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Danke für die Klarstellung

Die ganze Diskussion um die Antisemitismus-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ macht vor allem eines deutlich: als Jude in Deutschland zu leben ist noch immer weit davon entfernt, normal zu sein. Machen wir uns nichts vor…

Von Andrea Livnat

Lange habe ich nichts zur Doku gesagt. Habe beobachtet, die zahlreichen Kommentare in allen großen Medien verfolgt. Jeder hatte etwas dazu zu sagen, viele Beiträge haben die Dokumentation verteidigt, andere haben von den handwerklichen Fehlern gesprochen. Wirklich interessant, wieviel Wind so ein Film machen kann. Noch nie wurde wohl über eine Doku so intensiv gesprochen ohne dabei das Thema selbst zu besprechen. Mir fiel ganz ehrlich nichts mehr dazu ein, eine gewisse Sprachlosigkeit hatte sich eingestellt.

Und dann ist der WDR tatsächlich eingeknickt, hat die Ausstrahlung angekündigt. Aber mit einer begleitenden Diskussionsrunde. Was er als öffentlich-rechtliches Fernsehen natürlich tun kann/soll. Aber damit nicht genug, der WDR hat auch einen Faktencheck zur Doku veröffentlicht, auf den während der Doku ständig hingewiesen wurde. 29 Fehler will der WDR da im Film gefunden haben. Ob sie das wirklich sind, kann man genauso diskutieren, aber das soll hier nicht Thema sein (wobei die Sache mit dem Bataclan schon wirklich dreist ist!). Es dürfte sich wohl um einen einmaligen Vorgang handeln, einmalig in der deutschen TV-Geschichte. Schon klar, Antisemitismus ist ein heikles Thema und wir Juden sind ja auch immer so schnell beleidigt. Da will der WDR halt nichts falsch machen.

Und doch ist alles falsch gelaufen. Von Anfang an. Und die Diskussionsrunde nach der Ausstrahlung war der traurige Höhepunkt dessen. Zum einen die fachliche Frage, denn, wie Michael Wolffsohn richtig feststellte: „Wenn Sie die von Ihnen propagierten Standards immer anwenden würden, dann hätten Sie nur Testbilder.“ Und dann natürlich die inhaltlichen Fragen. Der notorische Rolf Verleger, dem ausgerechnet der in Deutschland lebende, in Israel geborener Araber Ahmad Mansour erklären muss, warum der Zentralrat der Juden IN DEUTSCHLAND (!!!) nicht die israelische Regierung kritisieren muss. Oder die „Nahostexpertin“ Gemma Pörzgen, die meint, man müsse zur Aufklärung in Schulen „nicht nur vom Holocaust“ reden, sondern auch vom „Narrativ der Palästinenser“. Es ist ganz einfach nur unglaublich…

Und nein, natürlich sind nicht alle Antisemiten, die Israel kritisieren (gähn!), nein, nicht der menschelnde Herr Blüm und nicht die rührige Frau Pörzgen, Gott behüte. Und nein, der Film wird keinen Oscar für die beste Doku gewinnen, und ja, er verfolgt ganz eindeutig eine bestimmte Agenda. Und das ist auch alles gut so, denn auch dem letzten Realitätsverweigerer unter uns sollte nun klar geworden sein, woher der Wind bläst. Es wird kein „normales“ Leben für Juden in Deutschland geben. Das zeigt nicht nur die Doku, sondern auch der Umgang mit ihr.