Schnaittach – ein halbes Jahrtausend jüdische Geschichte

In unserer neuen Artikelreihe stellen wir Relikte des fränkischen Landjudentums vor. Jahrhundertealte aufgelassene Friedhöfe, Gebäude, die einst als Synagogen dienten, aber auch andere steinerne Zeugnisse, wie etwa Inschriften oder Symbole. Das Landjudentum ist schon lange nicht mehr existent. Bereits im 19. Jahrhundert lösten sich zahlreiche der kleinen Gemeinden auf. Die restlichen wurden während des Nationalsozialismus liquidiert. Doch vereinzelt gab es nach 1945 erneut jüdisches Leben auf dem Land – davon zeugen die Hachscharot-Kibbuzim, Bauernschulen, in denen Überlebende der Shoa für ihre Zukunft in Erez Israel ausgebildet wurden…

Hebräische Jahreszahl an der Wand der Synagoge Schnaittach 330 (nach der kleinen Zählung), © nurinst-archiv

Schnaittach

Vermutlich kurz nach der Vertreibung der Juden aus Nürnberg zum Ende des 15. Jahrhunderts ließen sich erste jüdische Familien in Schnaittach nieder. „Die Verfolgungen, welche die Juden im 13ten und 14ten Jahrhundert zu Nürnberg erduldeten, mochte sie veranlasst haben, Wohnsitze aufzusuchen, die, in der Nähe ihrer früheren Verbindungen, den Schutz eines fremden Landesherrn gewährten“, ist in etwas antiquiertem Deutsch in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums“ vom 3. September 1842 nachzulesen. „Für diese Ansicht spricht eine Angabe des Schnaittacher Zinsbuchs von 1560, welches eine Grabstätte und mehrere Häuser der Juden zu Schnaittach und Ottensoos angibt.“

Schon zum Anfang des 16. Jahrhunderts (urkundlich erstmals erwähnt 1537) wurde am Rande der Ortschaft ein eigener Friedhof angelegt, auf dem später auch die umliegenden jüdischen Gemeinden aus Ottensoos, Forth und Hüttenbach ihre Toten beerdigten. Wenige Dekaden später entstand auch die erste Synagoge mit Rabbinerhaus und Mikwe, die im Lauf der Jahrhunderte immer wieder erweitert und umgebaut wurde. Das Gebäude besteht heute noch, eine mit hebräischen Zeichen geschriebene Jahreszahl 5330 (1569/70) erinnert an die Entstehung des Gotteshauses.

Im Dreißigjährigen Krieg litten die Juden unter der großen Abgabelast durch den Landesherrn. Zudem wurden durch das „Kriegsvolk“ ihre Häuser „ruinirt und fast zu grund verderbt“. Erst mit dem Friedensschluss von 1648 verbesserte sich die Lage der jüdischen Minderheit; die Gemeinde blühte insbesondere im 17. und 18. Jahrhundert auf und wurde zum Sitz eines Landesrabbinats mit Talmudhochschule. Neben dem alten Friedhof aus dem 16. Jahrhundert entstanden 1834 und 1897 weitere Grabstätten in Schnaittach.

Blick über den ersten jüdischen Friedhof in der Abendsonne. Im Laufe der Jahrhunderte versanken die Steine immer tiefer in der Erde, © nurinst-archiv

Durch die allgemeine Stadtflucht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor die jüdische Gemeinde zunehmend an Bedeutung, bestand jedoch bis in die 1930er Jahre. Während des Nationalsozialismus wurden die Friedhöfe sowie die Synagoge geschändet, die jüdischen Bewohner vertrieben. Nur ein Jude kehrte nach der Shoa nach Schnaittach zurück. Er fand seine letzte Ruhestätte 1952 auf dem örtlichen Beit Olam.

Seit 1996 befindet sich im Gebäude der ehemaligen Synagoge eine Dependance des Jüdischen Museums Franken. In der Dauerausstellung werden Sachzeugnisse jüdischer Landkultur aus ganz Süddeutschland präsentiert, darunter nicht nur Dinge des religiösen Rituals, sondern auch Alltagsgegenstände aus der jüdischen Gemeinde Schnaittach. Schon das einzigartige und authentische Gebäude lässt die faszinierende über 500 Jahre alte jüdische Geschichte erleben. Zur Vertiefung bietet das Museum ein regelmäßiges Programm mit Konzerten, Vorträgen und Exkursionen an.

Innenraum der Synagoge während der Renovierung 1995, © nurinst-archiv

Nach einem Besuch des Jüdischen Museums kann man die eng beieinander liegenden jüdischen Friedhöfe besichtigen. Im Anschluss empfiehlt sich eine kleine Wanderung zum Brauereigasthof Enzensteiner, im Ortsteil Enzenreuth, um dort den Tag mit einer Brotzeit zu beschließen. (jgt)

Anfahrt:

A 9, Ausfahrt Schnaittach; mit dem Zug von Nürnberg, DB-Regionalbahn Richtung Simmelsdorf-Hüttenbach.

Quellen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918–1945. Geschichte und Zerstörung, München 1979.
Bernhard Purim, Jüdisches Schnaittach, Einladung zu einem Rundgang, Haigerloch 1999
Gerhard Philipp Wolf/Walter Tausendpfund, Jüdisches Leben in der Fränkischen Schweiz, Erlangen 1997
Über die ersten Niederlassungen der Juden in Mittelfranken, in: Allgemeine Zeitung des Judenthums, No 36/1842

Index – Juden in Franken – ein historischer Überblick

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