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Fröhliches Einkaufen

Ich bin ein Supermarkt-Muffel. Aus diesem Grund delegiere ich die ehrenvolle Aufgabe des Einkaufens zumeist an meine Tochter. Doch gestern – angesichts des gähnend leeren Eisschrankes und des verzweifelten Blick des Hundes – verstand sogar ich, dass die häusliche Pflicht rief. Diesmal sollte sich meine Selbstüberwindung lohnen…

Von Anita Haviv Horiner

Den Korb füllte ich mit allerlei Produkten, die ich hauptsächlich nach ihrer Greifbarkeit im Regal und nicht unbedingt nach ihrer hungerstillenden Qualität auswählte. Parallel dazu hielt ich die in Haushaltsangelegenheiten wesentlich kompetentere Juniorin in der Handyleitung, um ihren Anweisungen Folge zu leisten. Während ich – zum offensichtlichen Erstaunen des Verkäufers – zum dritten Mal dieselbe Runde drehte, überkam mich ein vages Glücksgefühl: ausnahmsweise war ich meiner genetischen Bestimmung als Jiddische Mamme gerecht geworden, zumindest für meine Verhältnisse.

Doch es sollte noch besser kommen. An der Kasse erwartete mich ein ungewöhnlicher Anblick. Dort thronte nämlich ein außerordentlich gut gelaunter ultraorthodoxer Mann. Er unterhielt sich mit den Kunden vor mir über ihre Einkäufe, erkundigte sich, wie sie das Fleisch zubereiten, und schärfte ihnen ein, dass sie Brot und alle anderen zu Pessach nicht koscheren Produkte bis Sonntag verzehren müssten.

Wie sich bald herausstellen sollte, verband der fröhliche Prediger seine Beseeltheit mit hervorragender Menschenkenntnis. Instinktiv identifizierte er in mir die religiöser Maßregelung unzugängliche Häretikerin.

Als ich an die Reihe kam, lag mir mein mehrfach erprobter Monolog über den Anspruch auf Freiheit von Religion schon auf der Zunge, doch diesmal sollte die flammende Rede nicht zum Zug kommen.

Gerade als ich zu meiner Vorliebe für nicht koscheres Essen ansetzen wollte, zeigte der Kassierer auf die Zeitung, die er anscheinend für schwierige Fälle wie mich parat hatte.

Der Leitartikel berichtete über die Entkriminalisierung von Marihuana-Konsum durch die Regierung.

Joel – inzwischen kannte ich schon seinen Vornamen – verkündete unüberhörbar laut:

„Ist ja an der Zeit. Ich rauche täglich Marihuana, und meine Rabbiner übrigens auch. Das braucht man einfach. Sonst ist man nicht happy.“ In dieser Sekunde hatte er nicht nur meine liebevoll gehegten und gepflegten Vorurteile gegen Ultraorthodoxe ins Wanken gebracht, sondern auch mein Herz erobert.

„Ich stamme aus Amsterdam, dort ist das ganz normal“, lautete des Rätsels Lösung.

Meine Tochter wunderte sich sehr, als ich ihr anbot, auch nächste Woche die Besorgungen zu tätigen. Und ich freue mich aufs fröhliche Einkaufen.