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Jeruschalaim de Lite

Ein neuer Sammelband über die ehemalige Hauptstadt von Jiddischland…

Diese „verwirrende und erregende Altstadt von Wilna, sie schien mir ausnehmend schön“, schrieb Arnold Zweig 1924 in der jüdischen Zeitschrift Menorah. Drei Tage hatte er die multikulturelle Stadt durchstreift, in der das „Litauisch und Weißruthenisch des Bauern mit dem Polnisch des Städters und dem beherrschenden Jiddisch des Kleinbürgers durcheinander geht“, so die Beobachtungen des Literaten. 

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das „Jerusalem Litauens“ nicht nur zu einem Mittelpunkt der jüdischen Orthodoxie, sondern auch zu einem Zentrum der Haskala, der jüdischen Aufklärung, die den Juden säkulare Bildung und Kultur brachte. So verwundert es nicht, dass sowohl die nationalreligiöse Vereinigung Misrachi, die zionistische Partei Poale Zion und auch der sozialistische und antizionistische Algemejner Jiddischer Arbeter Bund in Lite, Pojln und Rusland in Wilna gegründet wurden.

Genossen die religiösen Hochschulen der Stadt schon lange Weltruhm, entwickelten sich auch die säkularen Bildungseinrichtungen bald zu bedeutenden Stätten des Lernens und Lehrens, wie insbesondere das 1925 gegründete Jiddischer Wisnszaftlicher Institut (YIVO), das die jiddische Sprache und Kultur mit wissenschaftlichen Methoden erforschte. Dem Kuratorium der einzigartigen Akademie gehörten viele europäische Intellektuelle an, darunter Albert Einstein, Simon Dubnow und Sigmund Freud. Fast nirgendwo in Europa konnte sich das jüdische Leben lange Zeit so frei und selbstbestimmt entfalten. Die rund 100.000 Juden in Wilna verfügten über namhafte Bibliotheken, über ein blühendes Zeitungs- und Verlagswesen sowie über zahlreiche Theaterbühnen.

Aufgrund des Nichtangriffspaktes zwischen Deutschland und der damaligen Sowjetunion fiel Litauen im September 1939 in den Machtbereich der Sowjets. Daraufhin bildeten sich extrem nationalistische Organisationen, die die Besatzer bekämpften und aus ihrer Sympathie mit dem NS-Regime keinen Hehl machten. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Sowjetunion begann die systematische Vernichtung der litauischen Juden – mit großer Unterstützung von lokalen Kollaborateuren. Im September 1941 wurde die jüdische Bevölkerung von Wilna in zwei Ghettos gepfercht und von dort aus unter tatkräftiger Teilnahme litauischer Helfer in mehreren „Aktionen“ zur Massenexekutionsstätte Ponary getrieben, wo insgesamt rund 100.000 Menschen erschossen wurden.

Am 23. September 1943 wurde das Ghetto endgültig liquidiert, die wenigen arbeitsfähigen Bewohner wurden in Zwangsarbeiter- oder Konzentrationslager verschleppt. Damit endet die Jahrhunderte alte Geschichte des litauischen Jerusalems. Zur Erinnerung an dieses schreckliche Ereignis veranstaltete das Moses Mendelssohn Zentrum 2013 eine wissenschaftliche Tagung – eine historische Rückschau auf das jüdische Leben in Wilna, die Schlaglichter auf die religiöse und säkulare Gelehrsamkeit, die Ghettoisierung und Vernichtung warf.

Nun ist der Sammelband dieser Konferenz erschienen – mit vierzehn Vorträgen von Historikern und Literaturwissenschaftlern aus Deutschland und Litauen. Neben einer Einführung und Verortung in den historischen und kulturellen Kontext werden jiddische Literaten vorgestellt, über Tagebücher aus dem Ghetto berichtet, verschiedene Lebenswelten im Spiegel der Erinnerung thematisiert und die brutale Vernichtung des Ghettos aus Sicht der Mörder beschrieben. Ein weiterer Fokus wird auf die wechselseitigen Einflüsse der Ost- und Westjuden zwischen den beiden Zentren Wilna und Berlin gelegt. Während die Wilnaer Buchverlage etwa die Literatur aus Berlin ins Jiddische übersetzten, wurden die Vorstellungen der rabbinischen Gelehrsamkeit sowie die Ideen der jiddischen Moderne in der deutschen Hauptstadt diskutiert.

Der Band bietet einen kompetenten Einblick in die facettenreiche Geschichte der Wilnaer Juden. Es sind eindrucksvolle Texte über das Leben und Sterben einer einst blühenden jüdischen Metropole und ihrer Menschen. Heute erinnert kaum etwas an das Jeruschalaim de Lite, über das der jiddische Dichter Moische Kulbak einst schrieb: „Ein jeder Stein ist Buch, Wände sind Pergamente; die Nacht für Nacht geheimnisvoll die Seiten wenden. Ach Stadt, bist du nur Traumbild eines Kabbalisten, das grau durchs All schwebt wie ein Spinnennetz im Herbst?“ – (jgt)

Elke-Vera Kotowski/Julius H. Schoeps (Hg.) Vilne, Wilna, Wilno, Vilnius. Eine jüdische Topografie zwischen Mythos und Moderne, Hentrich & Hentrich, Berlin 2017, 202 Seiten, 22,00 €, Bestellen?

Bild oben: Straßenverkäuferinnen im Ghetto (1940), Foto: aus dem besprochenen Band