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„Ein polyphones und disparates Mosaik“

Ein neuer Sammelband über deutschsprachige Juden in Haifa…

Die Jeckes waren und sind immer noch ein beliebtes Thema bei Historikern, Journalisten und Kulturwissenschaftlern. Schon viel Papier ist über das Schicksal der deutschsprachigen Einwanderer nach Erez Israel bedruckt worden – der Onlinekatalog des Bibliotheksverbunds Bayern weist beispielsweise über 50 Titel aus. Allein im letzten Jahr haben drei neue Werke die Druckerpressen verlassen. Eigentlich müsste doch schon alles ausreichend dokumentiert, analysiert und kommentiert sein. Nun legt die ehemalige Leiterin des Leo-Baeck-Instituts (Jerusalem) und heutige Direktorin des Centrum Judaicum (Berlin), Anja Siegemund, einen weiteren, rund fünfhundert Seiten starken Band vor – mit dem Schwerpunkt Haifa. Die Mühe hat sich gelohnt.

Die nordisraelische Hafenstadt gilt zwar „legendär“ als die „Stadt der Jeckes“, schreibt Siegemund im Vorwort, doch ist sie „in dieser Hinsicht fast gänzlich unbeschrieben“. Diese „schlichte Erkenntnis“ drängte sich der promovierten Historikerin förmlich auf, da sie „selbst einige Jahre in Haifa gelebt hatte“. Die Stadt kann daher ein als exemplarisches „Prisma und Beispiel“ für die Ansiedlung der deutschsprachigen Juden in Erez Israel herangezogen werden.

Der Sammelband enthält 30 wissenschaftliche Texte von 26 israelischen und deutschen Autoren – allein drei aus der Feder der Herausgeberin – aus den unterschiedlichsten Fachbereichen, die innovativ den kulturellen Transfer von Europa nach Palästina „im Spannungsfeld von Bewahrung und Transformation“ untersuchen. Eingeleitet wird der Band von Anja Siegemund mit einem umfangreichen Essay, in dem das jeckische „Klischee und Faszinosum neu verhandelt“ und die einschlägige Sekundärliteratur einer kritischen Rezeption unterzogen wird. Anschließend beleuchten die Autoren in vier Kapiteln die Themenbereiche 1. Annäherungen, 2. Akkulturationen, Kulturtransfers, Kulturkämpfe, 3. Menschen, Familien, Generationen und 4. Gedächtnisse, Tradierungen, Hinterlassenschaften. Angereichert wird der Band durch zahlreiche einzigartige – bislang unveröffentlichte – Fotos, vornehmlich aus Privatbesitz.

Nicht zuletzt damit löst die Herausgeberin ihren Anspruch nach einem „vielfarbigen Mosaik“ ein, das von den Autoren sachkundig mit gelehrten Texten ergänzt wird. Sie dokumentieren und hinterfragen die großen und aktuellen Themen von Kulturtransfer und Identität in der Einwanderungsgesellschaft im Mikrokosmos einer Stadt. Ein interessantes deutsch-israelisches Kooperationsprojekt. Leider richtet sich das Buch jedoch eher an die gebildeten Stände als an eine breite Leserschaft!– (jgt)

Anja Siegemund (Hg.), Deutsche und zentraleuropäische Juden in Palästina und Israel. Kulturtransfers, Lebenswelten, Identitäten – Beispiele aus Haifa, 514 Seiten, 39,00 €, Bestellen?

Eine Leseprobe (Einleitung) und das Inhaltsverzeichnis sind auf der Verlagsseite abrufbar.

Bild oben: Die „Gerusalemme“ bediente die Passage Triest – Haifa – Triest und brachte in den 1930er Jahren zahlreiche Jeckes nach Erez Israel. Repro: nurinst-archiv