„Herzensbildung“ praktizieren und weitergeben

Eine außergewöhnliche israelische Ehrerweisung für Albrecht Lohrbächer…

Von Antje C. Naujoks

Der bald 74-jährige Albrecht Lohrbächer macht dem Ausdruck «Un-Ruhestand» alle Ehre. Da er jedoch bereits neben seiner einstigen Berufstätigkeit als Pfarrer und Schuldekan auf viele Jahrzehnte eines ehrenamtlichen Unruhezustandes zurückblickt, wird er nunmehr von Ramat Gan, der israelischen Partnerstadt seines Heimatortes Weinheim, mit einer außergewöhnlichen Auszeichnung bedacht. Am 26. März 2017 wurde Lohrbächer im Rahmen einer feierlichen Zeremonie im Russel Kulturzentrum dieses über 150.000 Einwohner zählenden Ortes des Großraumes Tel Aviv zum „Honoratior der Stadt“ ernannt, oder wie man in Deutschland sagen würde, zum Ehrenbürger der Stadt; eine Auszeichnung die in Israel kaum Personen zuteilwird, die nicht vor Ort leben.

Mit dieser höchsten Auszeichnung der Stadt Ramat Gan, die dafür bekannt ist, die Diamantenbörse und den Safari-Park des Landes zu beherbergen, wird Lohrbächers Lebenswerk geehrt: die Förderung der deutsch-israelischen Freundschaft. Für Ramat Gan bedeutet das konkret: Die von Lohrbächer vor fast vier Jahrzehnten geknüpften Kontakte wurden 1999 in eine offizielle Städtepartnerschaft verwandelt, die dank des unermüdlichem Einsatz dieses Mannes mit Leben erfüllt ist. Lohrbächer knüpfte nicht nur die ersten Kontakte, die zunächst über den Holocaust-Überlebenden Shmuel Gogol und sein weit über Israel hinaus bekanntes Mundharmonika-Orchester liefen, und füllte sie in vielerlei Hinsicht mit lebendigen Aktivitäten, sondern sorgte vor allem dafür, dass ganze Generationen die Städtepartnerschaft mit weiterem Leben bereichern.

Ganz wie es sich für einen auch heute noch Junggebliebenen gehört, stellt Lohrbächer dabei nach wie vor die Jugend in den Mittelpunkt. Seit Jahrzehnten reisen Weinheimer Schüler und Schülerinnen nach Ramat Gan und erhalten durch ihre Altersgenossen einen unmittelbaren Einblick in israelische Realitäten, die häufig so ganz anders sind, als man aufgrund des von den Medien entworfenen Israel-Bildes vermutet. Beim Gegenbesuch der israelischen Schüler und Schülerinnen aus Ramat Gan in Weinheim und Umgebung werden dann oftmals letzte Berührungsängste gegenüber Deutschen und Deutschland abgebaut. Zu Recht wird Lohrbächer in dem offiziellen Auszeichnungsschreiben der Stadt Ramat Gan als „der Vater des Jugendaustausches“ bezeichnet. Im Laufe der Jahrzehnte reisten viele hundert Schüler und Schülerinnen in beide Richtungen, und dieser Jugendaustausch ist jener Dreh- und Angelpunkt, der die Städtepartnerschaft zu dem machte, was sie heute ist.

Unzählige Schüler und Schülerinnen dieses Jugendaustauschprogramms halten nicht nur weiterhin untereinander Kontakt, sondern stehen auch, manchmal sogar noch nach vielen Jahren, mit Lohrbächer selbst in Verbindung. Nicht wenige ehemalige Teilnehmer meldeten sich bei ihm, als bekannt wurde, dass er geehrt wird. Für Lohrbächer ist die Tatsache, dass diese Menschen die Städtepartnerschaft erblühen lassen, wohl der schönste Dank für sein Wirken, bei dem ihm über fast fünf Jahrzehnte hinweg seine Ehefrau Ulrike eine unerlässlich wichtige Partnerin und Stütze ist.

Doch das ist längst nicht die einzige Errungenschaft seines Wirkens. Auch nur einen kleinen Bruchteil des Engagements dieses Mannes in einen Beitrag wie diesem zusammenfassen zu wollen, grenzt an ein schlichtweg nicht zu bewerkstelligendes Unterfangen. Hier kann man nur einige Schlaglichter erwähnen, wie sein Wirken für den christlich-jüdischen Dialog, das er ebenfalls mit Publikationen untermauerte, und seine akademisch-praktische Auseinandersetzung mit der Schoa und „Erinnern, Lernen, Gedenken“ wie es im Untertitel des von ihm 1999 herausgegebenen Buches heißt. Doch wer Lohrbächer kennt, der weiß auch, dass er sich in Deutschland rund um das Thema Flüchtlinge und Integration im Arbeitskreis Asyl verdient macht und dafür als dessen Initiator zusammen mit seinen Mit-Aktivisten erst kürzlich mit dem Rolf-Engelbrecht-Preis für Integration ausgezeichnet wurde.

Aus meiner Sicht als Deutsch-Israelin und als Politologin kommen weiteren Initiativen Lohrbächers herausragende Bedeutungen zu. Wann immer er Israel in den Medien falsch porträtiert sieht oder blinde Israel-Feindseligkeit zum Tragen kommt, die sich als Anti-Zionismus ausgibt, jedoch lediglich ein in ein neues Gewand gekleideter tradierter Antisemitismus ist, so meldet er sich zu Wort, schreibt und argumentiert, verschafft sich Gehör, protestiert, klärt und deckt auf. Gerade in diesen Zeiten braucht nicht nur Israel, sondern auch Deutschland mutige Stimmen wie diese, die sich unerschrocken in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen, Fakten hervorkramen und aufarbeiten und nicht müde werden, mit Feingefühl und Respekt, aber dennoch nachdrücklich und deutlich Missstände in Worte zu fassen.

Doch Lohrbächer treibt seit nunmehr 13 Jahren ein weiteres Unterfangen um, an das er sich Jahr aus, Jahr ein ehrenamtlich mit viel Akribie und Herzensblut macht und es so ausführt, als sei es eben einmal so nebenbei gemacht (was in keiner Weise zutrifft): Jedes Jahr im Frühjahr reist er mit einer Medienvertreter-Delegation von Presse, Rundfunk und TV nach Israel. Er möchte aufzeigen, dass Israel ein sehr viel facettenreicheres Land ist, als in den Meldungen der Nachrichtenagenturen zum Tragen kommt, die diese Medienvertreter nachfolgend für Leser, Zuhörer und Zuschauer aufarbeiten. Immer wieder zeigt sich, dass selbst Medienvertreter, die aufgrund ihres Berufes sehr viel mehr Ein- und auch Durchblick haben müssten, auf den von Lohrbächer zu verschiedenen Themeneinheiten konzipierten 10-tägigen Reisen tagtäglich Neues erfahren und bedeutsame Begegnungen machen, die weitverbreitete Israel-Bilder zumindest in Frage stellen, wenn nicht sogar ins Wanken bringen, dies u.a. bezüglich Minderheiten, Religionen, Ethnien, Technologie, Armee und Wirtschaft. Mir war es vergönnt, häufiger tageweise zu diesen Delegationen hinzuzustoßen und so kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Albrecht Lohrbächer schafft es auch in diesem Bereich – wie in so vielen anderen –, „ein Stück Herzensbildung“ weiterzugeben. Ein derartiges Engagement brauchten sowohl Deutschland als auch Israel nicht nur in der Vergangenheit, sondern benötigen es ebenfalls in der Gegenwart – dringend sogar.

Kommentar verfassen