen Bevölkerung gewinnen zu können.

Doch parallel dazu meldeten sich bald Stimmen, die für eine Besiedlung plädierten. Und sie stammten nicht aus dem Lager der Nationalisten oder Revisionisten, sondern aus dem Umfeld des Arbeiter-Zionismus – allen voran Yitzhak Tebenkin, ein Urgestein der sozialistischen Kibbutz-Bewegung. Ganz unbescheiden forderte er unmittelbar nach dem Juni 1967 die Errichtung von hunderten dieser Kollektiv-Siedlungen in den eroberten Gebieten. Auch Yigal Allon, Ex-General und Minister in den Kabinetten von David Ben Gurion und Levi Eshkol, wollte sofort 100.000 Israelis allein im strategisch wichtigen Jordan-Tal ansiedeln. In einer bereits im Oktober 1967 von ihm verfassten Direktive erklärte er zudem, dass in allen neuen Karten des Landes die Waffenstillstandslinien von 1949 nicht mehr verzeichnet sein sollten. Die alte Demarkationslinie – auch „Grüne Line“ genannt, weil bei den Verhandlungen damals grüne Tinte verwendet wurde – begann schon im Jahr des Sechs-Tage-Krieges sukzessive zu verschwinden.

Neben sicherheitsrelevanten Erklärungen gibt es für diese Haltung ebenfalls eine psychologische. „Die alte Garde fühlte sich zurückversetzt in die Zeit vor 1948“, ist Gershom Gorenberg, Historiker und Autor des Buches „The Accidential Empire“, überzeugt. „Sie alle vergaßen, dass sie nun aber die politisch Verantwortlichen eines Staates waren. Trotzdem begannen Shimon Peres, Golda Meir, Moshe Dayan, Yisrael Galili und Levi Eshkol mit den Siedlungen Fakten zu schaffen, als ob man noch zu Zeiten des Mandats leben würde und es darum ginge, der britischen Verwaltung eins auszuwischen.“

Bemerkenswerterweise machten die meisten Israelis dabei nicht mit. Die Kibbutz-Bewegung vermochte es gerade einmal genug Leute zu mobilisieren, um eine Handvoll Siedlungen auf dem Golan oder im Jordan-Tal zu errichten. In die Lücke sprangen nach 1973 dann die messianisch ausgerichteten Siedler der orthodoxen Bewegung Gush Emunim (zu deutsch: Block der Getreuen). 1974 besetzten ihre Anhänger einen Bahnhof aus osmanischer Zeit in Sebastia nahe der palästinensischen Stadt Nablus. Nachdem die Armee sie sechsmal von dort wieder vertrieben hatte, erhielten 25 Familien vom damaligen Verteidigungsminister Shimon Peres dann doch die Erlaubnis, sich in Kadum, einem früheren Militärlager niederzulassen. Daraus entstand die Siedlung Kedumim, die heute rund 4.500 Einwohner zählt. Das war der Dammbruch, der zu einer massiven Ansiedlung von Israelis im Westjordanland führte. Als der Likud 1977 die Regierungsgeschäfte übernahm, lebten dort bereits über 11.000 Israelis in knapp 80 Siedlungen. Heute beträgt ihre Zahl allein im Westjordanland rund 380.000 in mehr als knapp 130 Siedlungen und rund 100 sogenannten Außenposten. Angezogen durch günstige Kredite für Wohnraum sind die wenigsten von ihnen den messianischen Gruppierungen zuzuordnen. Gorenbergs Fazit: „Obwohl die Politiker der regierenden Arbeiterpartei damals keinen konkreten Plan hatten, traf jeder einzelne von ihnen größere Entscheidungen, die in ihrer Summe genau das schufen, was es wurde: ein „zufälliges Imperium“.“

Bild oben: Chief of Staff Lt. Gen. Yitzhak Rabin in the entrance to the old city of Jerusalem during the Six Day War, with Moshe Dayan and Uzi Narkiss, (c) Ilan Bruner, IDF