Gründe für und Präventionsstrategien gegen Salafismus

Der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak und der Sozialwissenschaftler Gerrit Weitzel haben den Sammelband „Salafismus in Deutschland. Jugendkulturelle Aspekte, pädagogische Perspektiven“ mit zwölf Beiträgen zur Attraktivität für Salafismus und Präventionsstrategien dagegen herausgegeben. Auch wenn der Band durch fehlende inhaltliche Abstimmung und häufigere Wiederholungen geprägt ist, liefern die Erörterungen zu den Attraktivitätspotentialen des Salafismus wichtige Anregungen für eine differenzerte Ursachenanalyse…

Von Armin Pfahl-Traughber

Nach islamistischen Anschlägen taucht häufig schnell der „Salafismus“-Terminus in den unterschiedlichen Medien auf. Gleichzeitig kann man lesen, dass es sich hierbei um ein jugendkulturelles Phänomen handele. Die eine Aussage muss kein Gegensatz zur anderen Aussage sein. Denn beim Salafismus geht es um eine komplexe Bewegung, die verschiedene Handlungsstile kennt. Die Gewaltdimension ist nur ein Gesichtspunkt. Die Fixierung auf diese Dimension lenkt den Blick ab von den Fragen: Was bringt Menschen dazu, sich in diesen Kontexten zu betätigen? Und: Welche Maßnahmen können auf der präventiven Ebene dagegen erfolgreich sein? Antworten dazu findet man in dem Sammelband „Salafismus in Deutschland. Jugendkulturelle Aspekte, pädagogische Perspektiven“, der von dem Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak und dem Sozialwissenschaftler Gerrit Weitzel herausgegeben wurde. Er enthält meist Beiträge, die auf eine Tagung an der Fachhochschule Dortmund 2015 zurückgehen, aber noch Aktualität beanspruchen können.

Eingeleitet wird der Band mit zwölf Aufsätzen von Islam- und Sozialwissenschaftlern von Thorsten Gerald Schneiders‘ Beitrag zu den historisch-theologischen Hintergründen des Salafismus mit einschlägigen Ausführungen zu Definitionen, Ideengeschichte und Typologie. Dem folgen Betrachtungen zu den Grundlagen juveniler Vergemeinschaftung von Ulf Kowol, zur Frage: „Warum Salafismus den jugendkulturellen Aspekt erfüllt?“ von den Herausgebern, von Claudia Dantschke zur Attraktivität und Anziehungskraft des Salafismus, von Aladin El-Mafaalani zum Einfluss von Provokation und Plausibilität, von Lanny Kaddor zu den Gründen für den Weg in den „Heiligen Krieg“ und von Alev Inan zu Jugendlichen als Zielgruppe salafistischer Internetaktivität. Die Autoren machen deutlich, dass es keine eindimensionale Erklärung gibt, sondern verschiedene Wirkungsfaktoren ineinander greifen. Dabei betonen sie den Einflussfaktor von Diskriminierung im Alltagsleben, welche von salafistischen Predigern mitunter erfolgreich angesprochen werde.

Dem folgen Abhandlungen zu den Präventionserfahrungen und pädagogischen Ansätzen: Michael Kiefer liefert einen Problemaufriss zur Radikalisierungsprävention, Kemal Bozay erörtert die Möglichkeiten in der politischen Bildung, Götz Nordbruch behandelt Ansätze zur Prävention salafistischer Ansprachen in Schulalltag und Unterricht, David Yuzva Clement geht den Möglichkeiten der akzeptierenden Jugendarbeit bei entsprechend anfälligen Jugendlichen nach, und die Herausgeber fragen abschließend „Können konfrontative Gespräche im Kontext des Salafismus stattfinden?“ Die meisten Beiträge bleiben sehr allgemein und theoretisch, ausführliche Fallbeispiele findet man nur gelegentlich. Allgemein stellen viele Autoren darauf ab, dass Dialogbereitschaft entwickelt, Konfliktlösungsstrategien eingeübt und soziale Identität gefördert werden müsse. Es zeigt sich auch, dass zwar von staatlicher Seite die Präventionsarbeit stark unterstützt wird, aber viele Projekte ihre Arbeit aus einer provisorischen Situation heraus vorantreiben müssen.

Man merkt dem Sammelband eine konstruierte Entstehung an. Nachdrucke von anderen Texten und neu eingeworbene Autoren machen dies deutlich. Auch die Wiederholungen bei der Salafismus-Definition und –Typologien sprechen nicht für eine wirkliche Abstimmung bei dem Projekt. Gleiches gilt für die Ausführungen über die Deradikalisierungsprojekte. Gleichwohl kann man für die Analyse der Gründe für die Attraktivität aus einzelnen Beiträgen viele Erkenntnisse ableiten. Dabei erweist sich auch die vergleichende Betrachtung als sinnvoll, denn es gab in anderen Jugendkulturen ähnliche formale Besonderheiten wie bei den Jung-Salafisten. Bei den Ausführungen zur akzeptierenden Jugendarbeit wären noch vergleichende Erörterungen zu den Erfahrungen im Bereich rechtsextremistischer Jugendlicher sinnvoll gewesen. Bei all diesen Defiziten hat man es in der Gesamtschau doch mit einem interessanten Sammelband zu tun. Gerade für die Analyse der Ursachen einer Attraktivität des Salafismus für Jugendliche liefert er interessantes Material.

Ahmet Toprak/Gerrit Weitzel (Hrsg.), Salafismus in Deutschland. Jugendkulturelle Aspekte, pädagogische Perspektiven, Wiesbaden 2016 (VS Springer), 194 S., Euro 29,99, Bestellen?

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