Unbekannte Fotos eines vergessenen Fotografen

Hans Berben dokumentierte den jüdischen Neuanfang im Land der Täter…

Frühjahr 1945. Deutschland liegt in Schutt und Asche. Die Alliierten haben das Land in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Bald begann in den drei Westzonen der demokratische Neuaufbau des Landes. Am 23. August 1946 gründete die britische Militärregierung aus Teilen der preußischen Rheinprovinz und Westfalen das Land Nordrhein-Westfalen mit der Hauptstadt Düsseldorf. Begleitet wurde der Prozess des politischen, sozialen und kulturellen Neuanfangs von dem 1914 im Saarland geborenen Fotografen Hans Berben, der als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Düsseldorf übersiedelte. Schon als Kind war der Junge von der Fotografie fasziniert. Die Kamera war sein steter Begleiter: sowohl während seiner Zeit als Soldat aber auch im zivilen Alltagsleben.

Nach dem Krieg schrieb und fotografierte Hans Berben für die in Düsseldorf verlegte Zeitung „Rhein-Echo“, ein sozialdemokratisch geprägtes Blatt. Journalistisch porträtierte er den Wiederaufbau der Stadt, den ersten Ministerpräsidenten des Landes, Karl Arnold, sowie andere Politiker und dokumentierte die politischen Diskussionen. Doch insbesondere lichtete er die Menschen in ihrem Alltagsleben ab – in der Kneipe, bei Kulturveranstaltungen, auf dem Fußballplatz oder am Boxring. Er fotografierte auch Kinder, die mit leuchtenden Augen Care-Pakete in Empfang nehmen oder etwa die 20 Jungen und Mädchen aus den jüdischen Gemeinden der Region, wie sie freudig den Bus bestiegen, der sie zur Erholung in die Schweizer Berge brachte.

Das Büro des „Jüdischen Gemeindeblattes für die britische Zone“, die Zeitung wurde später in „Allgemeine Jüdische Wochenzeitung“ umbenannt, befand sich im selben Haus wie die Redaktionsräume des „Rhein-Echos“. Dadurch lernte Hans Berben den Herausgeber des „Gemeindeblattes“, Karl Marx, und den ersten Vorsitzenden des Landesverbands der jüdischen Gemeinde der Nordrheinprovinzen, Philipp Auerbach, kennen. Durch diese engen persönlichen Kontakte konnte Berben mit seiner Kamera hautnah den Wiederaufbau der Düsseldorfer Gemeinde begleiten. Einzigartige Fotos vom ersten Rosch Haschana Gottesdienst nach der Befreiung, vom Chanukkafest und der Eröffnung des Betsaals sind Zeugnisse seines Schaffens. Mit Philipp Auerbach besuchte Berben am 15. April 1946 auch die Einweihung des Mahnmals in Bergen-Belsen am ersten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers. Der Düsseldorfer Fotograf war auch einer der wenigen Bildjournalisten, der die gewaltsam erzwungene Rückkehr der rund 4.000 Exodus-Passagiere in Deutschland ablichten durfte. Vom Hamburger Hafen aus wurden die Juden unter strenger militärischer Bewachung mit vergitterten Eisenbahnwaggons in die beiden Internierungslager „Am Stau“ und „Pöppendorf“ gebracht.

Karl Marx (l.) im Gespräch mit Ruben Abelson im Camp Bocholt, Abbildung aus dem Katalog: © Sammlung Hans Berben, LVR-ZMB

Doch Hans Berben dokumentierte auch freudige Ereignisse. Mit Karl Marx besuchte er das „Palestine Transit Camp“ in Bocholt. In einem ehemaligen NS-Lager warteten 1947 Hunderte von Displaced Persons aus verschiedenen Auffanglagern in der britischen Besatzungszone auf ihre Ausreise nach Palästina. Im Rahmen der Operation „Grand National“ hatte die britische Regierung 1947 rund 1.000 Männern, Frauen und Kindern gestattet, offiziell nach Erez Israel einzureisen. Mit diesem Programm wollte die damalige Mandatsmacht in Palästina eine legale Alternative zur illegalen jüdischen Masseneinwanderung schaffen. Vergeblich, auch weiterhin versuchten viele Shoa-Überlebende ohne die nötigen Papiere den Weg übers Mittelmeer, um ins Land ihrer Väter zu gelangen. Doch nur wenige schafften es, die meisten Schiffe wurden abgefangen und die Passagiere auf der Insel Zypern interniert.

Reisefertig: Jüdische DPs im „Palestine Transit Camp“ Bocholt, Abbildung aus dem Katalog: © Sammlung Hans Berben, LVR-ZMB

Der erste legale Transport in Richtung Erez Israel, eine Gruppe von 395 Männern, Frauen und Kindern, verließ Bocholt am 1. April 1947. Mit dem Zug ging es in die französische Hafenstadt Marseille, wo die „Providence“ wartete. Am 4. April feierten die überglücklichen Palästinasiedler an Bord des Schiffes den Sederabend des Pessachfestes 5707. Die Erfüllung des traditionellen Wunsches „Leschana haba’ah be Jeruschalaim“ war zum Greifen nahe.

Jahrzehnte schlummerten diese einzigartigen Aufnahmen, insgesamt 11.000 schwarz-weiße Negativstreifen und Abzüge, unbeachtet, unsortiert und unbeschriftet in Kartons. Kurz vor seinem Tod, am 16. April 1979, hatte Hans Berben die Sammlung an Freunde übergeben. Von dort gelangte der fotografische Schatz an das „Zentrum für Medien und Bildung des Landschaftsverbands Rheinland“ in Düsseldorf. Auf der Suche nach historischen Fotos für eine Ausstellung zum 70. Gründungsjubiläum des Landes Nordrhein-Westfalen entdeckte der Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte, Peter Henkel, den Bestand. Für eine erste Schau wählte der Historiker rund 200 Bilder des vergessenen Fotografen aus und präsentierte diese größtenteils noch nie gezeigten Fotos letztes Jahr erstmals der Öffentlichkeit. – (jgt)

Im Laufe des Jahres 2017 soll die Ausstellung in Köln und Berlin gezeigt werden. Die genauen Termine stehen noch nicht fest.

Der großformatige, mit Hintergrundtexten ergänzte Bildband zur Ausstellung ist im Droste Verlag Düsseldorf erschienen: Hildegard Jakobs/Peter Henkel (Hg.), Neues Land. Hans Berben, Fotografien 1946-1951, Düsseldorf 2016, 192 Seiten, 29,80 €, Bestellen?

Bild oben: 20 Kinder aus den Jüdischen Gemeinden der Nordrhein-Provinz fahren im Herbst 1946 zur Erholung in die Schweizer Berge, Abbildung aus dem Katalog: © Sammlung Hans Berben, LVR-ZMB

Kommentar verfassen