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Israel in Venedig

Israelische Künstler an der 57. Kunstbiennale von Venedig…

Von Anna Zanco-Prestel

Israels nationaler Pavillon an der Biennale von Venedig liegt an den „Giardini“, dem „historischen“ und ältesten Bereich der bedeutendsten internationalen Kunstschau der Welt. Umgeben von den meisten z.T. noch Ende des 19. Jahrhunderts im neoklassischen bzw. in einem Stil erbauten Pavillons, die – wie beispielsweise der ungarische oder der russische – an die Architektur des vertretenen Landes anklingen, unterscheidet er sich durch eine modernere Struktur, die an das BAUHAUS und somit an die Hauptstadt des aus Deutschland importierten Baustils Tel Aviv erinnert. In unmittelbarer Nähe vom Amerikanischen Pavillon und nicht unweit vom Zentralpavillon, in dem Künstler aller Nationalitäten ausstellen, präsentiert er in diesem Jahr eine aus 6 verschiedenen Elementen bestehende Installation des Tel Aviver Künstlers Gal Weinstein.

Im israelischen Pavillon, Foto: Marco Zanco

Wuchernder Schimmel an Mauern und Böden empfängt den Besucher im Parterre und verwandelt den Raum in einen wenig einladenden, beinah abstoßenden Keller, der zur Kulisse für eine Flamme dient, die sich auf eine ebenso schimmlige Wand materialisiert. Man rätselt über die Bedeutung des projizierten Feuers, das – wie man im Nachhinein erfährt – aus einer geschossenen Rakete stammt. Aus der oberen Galerie ragt in der Tat eine aus Acrylfüllung und Metallwolle weißgraue Wolke mit wie Rost anmutenden rosaroten Reflexen heraus, die eine Abschussrampe für Raketen oder Satelliten darstellen soll. Als Teil der Gesamtinstallation „Sun Sand Still“ ist die großformatige Skulptur eine Anspielung an das biblische Wunder bei der Eroberung von Kanaan, als der Prophet Jehoschua der Sonne und dem Mond befahl, stehen zu bleiben. Das poetische und zugleich kritische Oeuvre knüpft an die unerfüllbare Sehnsucht des Menschen an, die Zeit anzuhalten und avanciert zur selben Zeit zur Metapher der Geschichte Israels mit all ihren Höhen und Tiefen.

Die Kunstbiennale ist inzwischen ein globalisiertes Phänomen geworden, das sich in die ganze Lagunenstadt und bis zum Festland ausbreitet. Neben den so genannten „Collateral Events“ vermehren sich rund um sie Projekte in Galerien, Museen, Palästen, Kirchen und neulich auch in Hotels. Zwischen zwei eleganten Luxushotels der Stadtmitte – „ Design Hotel Ca‘ Pisani“ und „Saturnia International “ – teilt sich die von Doron Polak und Esther Drori kuratierte Doppelausstellung „Vanishing Lands“ auf, die sich mit dem „Dahinschwinden“ von Naturgebieten oder historisch-kulturellen Schätzen beschäftigt und Parallelen zwischen dem von den aufsteigenden Fluten bedrohten Venedig und den sinkenden Landschaften am Toten Meer zieht. 61 Künstler – darunter sehr namhafte wie Sigalit Landau, Dani Kravan oder junge Aufsteiger wie Roi Greenberg – sind in der Schau vertreten, die Werke der Fotografie, Skulptur Malerei, Zeichnung und Video zeigt. Begleitet wird sie von einem reich bebilderten Katalog mit sehr informativen Texten auch wissenschaftlichen Inhalts u.a. über die Situation am Toten Meer vom Geologen und Bildhauer Dr. Michael Lazar oder über Rettungsperspektive für die venezianische Lagune.

Luigi Viola, Vanishing landscape between land water and sky, Laserprint on Glass, 2012, (c) Luigi Viola

Der Begriff „Dahinschwinden“ wird in seinen verschiedenen sozialen oder ökologischen Deutungen gesehen und künstlerisch interpretiert. Einen kleinen Abstecher ins aktuelle Tagesgeschehen macht „Monitor with Video of American Indians“, die Video-Installation des amerikanischen „Fusion Artist“ Shalom Neumann in Zusammenarbeit mit dem US- Schriftsteller Ron Kolm, der den gesprochenen Text geschrieben hat. Thematisiert wird hier das Verschwinden der Indianer aus ihrem Land im Zusammenhang mit der Protestwelle gegen den geplanten Pipelineverlauf durch das letzte Sioux-Reservat in Dakota. Organisiert wurde die Ausstellung von „The International Artists‘ Museum Tel Aviv mit Unterstützung vom „Tamar Regional Council, Dead Sea“. An der Entstehung des Projekts beteiligt ist die „Accademia delle Belle Arti – Venezia“ (Kunstakademie Venedig), vertreten durch Prof. Luigi Viola, der die Quintessenz der Schau poesievoll in Bildern und Worten fasste: „Bedingung um eine Landschaft zu sehen, ist dass sie vor unseren Augen gänzlich verschwindet, was uns erlaubt, unserer Vorstellungskraft freien Lauf zu geben. Deshalb sind die Wüste oder der Himmel mit ihren Formen ohne feste Umrisse die besten Orte zum Träumen“.

Foto: (c) Shalom Neuman

Anderswo im Palazzo Mora an der Strada Nova strahlen – als Gast des „European Cultural Centres“ – die „Light Boxes“ der Israelin Ariela Wertheimer, die auf ihre Art Venedig mit Old Jaffa verbinden. Zwei uralte Hafenstädte als Tor zur Außenwelt. Beide besetzt, nicht nur einmal – wie man im Katalog liest – , beide überflutet über längere Zeit von Meereswogen, die Rostspuren an den von Menschenhand errichteten metallischen Strukturen hinterlassen haben… Metallische Light Boxes mit Acrylfarbe auf Pappelholz bemalt, Transparentfilm auf Plexiglas und LED blicken aus Wänden, die sich gegenüber stehen. Venedig und Jaffa versinnbildlicht durch eine Reihe von Gesichtern in grellen Farben, die ihre Geschichte erzählen. Von Freude und Schmerz, von Krankheit und Heilung, wie das Leben so ist. In der Mitte des stattlichen Raums hängt ein Leuchter, in dessen inneren Fläche zwei sich in die Länge ziehende Figuren eingezeichnet sind: Ein Mann und eine Frau, -Adam und Eva – in einer Umarmung begriffen, die sie auch zu erdrosseln droht. Das hebräische Zitat „For you are sanctified unto me“ deutet auf eine Hochzeit, symbolisiert durch einen an einem dünnen Faden von oben hängenden Bündel aus Glasscherben als Warnung vor der Zerbrechlichkeit jedes ehelichen Bündnisses. Kuratiert wurde die unter dem Titel JAFFA VENICE – THE FREEDOM TO LET GO – LIGHT BOXES 2017 – präsentierten Schau vom Tel Aviver Galeristen Aharon Farkash.

Während der gesamten Dauer der Kunstbiennale wird im „Museo Ebraico“ im „Ghetto“ von Venedig eine Installation des israelischen Künstlers Jack Jano zu sehen sein. Inmitten von Vitrinen mit kostbaren Ritualgegenständen, die sich seit Jahrhunderten im Besitz der Jüdischen Gemeinde befinden, wird sein aus geschmiedetem Eisen und alten gestapelten Büchern bestehendes Werk „Nevertheless“ eine Verbindung zwischen Tradition und Modernität herstellen und in seiner Komplexität – wie Marcella Ansaldi, Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Venedig, in ihrem Grußwort in dem Ausstellungskatalog schreibt – „Kontaminierungen, Grenzen und zukünftiges Leben“ für Besucher erfahrbar machen.

Jack Jano, Nevertheless, 2017, hier mit dem Künstler selbst im Museo Ebraico, Foto: Marco Zanco

Eine großformatige Installation „Upside Down City“ steht wiederum im Mittelpunkt von Janos Personale „LAW OF SUPERPOSITION“ in den Räumen einer ehemaligen Werft an der Insel Giudecca. Auf der auf den Kopf gestellten Stadt mit den Zügen von Jerusalems historischem Stadtkern erhebt sich ein trapezförmiger in die Himmelsrichtung wachsender Erdhügel, worin sich symbolisch die tiefen Wurzeln der Heiligen Stadt eingraben. Vis-à-Vis vom symbolträchtigen Oeuvre hängt an einer ganzen Wand eine ebenso trapezförmige Komposition, die aus einer Myriade von meistens in schlichten Holzrahmen eingefassten Mixed-Media-Bildern besteht. Inspiriert sind sie von unterschiedlichen Sujets wie Leonardos Gioconda, Van Goghs Selbstporträt oder Bildnissen von Päpsten und Königen, die letztendlich alle – wie der Titel „Me & I“ verrät – auf die Gestalt des Künstlers zurückführen. Jano als Mann, als Künstler, als „Gründer einer Hierarchie, die in die Unendlichkeit des Himmels hinauf wächst“ – wie Galerist Gavriel Engel schreibt, der die beeindruckende Schau zusammen mit dem venezianischen Kurator Pier Paolo Scelsi gestaltet hat.

Verteilt auf dem dreistöckigen Raum sind insgesamt 7 Werke: Kleine Skulpturen aus weißem Kalkstein, eine Schubkarre mit zusammengewürfelten Glashäusern und – neben einer venezianischen Gondel im Parterre – ein Boot aus verrostetem Eisen gestützt von zwei tanzenden Menschen. Eine Anspielung gewiss auf die Insel Giudecca, die aber auch einen biografischen Zug in sich birgt. Es soll an die gefährliche Bootsfahrt, die Jano in den 50er Jahren antreten musste, um mit seiner Familie den antijüdischen Gewaltausschreitungen in seinem Ursprungsland Marokko zu entfliehen.

Durchweg präsent in den drei Ebenen des Bauwerks sind die Buchstaben, hebräische Buchstaben in einer – wie im Katalog ausdrücklich betont – „hebräischen Schau“. Schwebende Buchstaben aus dem Ivrit – dem hebräischen Alphabet – sickern aus einer weiteren hinter einem Vorhang verborgenen Installation heraus und werden an Wände und Decken projiziert. „Genesis House“, ein verrostetes Haus, aus dem ein blaues Licht hervorgeht, das den ganzen Raum überflutet. Blau, wie die im Janos Werk oft wiederkehrende Farbe in der Schwebe zwischen Licht und Dunkelheit, die – auch im Sinne Kandinskys – zum Sinnbild für Spiritualität wird.

Bild oben: Banner zur Ausstellung „Vanishing Lands“ an der Fassade vom „Design Hotel Ca‘ Pisani“, (c) Marco Zanco

Katalog zur Ausstellung
SUN STAND STILL (zweisprachig)
www.gal-weinstein.com
11. Mai-26. November 2017

Katalog zur Ausstellung
VANISHING LANDS – Markers 10 – Venice 2017 C Artura, 2107
Mit Abbildungen und Texten u.a. von Doron Polak
11. Mai – 31. August 2017
Katalog zur Ausstellung
JAFFAVENICE- THE FREEDOM TO LET GO – LIGHT BOXES 2017
Mit Abbildungen und Texten von Ariela Wertheimer und Aharon Farkash www.arielawr.com
www.farkashgallery.com

Palazzo Mora 11.Mai-31. Oktober 2017

Katalog zur Ausstellung
JACK JANO – LAW OF SUPERPOSITION – VENICE 2017
Giudecca 211/B – 12. May bis 11.August 2012
Museo Ebraico Venezia
Mit Abbildungen und Texten von Marcella Ansaldi, Gavriel Engel, Pier Paolo Scelsi, Luigi Viola
www.engel-art.co.il