Von Korfu nach Auschwitz

Die Historikerin Diana Siebert beschreibt in einer Studie die Geschichte der Schoa auf der Insel…

Von Roland Kaufhold

Viel ist es nicht, was heute an die knapp 2000 ermordeten Juden von Korfu erinnert: Ein Denkmal in der Nähe der Festung mit einem kleinen nackten Jungen, der sich schutzsuchend an seinen Vater schmiegt. Ein Roman von Vasilis Boútos (1997), der in Griechenland sehr viel Empörung auslöste. Und seit 2001 eine metallene Gedenktafel unterhalb der neuen Festung mit der Mahnung: „Never again for any Nation: Dedicated to the memory of the 2000 Jews of Corfu who perished in the Nazi Concentration Camps of Auschwitz and Birkenau in the Juni 1944.“

Es hat lange gedauert, bis man hierzulande vom brutalen Wüten der 10.000 deutschen Fallschirm- und Gebirgsjäger auf Kreta erfuhr. Oder von den nur 2000 Überlebenden der ehemals 50.000 Juden von Thessaloniki. In einigen Orten in Griechenland hingegen gab es Rettungsaktionen für die Juden durch die griechische Bevölkerung – wie auch in Bulgarien, Dänemark und Albanien. Auf der Insel Zakynthos etwa wurden alle von der Deportation bedrohten 275 Juden in einem Akt der Solidarität, vorangetrieben durch den Bürgermeister und den Bischof, gerettet – und die Inselbevölkerung war hiermit einverstanden.

Die Historiker und Osteuropaexpertin Diana Siebert, zuvor langjährige Geschäftsführerin der Kölner Grünen, hat eine materialgesättigte Studie über die Geschichte Korfus bis zum Jahre 1944 vorgelegt. Hierin finden sich auch umfangreiche Darstellungen über die verschiedenen, sich strategisch widersprechenden Faschismen in Italien, Deutschland und Griechenland, wie auch über das jüdische Leben und die Shoah. „Aller Herren Außenposten“ hat sie ihre Studie treffend beschrieben.

Mob

Korfu, mit 100.000 Einwohnern die siebtgrößte Insel Griechenlands, gehörte seit 1864 zu Griechenland. Über Jahrhunderte gab es einen recht hohen Anteil von Juden. 1891 wurde ein jüdisches Mädchen ermordet, woraus ein antisemitisches Pogrom erwuchs. Der Mob versammelte sich vor dem jüdischen Viertel, 20 Juden wurden ermordet. In der Folge verließen 3000 der 5000 Juden Korfu und emigrieren nach Ägypten, Frankreich, Großbritannien und Italien.

Korfu war, wie ganz Griechenland, von mehreren Faschismen bedroht. 1922 kam in Italien Mussolini an die Macht, mit seinem sehr eigenen Verständnis vom Faschismus. 1927 proklamiert der „Duce“ in einer Rede: „Faschismus bedeutet Einigkeit, Antisemitismus dagegen Destruktion. Wir in Italien finden es höchst lächerlich, wenn wir hören, wie die Antisemiten in Deutschland durch den Faschismus an die Macht kommen wollen.“

1923 kam es zu einer heute vollständig vergessenen Bombardierung der Alten Festung auf Korfu durch das faschistische Italien, als Reaktion auf einen politischen Mord, Vorboten des herannahenden Schreckens. Mindestens 15 Menschen starben. Korfu wurde durch Italien besetzt. Auch wenn die Besetzung nur kurz währte: Der Groll Mussolinis blieb, und der Faschismus kam 1933 in Deutschland und 1936 in Griechenland an die Macht.

Diana Siebert unterteilt das grausame Schicksal der Juden von Korfu sowie die Besetzung Griechenlands ab 1940 in vier Phasen: Im November 1940 wird die Insel von italienischen Truppen bomnardiert; der Griechische Diktator Ioánnis Metaxás reagierte kühl, besonnen und taktisch hierauf. Im April 1941 wird Korfus von Italien besetzt; die Juden jedoch bleiben unter italienischer Herrschaft bis 1943 von Übergriffen verschont. Nach dem Frontwechsel Italiens im September 1943 besetzten die Deutschen Korfu. Eine traumatische Erfahrung: Korfu erlebte die „schwerste Zerstörung ihrer Geschichte.“ Während die Deutschen gegenüber den griechischen Bewohnern Korfus eine Doppelstrategie zwischen Terror und Angeboten betrieb, war ihr eigentliches Ziel die Vernichtung der Juden. Im Juni 1944 begann der von den Deutschen akkurat vorbereitete und systematisch betriebene Abtransport der Juden über Lefkáda nach Athen und von dort in das Vernichtungslager Auschwitz. Waffen-SS, SD, Wehrmacht, Geheime Feldpolizei, SS und sogar die Marine arbeiteten hierbei eng zusammen.

Auschwitz

Am 8. Juni 1944 ergeht der Befehl für die 2000 Juden, sich zu versammeln. Nur etwa 200 von ihnen widersetzen sich, fliehen in die Umgebung der Stadt oder werden von nichtjüdischen Griechen versteckt. Mitte Juni beginnt der Abtransport, am 29./30.6.1944 erreicht der Zug Auschwitz: „Über 1400 Menschen wurden sofort in die Gaskammern gebracht, 446 Männer und 175 Frauen ins Häftlingslager eingewiesen.“ Nur 187 Juden von Korfu entgehen der  Vernichtungsmaschinerie in letzter Minute. Einer von ihnen ist Armando Aaron, Vorsteher der Jüdischen Gemeinde. Claude Lanzmann hat ihm in seinem filmischen Epos Shoah ein Denkmal gesetzt.[i]

Deutsche Täter

Geplant und durchgeführt wurde die Shoah durch Obersturmführer Anton Burger, in Athen Leiter des „Judenreferats“. Dieser ging davon aus, dass die griechische Bevölkerung die Ermordung der Juden hinnehmen werde. Das Rote Kreuz versorgte zwar, mit Einwilligung der deutschen Besatzer, Menschen mit Essen, schaute beim Abtransport der Juden jedoch zu. Der 1911 geborene Burger wurde nach Kriegsende zwar von der Tschechoslowakei in Abwesenheit zum Tode verurteilt, floh jedoch und lebte bis 1991 mit falschem Pass als Rentner in Essen. Auch Geheimdienstler Starl erwarb, ungerührt von den Verbrechen, nach Kriegsende ein Anwesen auf Korfu und verbrachte dort seine Urlaube. Ein gelegentlicher Gast war General der Gebirgstruppe Hubert Lanz, Befehlshaber des Massakers auf Kefalonia vom September 1943. Er wurde 1947 zu zwölf Jahren Haft verurteilt, kam nach vier Jahren wieder frei und wurde in der FDP Berater für militär- und sicherheitspolitische Fragen.

Deutsche Motive

Diana Siebert benennt sechs Gründe, warum die Juden auch auf Korfu nicht gerettet werden konnten und schließt sich der These des Historikers und Publizisten Sebastian Haffner an, dass die Deutschen sich in der Endphase des Krieges mehr darauf konzentrierten, die Juden zu vernichten als den Krieg zu gewinnen. Sie betont: Die Deutschen waren „fleißig bestrebt, nicht jüdische (christlich-orthodoxe) Griechen auf ihre Seite zu ziehen, so dass es für die Juden wenig Unterstützung gab.“

Nach der Shoah kehrt ein Teil der Überlebenden nach Korfu zurück, die Mehrheit emigriert, viele hiervon nach Eretz Israel. Heute leben nur noch wenige Zeitzeugen. Die Gemeinde in Korfu besteht aus etwa 60 Mitglieder. Die Erinnerung an die Shoah ist auch auf Korfu über viele Jahrzehnte weitestgehend ausgeblendet und verleugnet geblieben.

Diana Siebert (2016): Aller Herren Außenposten – Korfu von 1797 bis 1944 , 272 Seiten, über 160 meist farbige Abbildungen, ISBN 978-3-00-052502-5, 24,99 Euro, Bestellen?

Mehr zum Buch: http://korfubuch.de

Bild oben: In der Synagoge angebrachten Gedenktafel aus dem Jahr 2002, auf der Nachnamen der in Auschwitz Ermordeten eingemeißelt sind, (c) D. Siebert

Eine gekürzte Version dieser Besprechung ist in der Jüdischen Allgemeinen, 21.4.2017 erschienen.

[i] Zwei Zeitzeugeninterviews mit Armando Aaron und weiteren griechischen Überlebenden zur Erinnerung an die Shoah: https://www.ushmm.org/online/film/display/detail.php?file_num=5512&clip_id=BD0F976E-B320-421D-8BE8-247AB7960E9CSowie: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn513550

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