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Der IS und der Staatszerfall

Der französische Historiker Pierre-Jean Luizard führt in „Die Falle des Kalifats. Der Islamische Staat oder die Rückkehr der Geschichte“ den Erfolg der Organisation auf den Staatszerfall zurück. Auf engem Raum gelingt es dem Autor, diesen Kontext zu begründen und auch die Fehler westlicher Politik zu benennen, was nicht unbedingt neu und originell, aber beachtenswert und reflexionswürdig ist…

Von Armin Pfahl-Traughber

Der „Islamische Staat“ (IS) wird als terroristische Organisation nicht als entstehender Staat zur Kenntnis genommen. Das ist durchaus richtig und auch gut gemeint, aber ebenso einseitig und schief. Denn man hat es mit einer salafistischen Gruppierung zu tun, welche Gebiete politisch kontrollieren und staatsähnliche Strukturen aufbauen will. Auch wenn es diesbezüglich zu Rückschlägen gekommen ist, ändern sie doch nichts an der entsprechenden Grundhaltung des IS. Diese erklärt zumindest teilweise dessen Aufkommen, das eben nicht nur durch Repressionen, sondern auch durch Zustimmung erfolgte. Diesen Erfolg erklären und verstehbar machen will der Historiker Pierre-Jean Luizard directeur de recherche im Centre national de la recherche scientifique(CNRS) in Paris. Seine Analyse findet sich in dem schmalen Band „Die Falle des Kalifats. Der Islamische Staat oder die Rückkehr der Geschichte“ mit gerade mal 150 Seiten, der 2015 in Frankreich erschien und dort 2016 mit dem Prix Étudiant du Livre Politique – France Culture ausgezeichnet wurde.

Zunächst fragt der Autor darin nach den Gründen für den Aufstieg der Organisation, die eben nicht nur militärischer Natur gewesen seien: „Zwar trat der Islamische Staat als bewaffnete Avantgarde in Erscheinung … doch im Gegensatz zum Vorgehen von Al-Qaida … gebärdete er sich der örtlichen Bevölkerung gegenüber nicht als fremde oder fremdempfundene Besatzungsmacht. Seine gänzlich andere Strategie beruhte auf der Rückgabe der örtlichen Macht … an lokale Akteure“ (S. 13). Als weiterer Gegensatz bemühte sich der IS „um die territoriale Verankerung einer Macht …, die fortan auf einen im Aufbau befindlichen Staat, einen Souverän (…), eine Armee … ja sogar eine Währung verweisen kann!“ (S.21). Gerade der beanspruchte Ordnungsfaktor angesichts von beobachtbarem Staatszerfall erklärte mit diese politische Wirkung. Dies macht Luizard auch mit Rückgriffen auf die politische Entwicklung vom Sykes-Picot-Pakt bis zur Gegenwart als längerfristige „Rückkehr der Geschichte“ (S.31) in aktuelle Ereignissen deutlich.

Nachdem die diesbezüglichen Entwicklungen im Irak und in Syrien entsprechendes Interesse gefunden haben und die gegenwärtige Bedrohung Jordaniens, des Libanon, Saudi Arabiens und der Türkei vermittelt wurde, steht der IS wieder im Zentrum. Für den Autor habe er versucht, seinen Krieg mit dem Westen zu verbinden: „Die westlichen Initiatoren der Anti-IS-Koalition haben zwar eine vordringliche Gefahr nicht nur für die Staaten der Region, sondern für die westlichen Demokratien ausgemacht, weigern sich aber, die vollen Konsequenzen ihres Kriegseintritts zu tragen … Schlimmer noch, sie verlassen sich vor Ort auf Partner, die für den Zusammenbruch der nahöstlichen Staatenordnung verantwortlich sind … Vor allem aber hält die Anti-IS-Koalition nicht den Hauch einer politischen Perspektive für die Bevölkerungsgruppen bereit, die sich dem IS angeschlossen haben oder seine Herrschaft als das kleinere Übel betrachten…“ (S. 135). Ein ohne politische Perspektive begonnener Krieg sei wohlmöglich schon im Voraus verloren. Darin bestehe die Falle des Kalifats.

Die Betrachtungen und Einschätzungen von Luizard sind weder neu noch originell. Gleichwohl macht er berechtigt auf eine Fehlwahrnehmung des IS als nur gewalttätiges und nicht auch politisches Phänomen aufmerksam. Der Autor nimmt zwar keine platte Schuldzuschreibung  gegenüber dem Westen vor. Gleichwohl sieht er dort gravierende Fehler nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Gegenwart. Die im „Arabischen Frühling“ zum Ausdruck kommende Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität wurde vom Westen nicht konstruktiv gefördert. Der IS konnte teilweise das entstandene Vakuum füllen. Dies macht Luizards Buch deutlich. Es genügen dazu tatsächlich die eher wenigen Seiten. Die darin enthaltenen Grundpositionen können noch Gültigkeit in der schnelllebigen Zeit beanspruchen. Auch wenn der IS auf dem Rückzug ist und stärker auf terroristische Anschläge in Europa „umgestellt“ hat, bleiben die Bedingungsfaktoren für seinen Erfolg in den Ländern des Nahen Ostens noch präsent. Dieses Gefahrenpotential besteht auch für den Westen.

Pierre-Jean Luizard, Die Falle des Kalifats. Der Islamische Staat oder die Rückkehr der Geschichte, Hamburg 2017 (Hamburger Edition), 150 S., Euro 20,00, Bestellen?