Lenas Erwachen

Die junge Lena ist Feuer und Flamme für den Führer. Mit zehn beginnt ihre Karriere in der nationalsozialistischen Bewegung. Die meisten an ihrer Schule folgen, jubeln: „Heil Hitler!“ Nur ein paar wenige zweifeln, stellen Fragen. Lenas ältere Schwester Karla ist eine von ihnen. Doch Lena will so etwas nicht hören. Der Umzug der Familie nach Berlin spornt sie noch an. Endlich dem Führer nah! Aber die Reichshauptstadt macht auch Karla Mut. Sie trifft auf eine Widerstandsgruppe. So geht jede der Schwestern ihren Weg, bis sie sich wiedersehen. In Auschwitz …

Andreas Krusch‘ Roman begleitet eine deutsche Familie von 1937 bis 1945. Anfangs manchmal ein wenig langatmig, da der Autor viele zeitgenössische Dokumente in die Handlung integriert hat, spitzt sich die Handlung mit der Zeit zu. Lenas Vater, verstrickt in den gewaltsamen Tod eines jüdischen Nachbarn, verfällt dem Alkohol, der kleine Bruder, geistig behindert, muss in eine Heim eingeliefert werden und stirbt kurze Zeit später, obwohl immer kerngesund. Kleine Momente des Zweifels, die aber an Lenas Begeisterung für den Führer und die Bewegung nicht rütteln können. Von ihrer fanatischen Cousine wird Lena dazu gebracht, eine jüdische Mutter mit ihren Kindern zu denunzieren, auch die Zweifel, ob das richtig war, kann sie erfolgreich verdrängen. Erst als es schon viel zu spät ist, versteht sie, in Auschwitz, wo sie vier Monate als „Erziehungsmaßnahme“ verbringt und ihre Schwester zurücklassen muss. Zurück in Berlin muss sie feststellen, dass es kein Zuhause, keine Hoffnung, keinen sicheren Ort mehr gibt.

Dem Autor, der seit 1993 Drehbücher, Kurzgeschichten und Romane verfasst, gelingt es sehr eindrucksvoll, ein Porträt einer typisch deutschen Familie in den Jahren des Nazi-Regimes zu zeichnen. Viel Raum nehmen die BdM-Aktivitäten Lenas ein, die dem Leser vor Augen führen, wie Kindern die Ideologie eingetrichtert wurde, wie sie zu bedingungslosen Anhängern wurden. Coco Schumann, 1924 in Berlin geboren und Auschwitz-Überlebender, betont in seinem Vorwort zum Roman die Faszination der Hitler-Jugend: „Aufgeregt waren wir, als der Lehrer uns von der Hitlerjugend erzählte. Eine neue Vereinigung, in der wir jetzt alle Mitglied würden. Wir alle, dachte ich stolz, bis der Lehrer mir erklärte, dass ich als Jude damit nicht gemeint sei. (…) Es war 1933 und die Fackelzüge der Nationalsozialisten, die Uniformen und die Fahren, faszinierten mich, wie wohl jeden neunjährigen Jungen.“

Andreas Krusch möchte mit seinem Roman die Erinnerung wachhalten. Gerade in diesen Zeiten: „An jedem Wochenende irgendwo ein Neonazi-Aufmarsch, Jugendlager nach HJ-Vorbild, brauner Ungeist auf Deutschlands und Europas Straßen. Selbst in Russland und Amerika marschiert er schon. Das Vergessen greift um sich. Die letzten Zeitzeugen treten ab. Geschichtsklitterung und Leugnen historischer Fakten nehmen ihre Plätze ein.“

Es ist kein einfaches Buch, aber eines, das helfen kann zu verstehen. Als solches wäre es als Lektüre für die Oberstufe sehr zu empfehlen.

Andreas Krusch, Lenas Erwachen, CreateSpace 2016, 480 S., Euro 16,00, Bestellen?

Kommentar verfassen