Föhrenwald – der letzte Wartesaal zur Emigration

Vor 60 Jahren wurde das letzte jüdische DP-Lager endgültig geschlossen…

Von Jim G. Tobias

Im heutigen Wolfratshausener Ortsteil Waldram entstand in den 1930er Jahren die Siedlung Föhrenwald für die Beschäftigten einer nahegelegenen Munitionsfabrik. Nach der Niederschlagung des NS-Regimes wurden in den rund hundert Ein- und Mehrfamilienhäusern entwurzelte und verschleppte Menschen, sogenannten Displaced Persons (DPs) untergebracht. Föhrenwald war das am längsten bestehende DP-Lager in Europa. „Wir gehörten zu den letzten Familien, die Föhrenwald verließen“, erinnert sich der 1950 dort geborene Simon Ajnwojner. „Ich habe das in unangenehmer Erinnerung. Im Lager kannte ich mich aus, auch wenn unsere Welt beim Eingang am Schlagbaum endete.“

Von der US-Armee angefertigter Lageplan des DP-Camps Föhrenwald, Repro: US National Archives and Records Administration (Public Domain)

Da die US-Behörden den Juden eine weitgehende Autonomie gestatteten, entwickelte sich auch in Föhrenwald rasch eine Verwaltung mit entsprechender Infrastruktur wie Polizei, Lagergericht, Synagogen, Mikwaot, koschere Küchen, Schulen, Kindergärten, Theatern, Sportvereinen, jiddischsprachigen Zeitungen und vielem mehr. Inmitten von Deutschland war quasi über Nacht ein ostjüdisches Schtetl entstanden.

Cheder im DP-Camp Föhrenwald, Repro: nurinst-archiv (talmud-thora.de)

Doch Föhrenwald sollte nur eine Heimat auf Zeit sein. Im Land der Täter wollte man nicht bleiben. Viele wollten nach Erez Israel, allein der jüdische Staat existierte noch nicht. Auch die klassischen Emigrationsländer wie die USA, Kanada oder Australien betrieben eine sehr restriktive Einwanderungspolitik. So mussten die Juden teilweise jahrelang ausharren, bis sich ihnen eine neue Zukunft in Übersee eröffnete. Erst mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 setzte die große Abwanderungswelle ein. Zum Ende der Dekade liberalisierten auch die USA und andere Länder ihre Einreisebestimmungen. Die Bewohnerzahl in Föhrenwald blieb gleichwohl ziemlich konstant, da das Lager DPs aus anderen, nun geschlossenen Einrichtungen, aufnahm. Zudem veränderte sich die Siedlung zum Wartesaal der „Unglücklichen“, für die Menschen, die aufgrund von physischen oder psychischen Erkrankungen nicht in der Lage waren zu emigrieren. Gleichzeitig suchten auch einige Remigranten aus Israel Unterschlupf in Föhrenwald. Sie kamen nicht mit den harten sozialen und politischen Gegebenheiten im neuen Staat zurecht oder hatten gesundheitliche Probleme mit den klimatischen Bedingungen in Nahost.

Die Kinder von Föhrenwald, Foto: UN-Archives

Im Dezember 1951 wurde Föhrenwald der deutschen Verwaltung unterstellt und als „Regierungslager für heimatlose Ausländer“ weitergeführt. Die örtlichen Behörden wollten das Lager zeitnah auflösen – doch wohin mit den Menschen? In ihrer Frustration und Ausweglosigkeit zeigten die Bewohner zudem nur wenig Antrieb ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und ihre Zukunft zu gestalten. Viele hatten Angst, die Sicherheit des Camps zu verlassen und bald mitten unter den Tätern zu wohnen. Trotzdem forderten Abgeordnete im Bayerischen Landtag immer wieder die Schließung von Föhrenwald. Die Bayerische Regierung verhandelte mit dem Bund und dem Deutschen Städtetag wegen Wohnungen für die Föhrenwalder. Auch über Beihilfen zum Existenzaufbau oder zur Auswanderung wurde diskutiert. Doch die Schließung verschob sich ein ums andere Mal, nicht zuletzt aufgrund von massiven Protesten der Bewohner. Im März 1956 sollte das letzte jüdische DP-Lager in Europa nun endgültig aufgelöst werden: „Wir glauben nicht, dass Gewalt nötig sein wird“, orakelte die Jewish Telegraphic Agency und gab der Hoffnung Ausdruck, dass „durch den guten Willen aller Betroffener es möglich sein sollte, Föhrenwald bald zu schließen und die DP-Phase der jüdischen Geschichte endgültig der Vergangenheit anheimzustellen.“ Es dauerte jedoch noch bis zum 28. Februar 1957, bis der letzte Schtetl-Bewohner seine liebgewonnene Heimat verließ.

Von den rund 800 Männern, Frauen und Kindern nahm die Stadt München knapp 500 auf, es folgten Frankfurt mit 125, darunter Simon Ajnwojner mit seiner Familie, und Düsseldorf mit 73 Föhrenwaldern. Der Rest verteilte sich in ziemlich gleich großen Gruppen auf sechs weitere Städte. Durchgehend handelte es sich bei dem Personenkreis „um Härtefälle, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen fast unüberwindliche Einwanderungsschwierigkeiten gegenüberstanden“, beschrieb ein Journalist der Allgemeinen Jüdische Wochenzeitung die Situation. Zusammen mit den überlebenden oder aus der Emigration zurückgekehrten deutschen Juden bildeten die Föhrenwalder den gemeinsamen Grundstock der neuen israelitischen Kultusgemeinden in Deutschland.

Lesetipp! Wer mehr über die jüdischen Displaced Persons in den zahlreichen Camps im Nachkriegsdeutschland und insbesondere über Föhrenwald erfahren möchte, dem sei das im Jahr 1994 publizierte, aber immer noch grundlegende Werk von Angelika Königseder und Juliane Wetzel, Lebensmut im Wartesaal, Frankfurt/Main 1994 empfohlen.

Bild oben: Straßenszene im Camp Föhrenwald, Foto: Hebrew Immigrant Aid Society (Public Domain)

Link Tipp: www.after-the-shoah.org

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