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100 Jahre Synagoge Augsburg

Das Hundertjährige einer Synagoge ist ein seltenes Jubiläum in Deutschland! Zwischen April und Juni 2017 erinnert deshalb das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben mit vielen Veranstaltungen an die Einweihung der Großen Synagoge Augsburg vor 100 Jahren… 

Zwei Konzerte in der Synagoge rahmen das Jubiläum: Zum Auftakt im März gibt die „Wolfgang Lackerschmid Connection“ mit Stefanie Schlesinger als Gast ein Jazzkonzert, zum Abschluss präsentiert Anfang Juli das Friedberger Kammerorchester zusammen mit dem Augsburger Vokalensemble das Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama (Berlin), Prof. Dr. Michael Brenner (München/ Washington D.C.) und Cilly Kugelmann vom Jüdischen Museum Berlin referieren als Festredner im April, Mai und Juli des Jahres. Sie werden sich mit der Geschichte der Augsburger Synagoge, ihrer Architektur und ihrer besonderen Rolle als Standort des ersten Jüdischen Museums in der Bundesrepublik auseinandersetzen.

Zahlreiche öffentliche Führungen machen zudem mit diesem Juwel der Synagogenarchitektur bekannt. Sie laden mittwochs und sonntags zum (Neu-)Entdecken der Synagoge und des Museums ein.

Drei Ausstellungen eröffnen im Rahmen des Jubiläumsprogramms unterschiedliche Zugänge zur jüdischen Geschichte und Kultur in Augsburg, der Region und darüber hinaus. Es beginnt mit einem Ausstellungsprojekt von Studierenden der Universität Augsburg ab April in der ehemaligen Synagoge in Kriegshaber, seit 2014 Zweigstelle des Museums. Die Ausstellung präsentiert Leben und Werk der Schriftstellerin Paula Buber und will sie aus dem Schatten ihres berühmten Ehemannes Martin Buber herausholen.

Ebenfalls in der Dependance in Kriegshaber zeigt die Dachauer Künstlerin Esther Glück zwischen Juni und September die Installation Erinnerungsräume. Inspiriert von den behutsam erhaltenen Spuren jüdischen Lebens in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber, formt Glück ihre Eindrücke zu einem wilden, dennoch schutzbedürftigen Garten.

(c) Esther Glück

Die dritte Ausstellung entsteht zusammen mit und im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim): Ende Juni wird dort die Ausstellung Kahn & Arnold – Aufstieg, Verfolgung und Emigration zweier Augsburger Unternehmerfamilien im 20. Jahrhundert eröffnet. Sie erinnert an zwei Unternehmerfamilien, die seit dem späten 19. Jahrhundert die Textilmetropole Augsburg maßgeblich prägten, von den Nazis aber in den Tod oder in die Emigration getrieben wurden.

Schließlich lädt das Jüdische Kulturmuseum aus Anlass des Synagogenjubiläums zu einem Treffen von Nachfahren jüdischer Familien ein, die in der NS-Zeit aus Augsburg flüchten mussten. Zu dieser Augsburg Reunion reisen zahlreiche Gäste aus Israel, den USA, Südafrika und Großbritannien nach Augsburg, um sich in Stadt und Region auf die Spuren ihrer gewaltsam vertriebenen Vorfahren zu begeben. Ein abwechslungsreiches Programm sorgt für Möglichkeiten vielfältiger Begegnung untereinander und mit den heutigen Augsburgern.

Den eigentlichen Festakt organisiert die Israelitische Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg am 28. Juni 2017 für geladene Gäste in der Synagoge, er wird gerahmt vom Philharmonischen Orchester Augsburg.

Weitere Informationen zu den Veranstaltungen: www.jkmas.de

Bild oben: Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben/Franz Kimmel

Hintergrund: Die Augsburger Synagoge und ihre zwei Gemeinden 1917–2017

Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben/Franz Kimmel

„eine Zierde der Stadt und ein Stolz der Gemeinde“

Am 4. April 1917 wurde die Augsburger Synagoge eingeweiht. Gemeinderabbiner Richard Grünfeld lobte sie als „eine Zierde der Stadt und ein Stolz der Gemeinde“. Dem imponierenden Monumentalbau ist eine hundertjährige Geschichte von Aufbrüchen und Umbrüchen, von Vertreibung und Flucht, aber auch von immer neuer Hoffnung eingeschrieben.

Die Architekten Dr. Heinrich Lömpel (1877–1951) und Fritz Landauer (1883–1968) entwarfen den Prachtbau vor über 100 Jahren im Kontext der Jüdischen Renaissance, die eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Judentums mit einer Neuerfindung der Tradition verband. Die Architektur kombiniert Anleihen an der Antike, dem Jugendstil und der Neuen Sachlichkeit mit byzantinischen und orientalisierenden Elementen. 

Das Gotteshaus, dem zwei Gemeindehäuser vorgelagert sind, wurde 1917 weit über die Fuggerstadt hinaus als Idealtyp einer modernen Synagoge gefeiert. Mit der 29 Meter hohen Kuppel wird sie heute zu den schönsten Synagogen Europas gezählt.

Die heute nicht mehr vorhandene Orgel, die die jüdische Gemeinde 1940 aus Not an die katholische Gemeinde in Weßling/Ammersee verkaufte, und die Verwendung vollplastischer Bildwerke weisen den Bau als Ort einer Reformgemeinde aus. Bis zur Schoa zählte sie etwa 1000 Mitglieder. Die Synagoge ist ein besonderes Dokument deutsch-jüdischer Geschichte und ein eindrucksvolles Zeugnis des liberalen Judentums – eine Strömung, die einst das deutsche Judentum geprägt hat, bis sie mit den Emigranten aus Hitler-Deutschland vertrieben wurde.

Schändung 1938

Als einzige Großstadtsynagoge in Bayern und eine der ganz wenigen in Deutschland hat die Augsburger Synagoge die NS-Zeit überstanden, im Innern geschändet, aber nicht zerstört. Am frühen Morgen des 10. November 1938 setzten Nationalsozialisten sie in Brand. Doch die gegenüberliegende Tankstelle veranlasste den NS-Gauleiter dazu, das Feuer zu löschen, um ein Übergreifen der Flammen auf die umliegenden Häuser von Nichtjuden zu verhindern.

In den Jahren bis zum Kriegsende wurde die geschändete Synagoge als „Ghettohaus“ benutzt, in das Nationalsozialisten schwäbische Juden zwangsweise einwiesen, bevor sie sie in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten deportierten. Sie ist ein authentischer Ort Augsburger Geschichte, ein Gedächtnisort für die vernichtete jüdische Gemeinde der Stadt und heute wieder das Zentrum einer jüdischen Gemeinde.

Neuanfang

Nach der Schoa nutzten vorwiegend polnische Juden, die die Konzentrationslager überlebt hatten und nicht in ihre Heimatstaaten zurückkehren konnten, einzelne Räume im Synagogenkomplex: Nach der ersten, mittelalterlichen und der zweiten Gemeinde, die im 19. Jahrhundert entstand, bildeten sie die dritte jüdische Gemeinde der Stadt.

Eine Restaurierung des Innenraums der Großen Synagoge wurde erst Mitte der 1970er Jahre von der öffentlichen Hand in Angriff genommen. Sie mündete in die Wiedereinweihung am 1. September 1985, mit der zugleich das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben als erstes selbstständiges Jüdisches Museum in der Bundesrepublik im Westtrakt des Gebäudes eingerichtet wurde. Es zählt zu den wenigen Jüdischen Museen in Deutschland, die in einer noch aktiv genutzten Synagoge untergebracht sind und sich die Räumlichkeiten mit einer jüdischen Gemeinde teilen.

Jüdische Immigration in den 1990er Jahren

Die Immigration von etwa 1.200 russischsprachigen Juden aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion veränderte die jüdische Gemeinde Augsburgs noch einmal von Grund auf. Gegenwärtig umfasst sie ca. 1.500 Mitglieder in Augsburg und dem gesamten Regierungsbezirk Bayerisch-Schwaben. Sie ist das Ergebnis einer Revitalisierung, mit der in den 1980er Jahren niemand zu rechnen wagte.