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Ein Silberlöffel und seine Botschaft

Das Jahr 2017 bietet Anlass zu etlichen pompösen Luther-Veranstaltungen. Unter dem missratenen Titel „Nationale Sonderausstellung“ wird in Berlin „Der Luther-Effekt“, in Wittenberg „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“ und in Eisenach „Luther und die Deutschen“ gezeigt werden, natürlich auf der Wartburg. Dort präsentiert sich „die berühmte Lutherstube … als atmosphärischer Höhepunkt am Ende der Ausstellung“…

Von Detlef zum Winkel
Zuerst erschienen bei: faust-kultur.de

In der guten Stube mit Kachelofen, Schreibtisch, Tintenfleck und alten Folianten wird wahrscheinlich ein Kleinod zu besichtigen sein, das die Stadt Eisenach der Wartburg-Stiftung als Dauerleihgabe überlassen hat und von dieser als Reiselöffel Martin Luthers bezeichnet wird (1). Letztes Jahr reiste der Löffel mit der Ausstellung „Here I stand“ in die USA (2).

Das antike Stück erregt vornehmlich die Aufmerksamkeit von Sammlern und Kunstliebhabern. Im Antiquitätenkatalog „Bestecke“ (Battenberg Verlag, Augsburg, 1997) findet sich eine Abbildung mit folgender Beschreibung:

„Löffel zum Einschlagen. Silber vergoldet. Deutsche Arbeit um 1525. Länge 13 cm. Stammt aus dem ehemaligen Besitz von Martin Luther. Dieser verschenkte den Löffel an seinen Freund Johann Caspar Aquila (gest. 1560) als Dank für dessen Hilfe bei der Übersetzung des Alten Testaments aus dem Hebräischen in die deutsche Sprache. Stiel und Laffe weisen lateinische und hebräische Texte auf:

»Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.
Der Messias wird ausgerottet werden.
Christus ist unser Heil.
Gottes Wort ist unser Leben, Licht,
Friede, Gesundheit und Heil. Das
himmlische Brot schützt und überwindet
die Hölle. Mit höchster Weisheit
befreit er die Söhne Gottes.
Ist Gott mit uns, wer könnte wider uns sein.«

Marktwert: Eigentlich unschätzbar, da historisches Unikat. Mindestens aber mehrere zehntausend Mark.“

Es scheint ein Glücksfall zu sein, dass der Marktwert so hoch ist. Sonst würde man den ziselierten Worten, die wir keinem anderen als Luther selber zuzuordnen haben, womöglich noch weniger Beachtung schenken, als es bisher der Fall war. Durchschnittlich 350.000 BesucherInnen zählt die Wartburg jährlich. Nicht alle haben die Kontaktreliquie bewundert, aber eine erkleckliche Menge wohl doch, darunter sicherlich auch Historiker, Theologen, Luther-Exegeten. Sie sind daran vorbeidefiliert, hübsche Arbeit, schönes Stück, was steht da geschrieben? Pax, sanitas, salus… Passt schon.

„Der Messias wird ausgerottet werden.“ Ist denn niemand darüber gestolpert? Wenn der Reformator vom Ausrotten spricht, sollte man schon mal zusammenzucken, weiß man doch, wer meistens gemeint ist. Luthers Hass auf die Juden ist bekannt, sodass man den Satz wie eine seiner antisemitischen Tiraden lesen kann. Wollte er den messianischen Erwartungen, die unter den Juden des Mittelalters einigen Anklang fanden, eine – typischerweise vernichtende – Absage erteilen? Dann würde die Fortsetzung des Gedankens lauten, dass jener Unglaube nur den Zweck verfolge, dem wahren Erlöser, nämlich Christus, die Anerkennung zu verweigern. Doch die Sätze auf dem Löffel haben einen anderen Sinn.

Luther geht an die Fundamente des Christentums

Der Messias wird verdammt. Wer ist dann Christus? „Unser Heil“, heißt es umsichtig. In der direkten Folge der beiden Sätze gewinnt die Aussage eine theologische Grundsatzbedeutung. Christus wäre demnach nicht der Messias, von dem im Alten Testament die Rede ist. Damit geht Luther an die Fundamente des Christentums. Millionenfach legen sowohl katholische als auch protestantische Gläubige das Bekenntnis ab, Christus sei der von Gott gesandte Messias, prophezeit im Alten Testament und erschienen in der Gestalt des Jesus von Nazareth. Dass der Messias „auszurotten“ sei, ist für sie eine extrem befremdliche Äußerung, ein Dokument des Unglaubens. Und doch sagt Luther eben dieses, off the records zwar, aber keineswegs beiläufig. Es ist eine Mitteilung unter Vertrauten, Dialog von zwei Bibelübersetzern, die mit einigem Recht von sich behaupten können, die Materie wie kein anderer ihrer Zeitgenossen zu kennen.

Luther zerreißt hier ein zentrales Verbindungsglied, durch welches das Neue Testament traditionell auf das Alte zurückgeführt wird. Jene protestantischen Sekten, denen das Alte Testament ohnehin nichts bedeutet, können sich bestätigt fühlen. Den Lutheranern sollte das zu denken geben. Ist es nur eine der vielen anstößigen Bemerkungen des Mönchs von Wittenberg?

Die Sätze des Löffels sind von mitleidsloser Logik. Christus ist kein Messias, sondern ein Heilsbringer. Das Heil bringt er seinen Anhängern dadurch, dass er Gottes Wort verkündet, das sie aus der Hölle rettet. Denn Gott befreit seine Söhne mit höchster Weisheit. – Frau Käßmann wird das möglicherweise anders verstehen, aber für den Laien sieht es nach einem Plural aus. Söhne Gottes wären demnach nicht solche, die eine Jungfrau vom Heiligen Geist empfangen hat, sondern solche, die Gott mit höchster Weisheit ausstattet. Töchtern bleibt diese Gabe verwehrt. Töchter Gottes sind nicht darstellbar. Jesus ist ein Religionsstifter wie Moses für die Juden und Mohammed für die Muslime, aber keine höhere ontologische Instanz. Der Text auf dem Silber endet mit der Beschwörung des göttlichen Beistands. Den braucht Luther, damals wie heute, gegen schätzungsweise 99% der Christenheit. Seine Absage an jeden Messiasglauben war konsequent. Seine Verdammung durch den Heiligen Stuhl war es aber auch.

Gibt es also neben dem populistischen Luther, auf den sich die Nazis aller Zeiten nicht zufällig berufen, den vernünftigen Theologen, der die gröbsten Abwege des Aberglaubens aus seiner Religion verbannen will? Betrachten wir noch einmal den vergoldeten Silberlöffel. In seine Mulde ist ein Abbild des gekreuzigten Jesus eingraviert. Ein zeitbedingtes Symbol? Nein, gerade dieses religiöse Symbol hat die Zeiten überdauert. Hier ist es auf ein Essbesteck gezeichnet. Das Martyrium des gefolterten Menschen begleitet die Aufnahme der Nahrung und reizt den Geschmacksnerv. Das gilt umso mehr für den sinnesfrohen und vulgären Luther, der sich gern über das Fressen, Saufen und die Verdauung ausließ, wenn seine Zunge am Bild der sterbenden Kreatur spielte. Im Vergleich dazu war der Scherz, für den Carolin Kebekus abgestraft wurde, ziemlich harmlos (3).

Denn beim Luther-Löffel handelt es sich nicht um Satire. Die ästhetische Verirrung, die er dokumentiert, offenbart die geistige und damit auch geistliche Barbarei seines Besitzers. Here I eat. Folter als Steigerung sinnlicher Genüsse – das kann nicht in der Absicht des Gekreuzigten gelegen haben, selbst wenn er seinen Tod als Dienst an der Menschheit verstanden haben sollte. Das Museumsstück ist ein Fall für die Psychoanalyse.

Luthers Theologie anhand einer Kurznachricht abhandeln zu wollen, geht natürlich gar nicht und liegt nicht in der Absicht dieses Textes. Er versteht sich nur als Antwort auf die höfliche Frage der Webseite museum-digital thüringen unter dem Eintrag für dieses Exponat: „Ist Ihnen etwas aufgefallen?“

Bild oben: Löffel (1525) aus dem Besitz von Martin Luther, Wartburg, Eisenach, Foto: Wolfgang Sauber / Wikimedia Commons

1 http://www.museum-digital.de/thue/index.php?t=objekt&oges=1257
2 http://www.stiftungfriedenstein.de/sites/default/files/downloads/here_i_stand_-_lutherausstellung_im_amerika_2016.pdf, Katalog in deutsch, Abbildung S. 50
3 https://de.wikipedia.org/wiki/Carolin_Kebekus; Abschnitt Kontroversen