„Sei immer stolz ein Jude zu sein“

Karl Pfeifer beschreibt Teile seines jüdischen Lebenswegs zwischen Israel und Europa. Eine Wiederbegegnung mit Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in der politischen Kultur Ungarns…

Von Martin Jander

Es ist sehr schade, dass ich Karl Pfeifer und seine präzisen Analysen nicht schon früher kennen gelernt habe. 1979 – ich war Student in West-Berlin und befreundete mich gerade mit einigen Dissidenten aus der DDR – fing der in Österreich lebende Journalist an, über das kommunistische Ungarn zu schreiben.[1] Wer heute seine ausgewählten Artikel aus den 80er Jahren liest, ist erstaunt, wie detailliert, geschichtsbewusst und gespickt mit vielen Insiderinformationen seine Analysen sind. Für mich, der ich damals völlig unerwartet und unvorbereitet Einblicke in die DDR-Dissidentenszene und ihre meist nur dünnen Kontakte nach Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei erhielt, wären seine Analysen damals sehr hilfreich gewesen.

Aber es kann anders. Ich lernte Karl Pfeifer und seine Berichte, die nicht nur von Umgarn handeln, sondern auch von Europa, Österreich[2] und Israel[3], erst über haGalil schätzen. Das war bereits lange nach dem Fall der Mauer. Ungarn, die frühere DDR, Polen und alle anderen Diktaturen sowjetischen Typs, waren bereits auf dem holperigen Pfad nach Europa und zur Demokratie. Auf diesem Weg tauchen erneut die „Geister“ der Vergangenheit auf, die nie, auch unter der Decke der kommunistischen Diktaturen, ganz verschwunden waren. Das westliche Europa, gegenwärtig noch ganz fixiert auf die Folgen der kommunistischen Ära in Osteuropa, hat das lange nicht gesehen und hat noch keinen rechten Umgang damit gefunden. Die „Gespenster“ der Zwischenkriegszeit, des Nationalismus, des Antisemitismus und der verschiedenen Rassismen sind nicht tot, sie hatten sich nur versteckt.

Für einen Leser von Karl Pfeifers Berichten kommt das alles nicht wirklich überraschend. Die Folgen dieser lange verdrängten und nicht wahrgenommenen Unkulturen waren und sind in seinen Analysen immer präsent. Das Ende der Diktaturen sowjetischen Typs markiert in vielerlei Hinsicht erst den Anfang der Auseinandersetzung und Konfrontation mit diesen „Gespenstern“. Die Zurückweisung dieser Aufarbeitung war dagegen bereits seit dem Ende des Kalten Krieges klar und deutlich zu sehen. Wer die Geschichte Osteuropas unter diesem Blickwinkel noch nicht kennt, muss das neue Buch Pfeifers, das ausgewählte Analysen Ungarns von 1979 bis in die Gegenwart enthält, unbedingt erwerben.[4]

Die Sammlung ist, das mag ungewöhnlich erscheinen, der zweite Band von Pfeifers Autobiographie. Der erste ist bereits vor einiger Zeit, ebenfalls in der „Edition Critic“, erschienen.[5] Wer beide Bücher hintereinander liest, den befällt großer Schrecken. Es wird ganz schnell deutlich, woher der klare und präzise Blick Pfeifers auf die Verhältnisse, nicht nur in Osteuropa, auch in Österreich, Europa und Israel herrührt. Die „Gespenster“ des Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus sind ihm nur allzu gut bekannt.

Pfeifer entkam ihnen, aufgewachsen in Österreich, geflohen nach Ungarn, nur knapp, indem er 1943 ins britische Mandatsgebiet Palästina ging. Der Satz „Sei immer stolz ein Jude zu sein“, den sein Bruder ihm im Alter von 11 Jahren einprägte, steht für die Entscheidung aus Ungarn weg zu gehen und gleichzeitig für seine Lebensrettung.[6] Als der Ort seines Exils, das sich gründende Israel, von seinen arabischen Nachbarn gleich nach der Gründung zerstört werden sollte, meldete er sich zur Palmach und tat das seine dazu, dass Israel, der Traum vieler Generationen verfolgter europäischer Juden, überlebte. Nach der Rückkehr in das Europa nach der Shoa, begann er nach seinen nur noch wenigen überlebenden Familienmitgliedern und Freunden zu suchen.

Pfeifers Analysen sind so präzise, haben solche historische Tiefe und strahlen, trotz aller Sachlichkeit, große Menschlichkeit aus und bieten eine unverschnörkelte Sicht auf die „Gespenster“, weil es sich für Pfeifer dabei um eine Wiederbegegnung handelt. Im Alter von fast 90 Jahren nutzt Pfeifer seine Autobiographie dazu, den Europäern die Augen zu öffnen, für die Gefahren, die ihnen wieder einmal drohen.[7]

Man vergesse leicht, so schrieb einer der bedeutenden Intellektuellen Ungarns, György Dalos, in der Einleitung zum ersten Band von Pfeifers Autobiografie, dass es sich bei dem Journalisten um einen Menschen handele, „der sich bereits zu Zeiten der Diktatur um die zukünftige ungarische Demokratie verdient gemacht hatte und deswegen besonders empfindlich auf deren Mängel“[8] reagiere. Dieses Urteil gilt es zu erweitern. Pfeifer hat sich bereits lange vor den kommunistischen Diktaturen in Europa, nicht nur mit Worten um die Demokratie und nicht nur in Ungarn verdient gemacht. Es gibt mehr als einen guten Grund ihm zuzuhören.

1979 habe ich Karl Pfeifer und seine Analysen noch nicht gekannt. Heute warte ich immer gespannt auf seine nächsten Artikel. Sie sind wahre, oft nicht angenehme, Augenöffner. Über das Ungarn von heute schreibt Pfeifer: „Während ich noch bis vor ein paar Jahren oft und gerne nach Ungarn fuhr, tue ich das heute nicht mehr.“[9] Nicht nur sein Alter halte ihn davon ab. Viele seiner früheren Freunde hätten Ungarn verlassen, andere hätten ihren Frieden mit dem Orbán-Regime gemacht und sich von ihm abgewandt.

So geht es mir mit der früheren DDR. Ich fahre nicht mehr gerne ins PEGIDA-Land. Viele meiner früheren Freunde sehen überhaupt nicht, was sich da zusammenbraut. Geschweige denn, dass sie etwas unternähmen. Leider hat die Ex-DDR auch nur wenige solcher Autoren wie Karl Pfeifer, die ihr so gekonnt den Spiegel vorhalten würden, wie er es mit Ungarn tut. Die großen Stimmen der früheren DDR-Literatur sind angesichts der neuen völkischen Massenbewegung sehr stumm. Viele, die da anders dagegen gehalten hätten, wie z. B. Helmut Eschwege – auch er schaffte es gerade noch rechtzeitig ins britische Mandatsgebiet Palästina – sind leider schon tot.        

Karl Pfeifer: Immer wieder Ungarn – Autobiographische Notizen, Nationalismus und Antisemitismus in der politischen Kultur Ungarns – Texte 1979 bis 2016, Edition Critic 2016, 155 S., Euro 15,00, Bestellen?

[1] Siehe: Karl Pfeifer, Immer wieder Ungarn – Autobiographische Notizen, Nationalismus und Antisemitismus in der politischen Kultur Ungarns – Texte 1979 – 2016, Berlin 2016, S. 12.

[2] Siehe: Karl Pfeifer, Nicht immer ganz bequem, Wien 1996.

[3] Siehe: Karl Pfeifer, Theodor Much, Bruderzwist im Hause Israel: Judentum zwischen Fundamentalismus und Aufklärung, Wien 1999.

[4] Siehe auch die tolle Besprechung des neuen Buches hier: http://www.tabletmag.com/jewish-news-and-politics/75011/lives-of-others

[5] Siehe: Karl Pfeifer, Einmal Palästina und zurück – Ein jüdischer Lebensweg, Berlin 2015.

[6] Siehe auch den Film über Karl Pfeifer, der von Roland Kaufhold für haGalil rezensiert wurde: http://www.hagalil.com/2011/08/pfeifer-4/

[7] Wer noch keine Buchpräsentation mit Karl Pfeifer erlebt hat, wozu ich dringend rate, der sollte sich die beiden im Internet verfügbaren Präsentationen mit dem Autor selbst anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=9HMMxaLyyjg (Ungarn) und https://www.youtube.com/watch?v=hygKDEczoEw (Palästina)

[8] Zitiert nach: György Dalos: Karl Pfeifer und die ungarische Demokratie, in: Karl Pfeifer, Einmal Palästina und zurück – Ein jüdischer Lebensweg, Berlin 2015, S. 11.

[9] Zitiert nach: Karl Pfeifer, Immer wieder Ungarn, Autobiographische Notizen, Nationalismus und Antisemitismus in der politischen Kultur Ungarns, Texte 1979 – 2016, Berlin 2016, S. 44.