„Deutsche Musik der gehobenen Klasse“ – Zum Tod der Sängerin Dahlia Lavi

Am 3. Mai verstarb im Alter von 74 Jahren in Asheville im US-Bundesstaat North Carolina die israelische Schauspielerin, Sängerin und bemerkenswerte Persönlichkeit Dahlia Lavi. – Gewiss, in der sich für gebildet haltenden (oberen) Mittelschicht wurde sie nicht sehr ernst genommen bzw. wurde die Rolle, die sie jenseits ihrer Eigenschaft als Sängerin der leichten Muse spielte, lange Zeit über nicht erkannt. Man rümpfte eher die Nase. Ein Schlagersternchen, wie so viele andere auch. Noch so eine aus dem buntgemischten Hitparaden-Eintopf wie sie so typisch für die BRD der 1970er waren. Kein Name, jedenfalls, den man sich unbedingt merken musste. – Oder vielleicht doch?…

Von Robert Schlickewitz

Lassen wir ein paar Deutsche über Dahlia Lavi zu Worte kommen:

„Für uns damals, in einem von katholischen Schwestern geleiteten Waisenhaus, da gab es nur einen Schwarzweißfernseher mit zwei Programmen, da war die Dahlia Lavi etwas ganz Besonderes. Sie sah so anders aus, hatte eine kehlige, aber doch sympathische, Stimme und so herrliche Augen… Und ihre Lieder hatten auch intelligente Texte, nicht so’n Quatsch wie bei den anderen Sängerinnen… Ich glaube, wir alle waren Fans von ihr und sie hat uns Israel irgendwie nahegebracht. Sie war so ganz anders als man sich so Juden oder Jüdinnen bei uns vorstellte. Und dann…, für uns Waisenhäusler stellten die Karl-May-Filme damals ein paar von den ganz wenigen schönen Momenten in unserem Leben, dar. Einem Leben, in dem auch geschlagen wurde, sogar sehr häufig geschlagen wurde, so zur Erziehung, da erlebten wir die Dahlia Lavi als die Schwester vom Winnetou… Da sah sie genauso aus, wie wir uns die Rothäute, ich meine die Indianer, so vorgestellt hatten. Die Dahlia passte so gut zum Winnetoudarsteller Pierre Brice! Die Dahlia wirkte echt überzeugend. Ja, schade um sie, sie hat uns damals wirklich was bedeutet, hat unser Leben bereichert, möchte ich mal sagen…“

“Mit ihrer faszinierenden Ausstrahlung und Persönlichkeit hauchte sie ihren meist sehr schönen Liedern so viel Leben ein, wie man es in der deutschen Showszene nur sehr selten erlebt hatte. Sie stand voll hinter dem, was sie sang, und genau das ist, was die Faszination ihrer Lieder ausmacht. Außer Katja Ebstein gab es wohl damals keine deutschsprachige Sängerin, die ihr das Wasser reichen konnte. Das sie zwischen 1970 und 1975 zu den populärsten deutschsprachigen Sängerinnen gehörte und ihr in dieser Zeit eine ganze Reihe Hits gelangen…

Durch ihre wunderbare Interpretation und ihrer Persönlichkeit werden die ohnehin schon guten Lieder noch um einiges aufgewertet. Auch nach über 30 Jahren ihres Entstehens haben die Lieder nichts von ihrer Faszination verloren. Wer einmal deutschsprachige Lieder der 70er Jahre fernab vom Schlagermief kennenlernen oder wiederentdecken möchte, der ist mit dem Album „Willst du mit mir gehen“ auf der sicheren Seite.“

“Daliah Lavi war eine tolle Sängerin, die heute noch sehr gern in meinen Bekanntenkreis gehört wird… Sie erinnert mich an meine Jugendzeit mit ihren Liedern, ich höre Daliah heute noch sehr gern. Ihre Ausstrahlung und ihre Stimme, war und ist einmalig geblieben. Seit kurzem habe ich ein privates Foto aus heutiger Zeit von ihr. Leider hat sie ihre Löwenmähne schon lange abgelegt, ist aber für ihr Alter immer noch eine sehr schöne Frau geblieben.“

“Großartige Frau! Tolle Songs!“

“Immer wieder in Ordnung. Deutsche Musik der gehobenen Klasse.“

Die hier Gepriesene war am 12. Oktober 1942 im nicht weit von Haifa gelegenen Moshaw Shavei Zion geboren worden. Ihre Mutter entstammte einer deutsch-schlesisch-jüdischen, ihr Vater einer russisch-jüdischen Familie. Die Großeltern, sowie zahlreiche weitere Verwandte waren von Deutschen ermordet worden. Dennoch wurde Deutsch zu Dahlia Lavis zweiter Muttersprache, denn in der Familie und in der Nachbarschaft wurde Deutsch gesprochen, neben Hebräisch.

Über Zufälle und mit einer gehörigen Portion Glück hatte sie ein Stipendium zur Ausbildung als Tänzerin an der Königlichen Oper in Stockholm erhalten; ebenfalls in Schweden spielte sie in einem Kinofilm mit, in einer kleinen Rolle. Es folgte ihr Militärdienst bei den israelischen Streitkräften, und dann stand sie wieder vor der Kamera, diesmal als Mannequin. Sie wurde „entdeckt“ und bekam Rollen, auch Hauptrollen, in einer Reihe von Kinofilmen.

Sie heiratete einen französischen Kaufhausbesitzer und ging mit ihm nach Frankreich. Auch dort trat sie in Filmen auf und erwarb sich so ganz nebenbei den inoffiziellen Ruf „Israels Antwort auf Sophia Loren“ zu sein, durchaus als Kompliment zu verstehen. Ihre Filmkarriere dauerte insgesamt immerhin über ein Jahrzehnt an und beinhaltete auch deutsche Produktionen bzw. Koproduktionen; unter den Titeln befinden sich solche, die aufhorchen lassen, darunter u.a. „Dr. Mabuse“, „Cyrano und d’Artagnan“, „Old Shatterhand“, James Bond 007 („Casino Royale“), „Catlow“, „The Silencers“ und „Il Demonio“.

Letzterer Streifen wurde übrigens in Deutschland nie, oder nur mit großer Verspätung öffentlich aufgeführt, weil die FSK, die „Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“, zu deren Aufgaben im Schwerpunkt die Überprüfung der Altersfreigabe von Medien gehört, und zu deren Ausschüssen auch Vertreter der beiden deutschen Staatskirchen zählen, es nicht zulassen wollten, dass Deutsche mit dem als leidig erachteten Thema „Teufelsaustreibung“ behelligt würden. Schließlich hält die katholische Kirche bis auf den heutigen Tag verbissen fest an diesem mittelalterlichen, und mit hoher Berechtigung als grotesk eingestuften, nicht selten tödlich endendem, Schabernack. 

Dahlia Lavi hingegen hat ausgerechnet diesen Film als einzigen guten Film ihrer Schauspielerinnenlaufbahn bezeichnet. Die Golden-Globe-Verleiher nominierten sie übrigens für ihre Rolle in einem anderen Streifen, in „Zwei Wochen in einer anderen Stadt“, zur „Besten Nachwuchsdarstellerin“. Ihren letzten Kinofilm, einen Western mit Yul Brynner, drehte die Israelin im Jahre 1971.

Wahrscheinlich schon drei Jahre zuvor hatte sie ihre erste Schallplattenaufnahme eingespielt: „Yerushala’im shel zahav“ – in London, und begleitet vom Emmanuel Fisher Choir. Auch ihre ersten Auftritte als Sängerin vor Publikum hatte sie im Vereinigten Königreich gehabt, und obendrein den ersten Vertrag mit einer britischen Plattenfirma.

In ihrer Sängerinnenkarriere konnte sie allerdings, von Produzent Jimmy Bowien bei der deutschen Polydor unter Vertrag genommen, erst in Deutschland so richtig durchstarten, wobei „Liebeslied jener Sommernacht“ zu ihrer ersten deutschen Single wurde.

Auch wenn zahlreiche der nun folgenden Titel zusätzlich in französischer, englischer, hebräischer, italienischer und spanischer Sprache aufgenommen wurden, die Nachfrage nach den Platten der Sängerin war stets in Deutschland am größten.

Die deutsche Wikipedia, die auch sämtliche ihrer deutschen Titel minutiös aufzählt, informiert:

Sie überzeugte besonders das Publikum im deutschsprachigen Raum mit ihren Interpretationen anspruchsvoller Pop-Songs, die sich vom damaligen „Schlagereinerlei“ deutlich absetzten. Bei einem Großteil von Lavis musikalischen Erfolgen handelte es sich zwar um deutschsprachige Coverversionen englischer Songs, die aber mit Hilfe neuer Arrangements und vor allem textlich, zumeist aus den Federn von Textern wie Miriam Frances oder auch Michael Kunze hervorstachen. Diese speziell auf Lavi zugeschnittenen Versionen waren in Verbindung mit ihrem dunklen Timbre oftmals in Deutschland weitaus erfolgreicher als die Originalversionen.

Bemerkenswert erscheint auch folgendes Zitat aus gleicher Quelle:

Der Umstand, dass Lavi als eine Jüdin mit deutschen Wurzeln in dem Land auftrat, das nur wenige Jahre zuvor ihrer Familie großes Leid angetan hatte, wurde in der deutschen Öffentlichkeit nicht thematisiert. Neben Lavi verzeichneten auch andere israelische Sänger in dieser Zeit Erfolge in Deutschland, so Carmela Corren, Esther Ofarim mit Abi Ofarim und Elisa Gabbai. Lavi sagte dazu später: „Für mich waren die Konzerte in Deutschland fantastisch. Ich konnte dadurch in Kontakt kommen zu den jungen Leuten. Und diese jungen Leute trugen keine Schuld am Holocaust.“ Sie habe nie Antisemitismus in Deutschland erlebt, weil sie dies auch nicht zugelassen habe, sie habe niemandem das Gefühl gegeben, dass man sie angreifen könne.

Und woanders („Ballroom Blitz“ von Claus Salewski, REO-Editions) ist zu lesen:

Auf ihren Alben glänzte sie mit einer ausgewogenen und interessanten Mischung aus Schlagern und zeitkritischen Liedern, von Daliah gekonnt interpretiert. Auf der Bühne zeigte sie sich als wahres Energiebündel, das sein Publikum jederzeit mitreißt. Titel wie „Oh wann kommst du“, „Jerusalem“, „Wer hat mein Lied so zerstört, Ma“, „Willst du mit mir gehen“, „Ich glaub‘ an die Liebe“, „Meine Art Liebe zu zeigen“, „Wär ich ein Buch“, „Es geht auch so“, „Nichts haut mich um, aber du“ und „Weißt du, was du für mich bist“ machten sie in Deutschland zu einer der beliebtesten und gefragtesten Sängerin des gehobenen Schlagers. So ist es kein Zufall, das Daliah 1975 zur beliebtesten Sängerin Deutschlands gewählt wurde… In der zweiten Hälfte der 70er Jahre ließ der Erfolg für die sympathische Sängerin langsam nach. Obwohl sie bis Mitte 80er Jahre immer wieder hervorragende Platten auf den Markt brachte, konnte sie an die Erfolge der 70er Jahre nicht mehr anknüpfen. Ab den 90er Jahren zog sich ins Privatleben zurück. Trotzdem hat sie ihr deutsches Publikum nicht vergessen. Ihre seltenen Auftritte im deutschen Fernsehen gehören nach wie vor zu den Höhepunkten in den oft öden deutschen Unterhaltungssendungen.

1974 veröffentlichte Dahlia Lavi ihre ausschließlich in hebräischer Sprache gesungene LP „I’m Israeli – I’m a Sabra“. Gegen Ende der 1970er listete ihre Produktion für den deutschen Markt neben Schlagern auch Chansons, Country- und Discotitel auf.

Bis ins letzte Jahrzehnt gelangen der Sängerin immer wieder kleinere Comebacks in Deutschland, immer wieder wurden Platten eingespielt, immer wieder trat sie in Deutschland vor Saalpublikum oder in TV-Übertragungen bzw. Fernsehshows auf. Ihre Deutschland-Abschieds-Tournee datiert von 2009 und ihr letzter Auftritt im deutschen Fernsehen (ZDF) vom November 2011.

Um ihr Auskommen im Alter brauchte sich Dahlia Lavi keine Sorgen zu machen; seit 1992 war sie mit dem US-Industriellen Charles E. Gans, ihrem vierten Gatten, verheiratet. Aus ihren Ehen waren insgesamt vier Kinder hervorgegangen und einer ihrer Söhne trat sogar in die musikalischen Fußstapfen der Mutter, wenngleich wesentlich weniger erfolgreich als diese.

Man geht wohl nicht fehl, wenn man abschließend feststellt:

In gewisser Weise steht Dahlia Lavi in der deutschen U-Musik da, wo Ephraim Kishon in der deutschen Belletristik steht – für einen jüdisch-deutschen Neubeginn nach der Shoa. Beide wirkten, freiwillig oder nicht, als private Botschafter des guten Willens, in einer Zeit, in der die (deutsche) Kriegsgeneration noch lebte, ja, noch maßgebend mitbestimmte, und die erste Nachkriegsgeneration ihre Prägung erhielt. In beiden Generationen hatte die israelische Sängerin, hatte der israelische Satiriker, hatten beide ihre Anhänger, ihre Fans (wie sich der Autor noch gut erinnert). Beiden deutschen Generationen vermittelten die zwei israelischen Kulturschaffenden ein lebendiges, optimistisches und durchaus sympathisches Bild des noch jungen Judenstaates. Ohne die zwei hätte die Annäherung wohl nicht so gut geklappt. Daher darf auch von beiden, von Ephraim Kishon wie von Dahlia Lavi, als von „bemerkenswerten Persönlichkeiten“ gesprochen werden.

Bild oben: Daliah Lavi, 1966, (c) Nationaal Archief

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Daliah_Lavi

http://hitparade.ch/album/Daliah-Lavi/Willst-du-mit-mir-geh%27n-Ihre-20-groessten-Erfolge-17283

Eigene Recherchen.

Daliah Lavi דליה לביא‎ – (ירושלים) (Yerushalayim) Hebrew 1975

Daliah Lavi (Beckmann Talk) 27.10.08 – Part 1/3

Daliah Lavi (Beckmann Talk) 27.10.08 – Part 2/3

Daliah Lavi (Beckmann Talk) 27.10.08 – Part 3/3

Daliah Lavi דליה לביא‎ – „Ma Avarech“ („מה אברך“)

Daliah Lavi דליה לביא‎ – „Erev Shel Shoshanim“ ערב של שושנים

Daliah Lavi דליה לביא‎ – „Mi she chalam“ 1974‎ „מי שחלם

Daliah Lavi – Hevenu Shalom Aleichem 1975

Il Demonio (The Demon) Daliah Lavi (1963) – Full Movie – ESP SUB

DALIAH LAVI TRIBUTE

R.I.P. Daliah Lavi – Prends l’amour (live in Frankreich, 1970)

Daliah Lavi’s first record in the UK „Best to forget“ 1970

Daliah Lavi – Let the love grow in your heart 1973

Casino Royale 1966

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